NewsPolitikStudie zeigt Ausmaß von Medikamenten­versuchen an Heimkindern in Niedersachsen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Studie zeigt Ausmaß von Medikamenten­versuchen an Heimkindern in Niedersachsen

Freitag, 15. März 2019

/soupstock, stockadobecom

Hannover – Kinder und Jugendliche aus niedersächsischen Heimen sind in der Nach­kriegs­­zeit für Medikamentenversuche benutzt worden. Das geht aus einer Studie im Auftrag des Sozialministeriums hervor, die gestern in Hannover vorgestellt wurde.

Demnach wurden zwischen 1945 und 1978 an den kinderpsychiatrischen Abteilungen des Psychiatrischen Krankenhauses Wunstorf und der Universität Göttingen, in der Kinderklinik der Universität Göttingen, den Rothenburger Anstalten und im heilpädago­gischen Kinder- und Jugendheim Brunnenhof in Rehburg-Loccum Medizintests und Impf­versuche durchgeführt. Neben Psychopharmaka wurden zum Beispiel Polioimpfstoffe an Heimkindern getestet. In vielen Fällen handelte es sich um noch nicht zugelassene Arzneimittel.

Anzeige

Die Zahl der betroffenen Kinder und Jugendlichen konnte die Studie nicht klären. Für den knapp 170 Seiten langen Bericht werteten die Wissenschaftlerinnen des Institut für Geschichte der Medizin der Robert-Bosch-Stiftung – Sylvelyn Hähner-Rombach, die im Januar dieses Jahres verstarb, und Christine Hartig – unter anderem Veröffentlichungen zu Arzneimittel- und Impfstudien, Dokumente aus Firmenarchiven und Akten aus staat­lichen Einrichtungen des Landes Niedersachsen aus.

Die Studie legt nahe, dass die Sorgeberechtigten der betroffenen Jungen und Mädchen nicht immer angemessen über die Versuche aufgeklärt wurden. Mitunter fehlte die Einverständniserklärung. Als problematisch beschreiben die Wissenschaftlerinnen zudem, dass Tests durchgeführt wurden, obwohl für die Minderjährigen keine positiven Auswir­kun­gen erwartbar waren.

Demnach ist möglich, dass beruhigende Medikamente gegeben wurden, um die Betreuung der Kinder und Jugendlichen zu erleichtern. „Bei den Studien wurde gegen ethische und fachliche Standards verstoßen, für die Impfstudien ist zudem von Rechts­verstößen auszugehen, heißt es in dem Bericht, der auch die Rolle der öffentlichen Verwaltung untersucht hat.

Demnach hat das Sozialministerium im Fall der Impfungen von den Rechts- und Norm­verletzungen gewusst. In mehreren Fällen wurde es unterlassen, das Einhalten von Rechtsvorschriften für Impfungen und Impfversuche einzufordern, schreiben die Wissen­schaftlerinnen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hätten einzelne Mitarbeiter des Ministeri­ums auch von den Arzneimittelstudien gewusst. Möglich sei zudem, dass Angestellte von Jugendämtern Kenntnisse von den Tests mit nicht zugelassenen Medikamenten hatten. Es könne sein, dass die enge Verbindung von Heimaufsicht, Psychiatrie und praktischer Jugendfürsorge bestimmte Arzneimittelstudien erleichtert habe.

Sozialministerin Carola Reimann (SPD) nannte die Aufarbeitung der Vergangenheit wichtig. Der Blick auf diese noch gar nicht so lang vergangenen Vorfälle gibt Anlass, auch heutige Schutzsysteme für Menschen in Obhut von öffentlicher Verwaltung und die Dynamik von Arzneimittelforschung kritisch zu hinterfragen“, sagte sie. Auch für die Betroffenen sei es wichtig, die damaligen Vorgänge transparent und vollständig aufzu­klären.

Das Ministerium verwies darauf, dass das Feld der Arzneimittelforschung in der Bundes­republik bis Ende der 1970er-Jahre weitgehend der Selbstkontrolle der Ärzteschaft und Pharmaindustrie überlassen war. Demnach wurde der Schutz der Probanden erst durch die Neufassung des Arzneimittelgesetzes explizit geregelt, die im Jahr 1978 in Kraft trat.

Um die Medikamenten- und Impfversuche in Niedersachsen vertiefend zu untersuchen, hat das Sozialministerium ein weiteres Forschungsprojekt beauftragt. Dieses soll die Auswirkungen auf die betroffenen Kinder und Jugendlichen sowie die Rolle der öffentlichen Verwaltung in den Fokus nehmen. © dpa/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

12. Februar 2019
Berlin/Bonn – Bund, Länder und Kirchen haben sich darauf verständigt, die Anmeldefrist für die Opfer von Psychiatrie und Behindertenhilfe zu verlängern. Danach können sich Betroffene nun bis Ende 2020
Anmeldefrist für Entschädigungsstiftung um ein Jahr verlängert
11. Januar 2019
Kiel – Das Leid von Heimkindern in Schleswig-Holstein in früheren Jahrzehnten muss nach Überzeugung des Sozialausschusses im Landtag weiter aufgearbeitet werden. Es sei zwingend, dafür alle
Sozialausschuss will Leid von Heimkindern in Schleswig-Holstein aufklären
14. Dezember 2018
Nashville/Tennessee – Der „Off-Label“-Einsatz von Antipsychotika bei Kindern und Jugendlichen ist offenbar nicht ohne Risiken. Eine Kohortenstudie dokumentiert in JAMA Psychiatry (2018; doi: 10.1001/
Antipsychotika können bei Kindern zu unerwarteten Todesfällen führen
25. September 2018
Lübeck – Das Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung der Universität Lübeck soll Medikamentenversuche an Heimkindern aufarbeiten. Die Forscher sollen das Ausmaß und die Umstände
Forscher sollen Medikamentenversuche an Heimkindern aufarbeiten
18. September 2018
Berlin – Die Behandlungsoptionen für psychische Erkrankungen zeigen nur begrenzte Erfolge und die Erfolgsraten stagnieren seit Jahren. Dieser ernüchternde Befund gelte für die Psychotherapie und
„Wir brauchen eine Vielfalt evidenzbasierter Psychotherapieverfahren und keine Monokultur“
15. Juni 2018
Boca Raton/Florida – Die Behandlung mit 3 häufig „off label“ verordneten Antipsychotika führt schon in niedriger Dosierung bei Kindern und Jugendlichen nach wenigen Wochen zu einer Zunahme des
Antipsychotika fördern Adipositas und Insulinresistenz bei Kindern und Jugendlichen
4. Juni 2018
Berlin – Bei der Gesundheitsversorgung in Pflegeheimen gibt es erhebliche Qualitätsunterschiede. Problematisch sind teils zu viele wundgelegene Patienten, längere Verordnungen kritischer Medikamente
LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER