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Medizin

Normalisierung des Blutdrucks könnte Sterberisiko bei über 80-jährigen Hypertonikern erhöhen

Mittwoch, 13. März 2019

/zinkevych, stockadobecom

Berlin – Kann die Normalisierung des Blutdrucks im höheren Alter schaden? Hypertoniker im Alter von über 80 Jahren, deren Blutdruck auf die geltenden europäischen Zielwerte von weniger als 140/90 mmHg gesenkt wurde, hatten in einer prospektiven Beobachtungsstudie im European Heart Journal (2019; doi: 10.1093/eurheartj/ehz071) ein erhöhtes Sterberisiko. Das gleiche traf auf über 70-jährige Patienten mit kardiovaskulären Vorerkrankungen zu.

Die Zielwerte für die Blutdrucksenkung wurden in den letzten Jahren gesenkt. In Europa raten die Leitlinien Menschen über 65 Jahren zu einem Blutdruck von unter 140/90 mmHg, um sie vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu schützen. Die US-Leitlinien fordern sogar eine Einstellung des Blutdrucks auf unter 130/80 mmHg. Die Zielwerte gelten auch für hochbetagte Menschen im Alter von über 80 Jahren.

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Die Fachgesellschaften begründen die Zielwerte mit den Ergebnissen randomisierter kontrollierte Studien: In der HYVET-Studie („Hypertension in the Very Elderly Double Blind Trial“) stellte man fest, dass bei Patienten im Alter von 80 Jahren oder älter mit einem systolischen Ausgangswert von über 160 mmHg das Erreichen eines Zielwerts von 150/80 mmHg die Gesamtmortalität um 21 % senkt (Hazard Ratio 0,79; 95-%-Konfidenzintervall 0,65-0,96). In einer Subgruppenanalyse der SPRINT-Studie hatten Patienten im Alter von 75 Jahren oder älter sogar ein um 33 % vermindertes Sterberisiko, wenn der systolische Blutdruck auf unter 130 mmHg gesenkt wurde (Hazard Ratio 0,67; 0,49–0,91).

Ergebnisse randomisierter kontrollierter Studien sind heute maßgeblich für Therapie­empfehlungen. Ihr Nachteil besteht jedoch darin, dass die Nachbeobachtungszeit oft relativ kurz ist (1,8 Jahre in der HYVET-Studie und 3,1 Jahre in der SPRINT-Studie) und Patienten mit Vorerkrankungen von der Teilnahme an der Studie ausgeschlossen werden.

Letzteres schränkt die Aussagekraft für ältere Patienten ein, da viele Senioren unter Begleiterkrankungen leiden, die den Zustand der Blutgefäße beeinflussen. In der „Berliner Initiative Studie“ (BIS), die seit 2009 eine Gruppe von 1.628 Kassenpatienten (AOK Nordost) im Alter von über 70 Jahren begleitet, hatten viele bereits einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erlitten.

Diese Patienten mit kardiovaskulären Vorerkrankungen hatten während der Nach­beobachtungs­zeit von 6 Jahren ein um 61 % höheres Sterberisiko, wenn ihr Blutdruck unter den von den europäischen Leitlinien empfohlenen Zielwert von 140/90 mmHg gesenkt worden war. Die von Antonios Douros, Universitätsmedizin Berlin, und Mitarbeitern ermittelte Hazard Ratio von 1,61 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,14 bis 2,27 signifikant. Auf 24 Patienten, deren Blutdruck normalisiert wurde, kam ein zusätzlicher Todesfall (Number needed to Harm).

Eine weitere Risikogruppe bestand aus Patienten im Alter über 80 Jahren. Hier war eine Normalisierung des Blutdrucks mit einem um 40 % erhöhten Sterberisiko verbunden (Hazard Ratio 1,40; 1,12-1,74). Die Number needed to Harm betrug 17 Patienten, auf die nach 6 Jahren ein Patient kam, der nach einer Blutdrucksenkung ums Leben kam.

Für die Gesamtgruppe aller Senioren im Alter über 70 Jahren fand Douros kein signifikant erhöhtes Sterberisiko (Hazard Ratio 1,40; 1,12-1,74). Die Forscher schließen aus den Ergebnissen, dass die empfohlenen Zielwerte möglicherweise nicht für alle älteren Patienten vorteilhaft sind. Die Behandlung eines erhöhten Blutdrucks sollte bei Menschen über 70 Jahre individuell angepasst werden, meint Douros.

Zweifelsfrei belegen, dass die Blutdrucksenkung im hohem Alter und bei Vorerkrankungen schadet, kann die Studie allerdings nicht. Es bleibt möglich, dass Ärzte bei Patienten mit einem erhöhten Mortalitätsrisiko häufiger den Blutdruck optimal einstellen. Tatsächlich hatten Patienten mit einem normalisierten Blutdruck häufiger einen Herzinfarkt in der Vorgeschichte. Die BIS konnte zwar einige Einflussfaktoren wie Geschlecht, Body-Mass-Index, Raucherstatus, Alkoholkonsum, Diabetes und die Anzahl der blutdrucksenkenden Mittel berücksichtigen. Andere wichtige Informationen, etwa über den Zustand der Koronararterien, fehlten jedoch. © rme/aerzteblatt.de

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