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Gesundheits­kompetenz: Gesundheitsberufe vor mannigfachen Herausforderungen

Donnerstag, 14. März 2019

/WavebreakMediaMicro, stockadobecom

Berlin – Welche Strukturen sind zur Stärkung der Gesundheitskompetenz nötig? Welche Rolle spielen dabei die Gesundheitsberufe? Mit diesem zentralen Thema befasste sich die 31. Konferenz der Fachberufe im Gesundheitswesen auf ihrer Jahrestagung gestern in Berlin.

„Gesundheitskompetenz ist mehr als das theoretische Wissen darüber, wie eine gesunde Lebensführung aussieht. Sie versetzt Menschen in die Lage, Gesundheitsinformationen zu sammeln, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden“, betonte Max Kaplan, Vizepräsident der Bundes­ärzte­kammer und Vorsitzender der Fachberufskonferenz. 

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Defizite in der Praxis

In der Praxis gibt es hier erhebliche Defizite. Andreas Westerfellhaus, Staatssekretär und Beauftragter der Bundesregierung für Pflege, verwies auf Untersuchungen, wonach mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland (54 Prozent)  über eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz verfügt. „Das wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus“, meinte er.

Unter anderem sei zu fragen, wie bewerkstelligt werden könne, dass Menschen über Prävention und Rehabilitation möglichst spät pflegebedürftig oder -abhängig  werden oder Leistungen in Anspruch nehmen. Auch Erziehung spiele hierbei eine Rolle.

„Insbesondere ältere Menschen, Menschen mit chronischen Erkrankungen, mit geringem Bildungsstatus oder mit Migrationshintergrund haben Schwierigkeiten, gesundheits­bezogene Informationen zu finden, zu bewerten und die richtigen Entscheidungen etwa für eine gesunde Lebensweise oder Krankheitsbewältigung zu treffen.“ 

Vor diesem Hintergrund habe das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) zusammen mit den Spitzenorganisationen des Gesundheitswesens im Jahr 2017 die Allianz für Gesundheitskompetenz gegründet. Alle Partner hätten sich dazu verpflichtet, in ihrem jeweiligen Zuständigkeitsbereich „Maßnahmen zur Verbesserung des Gesundheits­wissens“ zu entwickeln und umzusetzen. Die drei wichtigsten Handlungsfelder sind demnach die Verbesserung der Gesundheitsbildung, gute Gesundheitsinformation und Entscheidungs­hilfen, vor allem im Internet,  sowie mehr Verständlichkeit in der Kommuni­kation mit Patienten.

Verbesserte Kommunikation mit den Patienten und Pflegebedürftigen, insgesamt mehr sprechende Aufgaben der Gesundheitsfachberufe müssten in der Ausbildung und in der Weiterbildung von Ärzten, Pflegenden sowie aller Gesundheitsfachberufe eine viel stärkere Rolle spielen, forderte Westerfellhaus. Unter anderem habe das BMG im September 2018 drei Bekanntmachungen zur Forschungsförderung im Bereich Gesund­heitskompetenz veröffentlicht.

Tele­ma­tik­infra­struk­tur wichtiger Faktor

Aus Sicht des Pflegebeauftragten gehört zu einer sicheren, qualifizierten Patienten­versorgung der Zukunft auch der Einbezug der Gesundheitsfachberufe insgesamt in die Tele­ma­tik­infra­struk­tur. Dies sei von existenzieller Bedeutung für die Funktionalität, so der Staatssekretär. Die digitale Kommunikation sei in einem E-Health-Gesetz II auf alle Gesundheitsfachberufe auszudehnen, „sonst wird das nichts“. 

Doris Schaeffer, Gesundheitswissenschaftlerin an der Universität Bielefeld, präsentierte den Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz, der vor rund einem Jahr unter der Schirmherrschaft des damaligen Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ters Hermann Gröhe (CDU) gestartet wurde. Der Aktionsplan formuliert 15 konkrete Empfehlungen in vier Handlungsfeldern, um die Gesundheitskompetenz gezielt zu fördern.

Gesundheitskompetenz müsse generell einen höheren Stellenwert im Gesundheitssystem erhalten, betonte Schaeffer. Im Handlungsfeld „Das Gesundheitssystem nutzerfreundlich gestalten“ lautet eine der Empfehlungen beispielsweise, die Kommunikation zwischen den Gesundheitsprofessionen und Nutzern verständlich und wirksam zu gestalten.

Der Prozess der Aneignung von Gesundheits­informationen müsse begleitet werden. Es sei nicht damit getan, Informationen zu geben, sondern es sei Hilfestellung bei der Verarbei­tung von Gesundheitsinformationen zu leisten. Das sei eine wichtige und unterschätzte Aufgabe für alle Gesundheitsberufe, meinte Schaeffer. Die Kommunikation und die Informationsvermittlung werden zunehmend wichtig für die Ausbildung der Gesund­heitsberufe, so die Expertin.

Für die Umsetzung des Plans sei eine Kooperation aller Gesundheitsberufe erforderlich, betonte Schaeffer, weil Einzelinitiativen in der Summe nicht zu einer Verbesserung des Ganzen führten. Auch bestehe eine enge Kooperation mit der Allianz für Gesundheits­kompetenz.

