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Medizin

Gefährden lange Schichten die Schlafqualität der Ärzte und die Sicherheit der Patienten?

Donnerstag, 7. März 2019

/Med Photo Studio, stockadobecom

Philadelphia – Aus Sorge um die Gesundheit von Ärzten und die Sicherheit ihrer Patienten wurden in den USA die Schichten von Ärzten in der Ausbildung zeitweise auf 16 Stunden beschränkt. Eine randomisierte Studie kann jetzt jedoch weder eine Verbesserung der Schlafeigenschaften der Ärzte noch einen Unterschied in der Sterberate der Patienten belegen. Lediglich die Vigilanz der Ärzte war laut den Abschlussergebnissen der iCOMPARE-Studie im New England Journal of Medicine (2019; 380: 905-914 und 915-923) nach einer langen Schicht leicht vermindert.

Der tragische Tod einer 18-jährigen Studentin, deren Ärzte im 36-Stundendienst falsche Entscheidungen getroffen hatten, hat in den USA zu einer Änderung des Berufsrechts geführt. Das Accreditation Council for Graduate Medical Education (ACGME) legte 2003 fest, dass Ärzte in den ersten Berufsjahren nicht länger als 80 Stunden in der Woche und 30 Stunden am Stück arbeiten dürfen. Im Jahr 2011 wurde die maximale Schichtdauer für die „Interns“ auf 16 Stunden beschränkt. Diese Regelungen haben eine Diskussion ausgelöst, bei der sich die Gesundheit der Ärzte und Sicherheit der Patienten auf der einen Seite und die Notwendigkeiten der Ausbildung und die Kontinuität in der Betreuung gegenüber standen, die bei längeren Schichten eher gewährleistet sein soll.

Es wurde beschlossen, die Auswirkungen in einer randomisierten Studie zu untersuchen. An der „Individualized Comparative Effectiveness of Models Optimizing Patient Safety and Resident Education“ (iCOMPARE-Studie) beteiligten sich 63 Kliniken, die zwischen Juli 2015 und Juni 2016 auf 2 Gruppen aufgeteilt wurden: 31 Kliniken wurden angewiesen, die ACGME-Richtlinien von 2011 zu verwenden, die anderen 32 Kliniken durften die Arbeitszeiten flexibel gestalten.

Der primäre Endpunkt der Studie war die 30-Tages-Sterblichkeit der Patienten, die Jeffrey Silber vom Children’s Hospital of Philadelphia über die Abrechnungsdaten von Medicare (also nur für die Senioren) recherchierte.

Ergebnis: Weder in den Kliniken, die an den flexiblen Arbeitszeiten festhielten, noch in den Kliniken, die sich an die ACGME-Regeln hielten, kam es gegenüber dem Vorjahr zu einer Veränderung. In den Kliniken mit flexiblen Arbeitszeiten kam es zu einem unwesentlichen Rückgang von 12,6 auf 12,5 % und unter den ACGME-Vorgaben sank die 30-Tages-Sterblichkeit von 12,7 auf 12,2 %. Die Differenz blieb unter der vor der Studie festgelegten Non-Inferioritätsmarge von 1 %.

Auch in anderen Sicherheitsindikatoren (Dekubitalulzera, iatrogenem Pneumothorax, Bakteriämien durch zentralvenöse Katheter, Hüftfrakturen, Blutungen oder Hämatome, physiologischen oder metabolischen Störungen, Atemstillstand, Lungenembolie oder tiefe Venenthrombose, Sepsis und unbeabsichtigte Punktionen oder Läsionen) wurden keine Unterschiede gefunden. Die Wiederaufnahmerate der Patienten innerhalb von sieben oder 30 Tagen war gleich, ebenso die Liegezeiten der Patienten und die Kosten der Behandlung.

In der zweiten Publikation haben Mathias Basner von der Universität von Pennsylvania in Philadelphia und Mitarbeiter die Auswirkungen auf die Müdigkeit der Ärzte untersucht. Die Ärzte trugen für 14 Tage einen Akzelerometer, der die Schlafdauer bestimmte. Am Morgen füllten sie am Smartphone einen Fragebogen zu ihren Schlafeigenschaften aus (Karolinska Sleepiness Scale) und führten an ihrem Smartphone einen kurzen psychomotorischen Vigilanztest durch.

