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Umfrage sieht bei Organspende keine Mehrheit für Widerspruchsregelung

Montag, 18. März 2019

/Alexander Raths, stockadobecom

Berlin – Eine Widerspruchsregelung, nach der jeder als Spender gilt, der eine Organ­spende nicht ablehnt, bekommt in der Bevölkerung keine Mehrheit. Nur gut jeder Dritte votierte in einer aktuellen Umfrage der Schwenninger Krankenkasse unter 1.068 Bundes­bürgern ab 18 Jahren für eine solche Lösung. Gut 70 Prozent aller Deutschen sind dennoch grundsätzlich bereit, ihre Organe nach dem Tod zu spenden.

Zudem zeigt die Umfrage in der Bevölkerung gravierende Wissensdefizite zum Thema Organspende: Jeder Zweite fühlt sich schlecht informiert über die Themen Organspende und den Hirntod als Voraussetzung für die Organentnahme. Jeder Dritte weiß nicht, wie man zum Organspender werden kann.

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„Seit Jahren wird über das Thema diskutiert – aber ganz offensichtlich an der Bevölke­rung vorbei“, sagte Siegfried Gänsler, Vorsitzender des Vorstandes der Schwenninger Krankenkasse. Die Politik müsse die Menschen stärker mitnehmen in dieser ethisch so wichtigen Debatte, aber auch die Krankenkassen müssten noch besser aufklären, räumte der Kassenchef ein.

Sterben und Tod seien in der Gesellschaft nach wie vor Tabuthemen. Dabei gehe der generelle Wunsch, anderen mit einer Organspende zu helfen, auch mit der Offenheit einher, häufiger im Alltag mit dem Thema konfrontiert zu werden. So stimmen 70 Prozent der Befragten dem Vorschlag zu, regelmäßig von den Behörden nach der Bereitschaft zur Organspende gefragt zu werden, zum Beispiel bei der Beantragung eines Personalaus­weises.

Vorgeschlagen hatte die Einführung der Widerspruchslösung Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU). Er votiert gemeinsam mit dem SPD-Politiker Karl Lauterbach dafür, dass jeder als Spender gelten soll, solange er nicht aktiv widerspricht. Eine Abstimmung im Bundestag ist noch vor der Sommerpause geplant.

Zweifler an der Umsetzbarkeit dieses Vorschlags arbeiten an einem anderen fraktions­übergreifenden Gruppenantrag, mit dem die Einrichtung eines zentralen elektronischen Organspenderegisters vorgeschlagen wird. Dort soll jeder Bürger selbst eintragen können, ob er Spender sein will und wenn ja, welche Organe in Frage kommen.

© ER/aerzteblatt.de

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Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Montag, 25. März 2019, 00:04

Spende oder Solidarsystem?

Darauf läuft es nach meiner Einschätzung hinaus bei der Diskussion um Zustimmungslösung oder Widerspruchslösung bei der Organspende. Bei der Zustimmungslösung handelt es sich um eine selbstlose Spende. Bei der Widerspruchslösung (sinnvollerweise kombiniert mit Sperrfristen für erklärte Nichtspender) tritt man einem Pool potentieller Spender bei, um sich für spätere Lebensjahre das Recht auf einen Platz auf der Warteliste zu erarbeiten.

In der Praxis dürfte der Unterschied zwischen den beiden Systemen nicht so groß sein, sowohl erklärte Spender als auch erklärte Nichtspender können sich in beiden Varianten klar positionieren. Der Unterschied ist die Gruppe der Menschen, die sich dieser Entscheidung zu Lebzeiten verweigern und diese Entscheidung im Fall der Fälle ihren Angehörigen aufbürden. Hier von einer Enteignung zu sprechen, ist aus meiner Sicht deutlich überzogen. Auch versteht es sich von selbst, dass eine Widerspruchslösung nur auf einwilligungsfähige Personen anwendbar ist. Bei Kindern oder Personen unter Vormundschaft kann auch zukünftig nur die Zustimmungslösung gelten. Wenn ich es richtig verstehe, gibt es in Europa bezüglich dieser Regelung einen Flickenteppich. Aus ethischer Sicht sollte innerhalb der EU die Bilanz zwischen den Ländern ausgeglichen sein. Wenn systematisch Organe aus Ländern mit Widerspruchslösung in Länder mit Zustimmungslösung gehen, dann ist das eine Ungerechtigkeit gegenüber den Patienten auf der Warteliste in den Herkunftsländern.