Im Hinblick auf den Bereich Pflege werde derzeit eine Kurzinformation zu Gesundheits­kompetenz erstellt, um das Thema besser in die Berufe hinein zu vermitteln. Schaeffer zufolge sollten sich alle Gesundheitsberufe mit dem Thema befassen, da jeder Beruf seine eigene Perspektive darauf habe. Die Expertin kündigte zudem eine Wiederholungs­befragung zur Gesundheitskompetenz an, deren Ergebnisse im nächsten Jahr vorliegen sollen.

Kommunikation und interprofessionelle Zusammenarbeit

Was leistet die Pflegeausbildung, um Gesundheitskompetenz zu fördern? Mit dieser Frage befasste sich Gertrud Stöcker vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe. Sie verwies auf das Pflegeberufegesetz von 2017 und die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung aus dem Jahr 2018. Seit Dezember gibt es zudem eine Fachkommission, die Empfehlungen für ein Curriculum und einen Ausbildungsplan erarbeitet und den Ländern zugeleitet hat. 

Zu den enthaltenen Kompetenzbereichen der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung zählt unter anderem der Bereich der Kommunikation als „Kern pflegerischen Handelns“ und der Bereich der Zusammenarbeit, der „Interprofessionalität“. Hierbei sei ein gemeinsames Kompetenzniveau für die Absolventen der Berufsfachschule und der Hochschule vorgesehen.

Die Kompetenzen, die ab dem 1. Januar 2020 gelten sollen, „sind aus der Pflege für die Pflege entwickelt worden“, betonte Stöcker. Auch gibt es ihr zufolge inzwischen das „Nationale Mustercurriculum Kommunikative Kompetenz in der Pflege“. Ihr Fazit: „Kommunikation und Zusammenarbeit sind die beste Grundlage, um im Sinne der Gesundheitskompetenz von zu pflegenden Menschen die Ausbildung zu absolvieren.“

Auch bei der Ausbildung der Medizinischen Fachangestellten spielt die Gesundheits­kompetenz inzwischen eine wichtige Rolle, so etwa laut Ausbildungsrahmenplan bei der Patientenbetreuung und -beratung und bei den Grundlagen der Prävention und Reha­bilitation, um etwa Patienten zu einer gesunden Lebensweise zu motivieren.

„Die interprofessionelle Zusammenarbeit und das Verständnis für die Rolle anderer Gesundheits­berufe könnten noch ausgebaut werden“, betonten Susanne Haiber und Hannelore König vom Verband medizinischer Fachberufe. Denn die Gesundheits­­kompe­tenz zu stärken, sei eine Herausforderung, der sich die Gesundheitsberufe gemeinsam stellen müssten.

Spannungsfelder

„Gesundheitskompetenz versus Spezialisierung“ – unter dieser Überschrift lenkte Tina Hartmann vom Dachverband für Technologen/-innen und Analytiker/-innen in der Medizin Deutschland den Blick auf einen Konflikt in den medizinisch-technischen Berufen: Gesundheitsfachberufe sollen künftig mehr Kompetenz übernehmen, laute die Forderung.

Auf der einen Seite stünden dabei die nicht so kompetenten Bürger und Patienten, auf der anderen Seite und die „superkompetenten“ Gesundheitsfachberufe. „Das möchte ich infrage stellen“, so Hartmann. „Wir haben 17 Gesundheitsfachberufe plus Ärzteschaft, die alle ihre eigene Expertise haben und die alle damit beschäftigt sind, sich gegenseitig zu erklären, was sie alles können. Sind wir deswegen gesundheitskompetent oder nur Experten in einem Bereich?“, fragte Hartmann.

Problematisch sei zudem, dass die Berufsgruppen aus dem grundständig ausgebildeten Bereich zwar mit Evidenzen arbeiten sollen, selbst aber gar keine Partizipation an der Entwicklung von Evidenzen hätten, so Hartmann. Neben dem fachlichen Wissen, das sich inzwischen alle anderthalb Jahre verdopple, sollen die Gesundheitsfachberufe gleich­zeitig auch ihr Wissen für Gesundheitskompetenz up to date halten.

Hier sei die Frage an alle Gesundheitsberufe zu stellen, ob sie sich damit nicht ein Stück weit selbst überforderten? Daraus ergeben sich Hartmann zufolge eine Vielzahl offener Fragen, etwa danach, welche Grundkompetenzen für alle Angehörigen von Gesundheits­fachberufen und welche speziellen Kompetenzen vermittelt werden müssen sowie in welcher Form und wo dies geschehen solle.

Gesamtstrategie zur Kompetenzverbesserung

Die Stärkung der Gesundheitskompetenz setzt Kommunikation voraus, stellten die Konferenzteilnehmer fest. Unter den aktuellen Rahmenbedingungen, gekennzeichnet etwa durch Fachkräftemangel und schlechte Vergütung, sei das kaum möglich.

Entscheidend sei, dass die Kommunikation mit den Patienten auf allen Ebenen des Gesundheitswesens einen höheren Stellenwert erhalte. Vor diesem Hintergrund forderte die Fachberufekonferenz eine Gesamtstrategie zur Kompetenzverbesserung, die auch die großen gesellschaftlichen Herausforderungen vom demografischen Wandel bis zur wachsenden Ungleichheit berücksichtigen müsse. © KBr/aerzteblatt.de

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