Die Schlafdauer war unter den flexiblen Arbeitszeiten um 0,17 Stunden kürzer und die Schlafqualität um 0,12 Punkte (von maximal 9 Punkten) schlechter als unter den geregelten Arbeitszeiten. Beide Unterschiede lagen auch in den Eckwerten des 95-%-Konfidenzintervalls unter der Non-Inferioritätsmarge, sodass aus den Ergebnissen nicht auf eine Verschlechterung des Schlafes geschlossen werden kann. Die Ärzte scheinen das Schlafdefizit während der langen Schichtdienste tatsächlich in ihrer Freizeit auszugleichen: Vor und nach einer längeren Schicht waren die Schlafzeiten verlängert.

Einzig im Vigilanztest war ein Nachteil durch die langen Schichten nachweisbar. Am Beginn einer verlängerten Schicht machten die Ärzte nur 4,9 Fehler („lapses“), am zweiten Tage der verlängerten Nachtschicht waren es 7,8 Fehler. Bei den Ärzten mit geregelten Arbeitszeiten war kein Unterschied zwischen Tagschicht (5,8 Fehler) und Nachtschicht (5,6 Fehler) nachweisbar.

Im letzten Jahr waren bereits die Ereignisse zu den Auswirkungen auf die Ausbildung der Ärzte publiziert worden (NEJM 2018; 378: 1494-508). Sanjay Desai von der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore und Mitarbeiter konnten keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Arbeitszeitmodellen auf die Patientenbetreuung und die Fortbildungsaktivitäten nachweisen. Die Nachwuchsärzte, die lange Schichten arbeiten mussten, waren jedoch unzufriedener mit der Qualität der Ausbildung – während ihre Chefs entgegengesetzter Meinung waren.

© rme/aerzteblatt.de

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Avatar #109757
Loewenherz
am Montag, 11. März 2019, 13:41

das Verständnis Zeug von Unverständnis.

Solange wir Krankenhäuser wie industrielle Produktionsstätten verwalten wollen, dabei bitte gern mit den rechtlichen Ausnahmen der Patientenversorgung, die von vornherein die Arbeitnehmer schlechter stellen, wird das auch nichts mehr mit der medizinischen Qualität in diesem Land. Lassen Sie es mich ergänzen: Zumindest nicht, wenn wir brauchbare Definitionen von med. Qualität verfolgen wollen.
Avatar #572186
thammies
am Freitag, 8. März 2019, 14:12

Kraankes System / Krankes Verständnis

"dass Ärzte in den ersten Berufsjahren nicht länger als 80 Stunden in der Woche und 30 Stunden am Stück arbeiten dürfen. Im Jahr 2011 wurde die maximale Schichtdauer für die „Interns“ auf 16 Stunden beschränkt"

Allein dieser Satz zeigt doch, wie krank das System ist.
Übertragen Sie mal diese "Arbeitszeiten" auf den Rest der Menschheit. Da wäre ich sehr gespannt, wie die Damen und Herren aus den Verwaltungsämtern und aus dem öffentlichen Dienst reagieren würden, wenn sie so arbeiten müssten....
Avatar #601646
Krankenhausarzt
am Donnerstag, 7. März 2019, 22:09

Studien und "Studien"

Liebe Autoren dieser "Studie": Nicht nur die 30-Tage Sterblichkeit der Patienten sondern auch die 30-Jahre-Sterblichkeit der Ärzte in diese sog. "Studie" mit aufnehmen. Dann wird vielleicht noch was richtiges draus.
Avatar #107994
Adolar
am Donnerstag, 7. März 2019, 19:22

Übermüdung ist ein wesentlicher Faktor für Unfälle auf der Straße,

wieso sollten ausgerechnet Ärzte bei der Arbeit nicht müde sein? Es geht doch auch garnicht darum, wieviele Leute im Tran totoperiert werden - es reicht doch, daß es eben suboptimal läuft, und der Patient auf Dauer Nachteile hat. Das ist doch garnicht nachprüfbar.
Dieser Schichtdienst mit den Arbeitszeiten ist völlig unmöglich - jedem LKW-Fahrer würde der Schlüssel weggenommen und die Weiterfahrt untersagt. Aber die Übermenschen mit den Messern schaffen durch, und fahren nach der Schicht sogar noch mit dem Auto heim, so etwa mit einem offenen Auge...eine Gefahr für sich und andere.
LNS

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