Die Frage Zustimmung oder Widerspruch mag aus ethischer Sicht spannend sein, nach meiner Einschätzung gibt es bei der Organspende aber wesentlich wichtigere und dringlichere Baustellen. Das erste ist die Organisation der Spende. Ein Großteil der potentiellen Spender dürfte in kleineren oder mittleren Krankenhäusern liegen. Diese Häuser haben andere Probleme als sich um die Organspende zu kümmern. Hier liegt nach meiner Einschätzung ein deutlich größeres Potential, die Spendezahlen zu erhöhen als durch die Einführung der Widerspruchslösung. Auffällig ist in diesem Kontext das Schweigen der Krankenkassen. Sonst gibt es von dieser Seite immer einen flotten Spruch, nur hier vornehme Zurückhaltung. Ich gehe davon aus, dass die Kassen mit der jetzigen Situation sehr gut leben können. Einige wenige Organtransplantationen sind gut für das Image, viele erfolgreiche Organtransplantationen gerade bei alten Patienten sind verheerend für die Bilanzen.

Die zweite Baustelle ist aus meiner Sicht die Durchführung der Organentnahme. Diese geschieht nicht postmortal sondern perimortal im Rahmen eines modifizierten Sterbeprozesses.
https://www.bundesaerztekammer.de/aerzte/medizin-ethik/wissenschaftlicher-beirat/veroeffentlichungen/irreversibler-hirnfunktionsausfall/
Die entsprechende RILIBÄK ist notwendig als Freigabekriterium vor Organentnahme. Aus methodischen Gründen muss sie sich auf funktionelle Aspekte fokussieren. Damit verwischt sie die Grenze zwischen sicheren und unsicheren Todeszeichen (wichtig aus ethischer Sicht) und versagt regelmäßig in ihrem Anspruch, vor der Organentnahme die Ursache des Hirnfunktionsausfalls zu kennen. Es gibt zwar selten, aber regelmäßig Fälle einer Organentnahme bei viraler Encephalitis (z.B. Tollwut). Deshalb sollte meiner Meinung nach unmittelbar nach Organentnahme eine Obduktion des Gehirns durchgeführt werden. Erstens als Freigabekriterium für die Spende (Ausschluss viraler Encephalitis) und zweitens als morphologische Bestätigung für den Hirntod.
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Samstag, 23. März 2019, 09:51

Widerspruchsregelung im Widerspruch!

Kein Wunder, das eine, hoffentlich repräsentative, Umfrage in der Bevölkerung bei der Organspende keine Mehrheit für eine Widerspruchsregelung sieht.

Denn sie missachtet nicht nur die Informationelle Selbstbestimmung des einzelnen Individuums. Unterschiedslos würden Organe vom Säugling bis zum Greis in staatliche Obhut genommen und nach Gutdünken verwalten werden. Die Widerspruchsloslösung fragt nicht nach Geschäfts-, Einwilligungs- und Widerspruchs-Fähigkeiten, um aus vorgeblich rein humanitären Beweggründen eine möglichst hohe Anzahl von Organen zu akquirieren.

Die geringe Organspende-Bereitschaft in Deutschland korrespondiert auch mit dem unterentwickelten Diskurs über bio-psycho-soziale Auswirkungen der Transplantationsmedizin. Lebensfrisch transplantierbare Spenderorgane mit Erfolgsaussichten bei Organempfängern bedeuten nicht "postmortale", sondern perimortale Organspenden.

Fachärzte-Teams, die den Hirntod feststellen, bzw. Ex-, und Implanteure bewegen sich auf schmalem Grat zwischen Leben und Tod, zwischen Hirntodfeststellung, Entscheidungsfindung und Transplantations-Geschehen. Hirntote Organspender/-innen erscheinen den Explantations-Teams als künstlich belebte "Avatare", deren endgültiger Tod erst nach Organentnahmen besiegelt ist.

"Mehr Organspende-Bereitschaft wagen" geht nur mit Selbst-Reflexion, Nachhaltigkeit, Mut und Offenheit. Transplantationsmedizin ist keine "Wiedergeburt", sondern einseitige Lebensverlängerung. Demnach gibt es keine "moralisch-ethische Pflicht zur Organspende", sondern nur eine Rationale mit freiwilliger Entscheidung dafür oder dagegen. Deshalb ist die u.a. von Fachminister Jens Spahn und Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel propagierte "Widerspruchslösung", nach der Jede(r) von Geburt an potenzieller Organspender sein müsse, kontraproduktiv. Sie wird z.B. in Spanien in dieser Form auch nur im Konsens verwirklicht, wie eine deutsche Parlamentariergruppe 2018 feststellte:
https://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/organspende/article/975345/organspende-spanien-widerspruchsloesung-erfolgreich.html

