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Medizin

Welttuberkulosetag: Situationsberichte aus Europa und Deutschland

Dienstag, 19. März 2019

/dpa

Stockholm und Berlin – 2017 wurde in Europa bei schätzungsweise 275.000 Menschen eine Tuberkulose diagnostiziert, davon exakt 55.337-mal im Europäischen Wirtschafts­raum (EU/EAA) und 5.486-mal in Deutschland. Mit den Zahlen, die anlässlich des Welt­tuber­kulosetags am 24. März bekannt gegeben werden, setzt sich ein seit Jahren anhaltender rückläufiger Trend weiter fort. Es ist aber zu schwach, um das Ziel der Welt­gesundheitsorganisation (WHO), die Erkrankung bis 2050 zu eliminieren, zu erreichen. Dass es auch in Deutschland schwierig sein kann, auf einen Ausbruch zu reagieren, zeigte sich zuletzt an einem Ausbruch an einer Schule in Dresden.

Wie groß die Unterschiede in Europa sind, zeigt ein Vergleich der Inzidenzen. Den 275.000 Erkrankungen in Europa – es handelt sich mangels genauer Meldungen um eine Schätzung mit einem Konfidenzintervall von 238.000 bis 314.000 Erkrankungen – entspricht eine Inzidenz von 30 (26-34) Neudiagnosen auf 100.000 Einwohner. In Russland und den ehemaligen Sowjetrepubliken (dazu gehören auch Regionen im Kaukasus und in Zentralasien) sind es mehr als 50 Erkrankungen auf 100.000 Einwohner. In der EU/EAA beträgt die Inzidenz nur 10,7 und in Deutschland nur 6,7 auf 100.000 Einwohner.

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In den meisten Ländern wurden in den letzten Jahren Fortschritte erzielt. Die Zahl der Diagnosen – das sind Neuerkrankungen oder Rückfälle – ist in der WHO-Region Europa seit 2008 im Durchschnitt um 4,7 Prozent pro Jahr zurückgegangen. Das ist laut dem jetzt vorgestellten Report der größte Rückgang aller 6 WHO-Regionen. Doch das ehrgeizige Ziel, die Tuberkulose bis 2050 weitgehend zu eliminieren, wird sich vermutlich nicht erreichen lassen. 

Recht hoch ist die Zahl der Infektionen, die nicht auf die Standardmedikamente ansprechen, wobei es auch hier große regionale Unterschiede gibt. In der WHO-Region Europa könnten 77.000 Menschen an einer multiresistenten Tuberkulose (MDR-Tb) leiden, das wäre fast ein Viertel aller weltweiten Fälle. In der EU/EAA wurden 2017 jedoch nur 1.041 Fälle bekannt, in Deutschland waren es gerade einmal 107 MDR-Erkrankungen. Die extensive Resistenz (XDR-TB), bei der auch Reservemedikamente versagen, wurde nur bei 4 Patienten diagnostiziert. In Deutschland sind 2017 insgesamt 102 Menschen an einer Tuberkulose gestorben.

Die Gefahr, an einer Tuberkulose zu erkranken oder sogar daran zu sterben, ist für die Bevölkerung gering. Die kollektive Angst vor der Erkrankung ist jedoch weit verbreitet, und die gesetzlich vorgeschriebenen Umgebungsuntersuchungen können in einer Stadt für Aufregung sorgen. Dies bekam das Gesundheitsamt Dresden im Dezember 2017 zu spüren, als die Erkrankung einer schulpflichtigen Person gemeldet wurde. In diesem Fall schließt die Umgebungsuntersuchung die Mitschüler ein. Zunächst wurden 70 Personen einbestellt.

Davon reagierten 14 Personen positiv auf den Interferon-Test (IGRA), der eine latente Tuberkulose nachweist. Darunter waren 3 Personen mit auffälligem Röntgenthorax und später auch positiver Mikrobiologie, also einer aktiven und potenziell ansteckenden Tuberkulose. Da darunter auch ein Lehrer war, musste die Umgebungsuntersuchung auf die gesamte Schule (Schüler und Personal) ausgedehnt werden. Insgesamt 1.045 Personen wurden einbestellt. Dies führte nicht nur bei den Laboruntersuchungen schnell zu den Kapazitätsgrenzen. Der IGRA ist kein Routinetest. 

Auch die Telefone im Gesundheitsamt standen nicht mehr still. Täglich wurden bis zu 1.000 Anrufe registriert. Noch vor der ersten Pressemitteilung breitete sich die Nachricht in den sozialen Medien aus. Zeitweise musste die Stadt täglich Pressemitteilungen veröffentlichen. Im Januar beschäftigte sich auch ein Ausschuss des Stadtrats mit der Angelegenheit. 

Am Ende wurden 1.500 schulische und 500 private Kontakte ermittelt. Es erfolgten über 3.000 Bluttests (IGRA). Bei 120 Personen wurde eine latente Tuberkulose diagnostiziert. Den meisten Betroffenen wurde zu einer präventiven Behandlung geraten. Bei 7 Personen wurde eine aktive Tuberkulose gefunden.

Cornelia Breuer vom Gesundheitsamt Dresden erklärt die hohe Anzahl der Infektionen im aktuellen Epidemiologischen Bulletin (2019; doi: 10.25646/5940) mit der nachweislich langandauernden Infektiosität einer unbemerkt an Tuberkulose erkrankten Person. Die meisten der aktiv erkrankten Patienten hätten trotz teilweise ausgedehnter Befunde im Röntgenthorax niemals den Verdacht geschöpft, dass ihre Beschwerden vielleicht die Folge einer Tuberkulose sein könnten. Ein Migrationshintergrund spielte laut Breuer bei dem Ausbruch übrigens keine Rolle.

© rme/aerzteblatt.de

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Avatar #539999
klausenwächter
am Dienstag, 26. März 2019, 06:33

Aktive Fallfindung

Eine typische Fallgeschichte lautet: mehrere Antibiotika übers Jahr verordnet - zusätzlich blaues Spray. Bisher keine Röntgenaufnahmen.

Eine Analyse der 2017 in Deutschland an Tuberkulose verstorbenen Patienten wäre interessant. Bestand eine Immunsuppression? Wie lang war die adäquate Therapie?
LNS

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