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Medizin

Tramadol kann Sterberisiko von Patienten mit Arthrose erhöhen

Donnerstag, 14. März 2019

/dpa

Boston – Britische Patienten, die wegen Arthroseschmerzen mit dem als sicher eingestuften Opioid Tramadol behandelt wurden, hatten im ersten Behandlungsjahr ein erhöhtes Sterberisiko gegenüber Patienten, denen nichtsteroidale Antiphlogistika (NSAID) verordnet wurden. Dies kam in einer Analyse von elektronischen Krankenakten im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2019; 321: 969-982) heraus.

Aus Sorge um die kardiovaskuläre Sicherheit von NSAID, von denen einige in rando­misierten Studien zu einer erhöhten Rate von Herzinfarkten geführt hatten, verordnen Ärzte ihren Arthrosepatienten zunehmend Tramadol. Das milde Opioid hat zwar in Studien keine bessere Wirkung erzielt als die NSAID, und es belastet die Patienten zusätzlich mit opioidbedingten Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen, Schwindelgefühlen und Müdigkeit sowie Verstopfungen. Es schien jedoch die sicherere Alternative zu den NSAID zu sein. Die American Academy of Orthopaedic Surgeons und das American College of Rheumatology raten heute zum Einsatz von Tramadol. Der Anteil der Verordnungen bei Arthrosepatienten verdoppelte sich in den USA innerhalb von 6 Jahren von 5 auf 10 %.

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Eine Analyse des Health Improvement Network (THIN), das in Großbritannien die elektronischen Krankenakten von mehr als 11 Millionen Patienten speichert, wirft jetzt Fragen zur Sicherheit von Tramadol auf. Chao Zeng vom Massachusetts General Hospital in Boston und Mitarbeiter haben die Daten von 88.902 Patienten ausgewertet, denen wegen einer Arthrose Tramadol, Naproxen, Celecoxib, Etoricoxib, Diclofenac oder Codein verordnet wurde. Das mittlere Alter der Patienten betrug 70 Jahre und 61,2 % waren Frauen.

In einer Propensity-Score-Analyse wurden nur Patienten mit gleichen Eigenschaften verglichen. Im Vergleich zu allen NSAID war der Einsatz von Tramadol mit einem erhöhten Sterberisiko im ersten Jahr der Behandlung assoziiert. Für den Vergleich von Tramadol mit Naproxen ermittelt Zeng eine Hazard Ratio von 1,71 (95-%-Konfidenzintervall 1,41-2,07). Gegenüber Diclofenac betrug die Hazard Ratio 1,88 (1,51-2,35), gegenüber Celecoxib 1,70 (1,33-2,17) und gegenüber Etoricoxib 2,04 (1,37-3,03). Nur gegenüber Codein war das Sterberisiko nicht erhöht (Hazard Ratio 0,96; 0,83-1,05), was nicht gerade ein günstiges Licht auf Codein wirft.

Auch in absoluten Zahlen sind die Unterschiede deutlich. Im ersten Behandlungsjahr starben 23,2 von 1.000 der mit Tramadol behandelten Patienten. In der Naproxengruppe waren es 13,8 auf 1.000 Patienten. Die Differenz von 9,7 Todesfällen auf 1.000 Personenjahre war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 6,3 bis 13,2 signifikant.

Die Gründe für die erhöhte Sterblichkeit kann die Studie nicht ermitteln. Teilweise war die kardiovaskuläre Sterblichkeit höher (Tramadol versus Etoricoxib), teilweise starben die Patienten häufiger an Infektionen (Tramadol versus Naproxen). Die Zahl der respiratorischen Todesfällen war gegenüber allen NSAID erhöht (infolge einer Atemdepression?). Merkwürdig ist eine erhöhte Rate von Krebstodesfällen. Sie könnte durchaus Folge einer trotz der Propensity-Score-Analyse übersehenen Verzerrung sein. Es ist denkbar, dass mehr Krebspatienten wegen (vermeintlicher?) Gelenkbeschwerden mit Tramadol behandelt wurden. Es bleibt deshalb abzuwarten, ob die Ergebnisse in weiteren Datenbankanalysen bestätigt werden. Randomisierte kontrollierte Studien zur Sicherheit von Tramadol sind derzeit offenbar nicht geplant. © rme/aerzteblatt.de

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