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Politik

Trotz formaler Überversorgung auch in Hamburg lange Wartezeiten für psychiatrische Versorgung

Dienstag, 12. März 2019

/dpa

Hamburg – Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) hat sich für eine rasche grundlegende Überarbeitung der Bedarfsplanung ausgesprochen. Hinter­grund ist ein neuer Bericht zur psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung.

„Obwohl wir eine psychiatrische und psychotherapeutische Versorgungsdichte haben, die man bundesweit kein zweites Mal findet, müssen auch in Hamburg Patienten außerhalb von Kriseninterventionen mehrere Monate auf einen ambulanten Therapieplatz warten“, sagte Prüfer-Storcks. Notwendig sei dringend eine neue Bedarfsplanungsrichtlinie, die nicht die Versorgungssituation der 1990er-Jahre fortschreibe, sondern soziale Situation und Krankheitslast der Bevölkerung berücksichtige. Auch sollte kleinräumiger geplant werden.

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Sie schließt sich damit einer Forderung der Psychotherapeutenkammer Hamburg an. Diese hatte im September 2017 ebenfalls gefordert, „Schluss mit langen Wartezeiten – grundlegende Reform der Bedarfsplanung nötig“ – und ebenfalls von Wartezeiten von mehreren Monaten für einen ambulanten Psychotherapieplatz gesprochen.

Prüfer-Storcks kündigte an, dass Hamburg ein Krisentelefon einrichten will, das psychisch kranken Menschen in akuten Notsituationen helfen soll. Darüber hinaus werde es zunächst in Harburg eine verbindliche regionale Kooperation zwischen Krankenhäusern, niedergelassenen Ärzten und Therapeuten, sozialpsychiatrischen Diensten und Einrichtungen sowie den Behörden geben, um schwerst psychisch Kranken wohnortnah individuelle Hilfe zukommen zu lassen.

Dieses Netzwerk soll anschließend in allen Bezirken etabliert werden. Von dieser Vernetzung sollen vor allem Erkrankte mit einem komplexen Hilfebedarf profitieren, also solche, die neben einer psychischen Erkrankung auch körperliche Beeinträchtigungen haben, süchtig und arbeits- oder wohnungslos sind.

Dem Report zufolge verfügt Hamburg über ein dichtes Netz wohnortnaher psychiatri­scher Kranken­hausabteilungen und Tageskliniken, darunter neun Krankenhausabtei­lungen für Psychia­trie und Psychotherapie mit 1.621 Betten sowie 29 psychiatrischen Tageskliniken mit 605 Behandlungsplätzen.

Daneben gibt es in der Hansestadt sieben Krankenhäuser mit speziellen Stationen und Tageskliniken für Gerontopsychiatrie sowie fünf Kinder- und Jugendpsychiatrische Abteilungen mit 217 Betten und sieben Tageskliniken mit 74 Plätzen. In der ambulanten Versorgung gab es in Hamburg Ende 2017 laut dem Bericht über 1.200 entsprechend spezialisierte Fachärzte sowie Psychotherapeuten.

„Damit kann die Stadt einen Versorgungsgrad von 160 Prozent bei Psychotherapeuten und 122 Prozent bei Nervenärzten aufweisen“, heißt es in einer Mitteilung der Behörden für Gesundheit und Verbraucherschutz sowie für Arbeit, Soziales, Familie und Integration. Trotz der formalen Überversorgung spricht Prüfer-Storcks von langen Wartezeiten. Genaue Daten dazu finden sich im Bericht allerdings nicht. © hil/aerzteblatt.de

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Avatar #733911
loeber-kraeemer@t-online.de
am Mittwoch, 13. März 2019, 11:05

Interessante Strategien

Nun ist auch die Gesundheitssenatorin von Hamburg, Frau Prüfer-Storcks, dem Mantra der Psychologen erlegen, die seit Jahren behaupten, die Wartezeiten für ambulante Therapieplätze - gemeint sind wohl Termine für Erstgespräche für ambulante Psychotherapie - seien zu lang und leitet daraus eine Veränderung der Bedarfsplanung ab. Das Interessante - und alarmierend Neue - ist allerdings, dass dieser Vorstoß unter der Überschrift "psychiatrische Versorgung" erfolgt! Das unterstellt, dass Psychologen zuständig sind für die Behandlung von allen psychisch Erkrankten - eine Strategie, die psychologische Berufsfunktionäre seit Jahren verfolgen. Dass Frau Prüfer-Storck diesem Mantra jetzt erlegen ist, verwundert, hat sie doch während ihrer Tätigkeit im Ge­sund­heits­mi­nis­terium NRW genügend Zeit gehabt, die unterschiedlichen Arbeitsfelder von Psychiatern, und Psychologischen Psychotherapeuten kennenzulernen. Mit einem "Mehr" an psychologischen Psychotherapeuten ist jedenfalls dem Problem, dass es bei psychisch Kranken zu Krisen kommen kann und akut Hilfe erforderlich ist, nicht beizukommen, deshalb ist es erfreulich, was in Hamburg jetzt an Vernetzung etc. geplant ist. Obwohl: Wenn die Gesundheitssenatorin jetzt noch den ihr vorliegenden Bericht zur psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung etwas genauer liest und differenziert zwischen den beiden Bereichen, wird sie vielleicht entdecken, dass psychisch Kranke in Krisensituationen (wahrscheinlich von Psychiatern) wohl ganz gut versorgt werden, oder was bedeutet der Satz "...in Hamburg außerhalb von Kriseninterventionen...…."anderes?