Deutscher Ethikrat contra Widerspruchslösung:
- Professor Claudia Wiesemann, Abteilung Ethik und Medizin der Universität Göttingen, sieht kein Spendenproblem, sondern Melde- und Organisationsprobleme. Organisationsethische Konflikte verursachten den Rückgang der Spenderzahlen. Eine perimortale Organspende Hirntoter mit einem lebendig anmutenden Leib sei die größte Herausforderung für Ärzte, Fachpflegekräfte, Angehörige und Betroffene. Es ginge um Achtsamkeit, Aufmerksamkeit und ethische Zielkonflikte besonders bei denen, die im Schatten von strahlend-erfolgreichen Transplanteuren das Maschinen-gestützte Leben von Organspendern nach Organentnahme beenden müssen.
- Dem Kölner Staatsrechtler Professor Wolfram Höfling zufolge ist jede Entscheidung zur Organspende eine existenzielle Entscheidung über das eigene Sterben. "Ein Widerspruchsmodell lässt sich als verfassungskonforme Lösung des Organmangels nur denken auf der Grundlage der Hirntodkonzeption. Diese ist aber nicht tragfähig", so Höfling. Die Einführung eines Widerspruchsmodells bedeute eine verfassungswidrige Beeinträchtigung des Rechts auf körperliche Unversehrtheit zum Beispiel in den Fällen, in denen vor der Hirntoddiagnose organprotektive Maßnahmen vorgenommen würden. Moralpädagogische Beeinflussung könnten nicht moralisch legitime Gründe für oder gegen eine Organspende ersetzen.

Deutscher Ethikrat pro Widerspruchslösung:
- Die von Reinhard Merkel, Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie in Hamburg, geforderte "Pflicht zur gesellschaftlichen Minimalsolidarität" ist scheinheilig und in Wahrheit als "Akt postmortaler Solidarität" eine utilitaristische Maximalforderung. Sie verkennt und bagatellisiert auf allen Entscheidungs-Ebenen den Ernst und die Konsequenzen jeglicher transplantationsmedizinischer Bemühungen. Es ist den Menschen unzumutbar, sich eindeutig für oder gegen Organspende verhalten bzw. sich gar staatlich dazu verpflichten zu müssen, wenn nicht mal Experten zwischen post- und peri-mortaler Organspende differenzieren. "Eine solche Pflicht zur Klärung und Kundgabe ist auch als rechtliche Pflicht ohne weiteres begründbar", so Merkel. "Sie sei sogar rechtsethisch geboten" verkennt die höchstrichterlich gebotene Informationelle Selbstbestimmung.
- Professor Wolfram Henn, Facharzt für Humangenetik, stellt sich hinter das Widerspruchsmodell mit einem m.E. abenteuerlichen verwaltungs- und erbrechtlichen Vergleich: Mit dem Nachlass eines Menschen, der kein Testament abgefasst habe, werde nach allgemeinen Regeln der Vernunft und Logik erst weit jenseits von transplantationsmedizinischen Erwägungen umgegangen. Das kann allein deshalb nicht für die Organspende gelten.

In den Diskurs gehört auch das immer wieder selbst von einigen Ärztinnen und Ärzten öffentlich vorgetragene Argument, eine Selektion von zur Organspende bereiten und nicht bereiten Personen einzuleiten: In dem Sinne, dass "wer sich nicht selbst zur Organspende bereit erklärt, auch keine fremden Organe bekommen solle". Dies verkennt, dass viele unserer Patientinnen und Patienten auf Grund von wesentlichen, bedrohlich lebensverkürzenden Erkrankungen selbst niemals als potenzielle Organspender, sondern nur als Organempfänger in Frage kämen.

Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Avatar #760232
penangexpag
am Mittwoch, 20. März 2019, 12:17

Widerspruchslösung des Minister Spahn

Ich will den Befürwortern der Widerspruchslösung nicht die guten Absichten bestreiten, also kranken Menschen Hilfe zukommen zu lassen. Aber auf die grundsätzliche Konsequenz dieser Maßnahme muß energisch hingewiesen werden :
Sie bedeutet die Enteignung und Verstaatlichung des menschlichen Körpers und damit einen gesellschaftlichen Umbruch von unerhörtem Ausmaß. Mit dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist das unvereinbar.
Selbstverständlich sind auch Gesellschaftssmodelle denkbar, die damit kompatibel sind - und man muß kein studierter Historiker sein um dafür Beispiele aus der Vergangenheit zu finden.
Über die will ich hier auch nicht den Stab brechen und nicht bestreiten, daß sie Befürworter hatten - auch unter Ärzten.
Es verwundert mich allerdings, daß Minister Spahn die Widerspruchslösung fordert - wobei ich voraussetze, daß ihm die gesellschaftlichen Konsequenz nicht verborgen geblieben ist (sonst wäre er für das politische Amt ungeeignet). Denn in jenen Gesellschaftssystemen, die mit einer Enteignung und Verstaatlichung des menschlichen Körpers kompatibel sind, wäre er nicht auf einem Ministersessel gelandet, sondern ganz wo anders!
LNS

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