B.L.-K.
Avatar #88767
fjmvw
am Dienstag, 12. März 2019, 18:16

Kommt "lernen" bei Politikern auch vor?

Wenn man aktuell feststellt, dass trotz eines Versorgungsgrades von 160% nicht genügend Angebot vorhanden ist, dann sagt das was?
Dass die Grundlage, also die Bedarfsplanung, anhand derer die 160% ermittelt wurden, "für die Tonne" ist.

Statt zu erkennen, dass man Bedarf nicht planen kann und daraus abzuleiten, dass man das Angebot über Marktmechanismen bereitstellen sollte, fällt den Politikern nix besseres ein, als die Planung anzupassen.

Sorry Leute, wer zig Jahre braucht, um festzustellen, dass eine Planung Murks ist, und die 160% gab es schon 2018 und keiner hat darauf angemessen reagiert, der sollt wenigstens soviel Mut haben, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Die Wahrheit ist, dass die Bedarfsplanung der Vergangenheit reine Kaffeesatzleserei war. Es gab keine vernünftigen Planungsgrundlagen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Was wird also rauskommen, wenn jetzt neu "geplant" wird? Wir werden in 20 Jahren feststellen, dass wir entweder viel zu viele oder eben auch viel zu wenige Ärzte der beplanten Fachgruppe haben werden.
Die zugehörige Abweichung von PLAN zu IST beträgt nach 3 Jahren vielleicht 5%, nach 10 Jahren 25% und nach 20 Jahren vielleicht 75%. Wollt ihr den Bedarf wirklich noch einmal so planen, wie er in den 90ern geplant wurde und wo jedermann erkennen kann, wie ungeeignet diese Bedarfsplanung war bzw. ist?

Fragt mal einen Studenten der Wirtschaftswissenschaften aus dem ersten Semester. Der wird euch schon hinreichend erklären können, dass eine Planung eines Bedarfs für die Zukunft ein Harakiri-Vorhaben ist. Eine Planung eines medizinischen Behandlungsbedarfs gar für die nächsten 10 Jahre grenzt an Größenwahnsinn.

Avatar #88767
fjmvw
am Dienstag, 12. März 2019, 18:05

Kommt "lernen" bei Politikern auch vor?

Wenn man aktuell feststellt, dass trotz eines Versorgungsgrades von 160% nicht genügend Angebot vorhanden ist, dann sagt das was?
Dass die Grundlage, also die Bedarfsplanung, anhand derer die 160% ermittelt wurden, "für die Tonne" ist.

Statt zu erkennen, dass man Bedarf nicht planen kann und daraus abzuleiten, dass man das Angebot über Marktmechanismen bereitstellen sollte, fällt den Politikern nix besseres ein, als die Planung anzupassen.

Sorry Leute, wer zig Jahre braucht, um festzustellen, dass eine Planung Murks ist, und die 160% gab es schon 2018 und keiner hat darauf angemessen reagiert, der sollt wenigstens soviel Mut haben, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Die Wahrheit ist, dass die Bedarfsplanung der Vergangenheit reine Kaffeesatzleserei war. Es gab keine vernünftigen Planungsgrundlagen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Was wird also rauskommen, wenn jetzt neu "geplant" wird? Wir werden in 20 Jahren feststellen, dass wir entweder viel zu viele oder eben auch viel zu wenige Ärzte der beplanten Fachgruppe haben werden.
Die zugehörige Abweichung von PLAN zu IST beträgt nach 3 Jahren vielleicht 5%, nach 10 Jahren 25% und nach 20 Jahren vielleicht 75%. Wollt ihr den Bedarf wirklich noch einmal so planen, wie er in den 90ern geplant wurde und wo jedermann erkennen kann, wie ungeeignet diese Bedarfsplanung war bzw. ist?

Fragt mal einen Studenten der Wirtschaftswissenschaften aus dem ersten Semester. Der wird euch schon hinreichend erklären können, dass eine Planung eines Bedarfs für die Zukunft ein Harakiri-Vorhaben ist. Eine Planung eines medizinischen Behandlungsbedarfs gar für die nächsten 10 Jahre grenzt an Größenwahnsinn.

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