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Medizin

Passivtrinken: Tausende Babys werden mit Behinderung geboren

Dienstag, 19. März 2019

Alkoholflaschen /dpa
Passivtrinken – Analog zum Passivrauchen stellt auch Alkoholkonsum für unbeteiligte Dritte eine Gefahr dar.  /dpa

München – Auch Nichttrinker leiden in vielen Fällen unter den Folgen von Alkoholkonsum: Im Straßenverkehr verursachen betrunkene Autofahrer tödliche Unfälle, bei Gewalttaten spielt oft Alkohol eine Rolle – und trinkende Mütter schädigen ihre ungeborenen Kinder. Die Folgen des Passivtrinkens wurden bisher unterschätzt, heißt es in einer Studie des Münchner Instituts für Therapieforschung (IFT), die Betroffenenzahlen für das Jahr 2014 hochgerechnet hat. Die Ergebnisse wurden im BMC Medicine veröffentlicht (2019; doi: 10.1186/s12916-019-1290-0).

Die Zahl der Betroffenen sei schwer zu erfassen, da die Entwicklungsschädigungen oft erst später festgestellt würden, erklärt Erstautor Ludwig Kraus vom IFT in München. Da die Erkrankungen nicht meldepflichtig seien, gebe es keine Statistiken.

Sofern keine repräsentativen Daten zum fetalen Alkoholsyndrom (FAS) und zur fetalen Alkoholspektrumstörung (FASD) vorlagen, nutzten die Forscher daher eine spezielle Methodik (Lancet 2017; Jama Pediatr 2017), um die Inzidenz indirekt anhand von Prävalenzdaten des Alkoholkonsums während der Schwangerschaft einzuschätzen. Neben den internationalen Übersichtsstudien wurde zudem eine Untersuchung des Robert-Koch-Instituts in Berlin ausgewertet, die auf Befragungen von Müttern beruhte. Demnach wurden von 10.000 Kindern 177 mit einer fetalen Alkoholspektrumstörung (FASD) geboren. Das rechneten die Forscher auf die Zahl von 715.000 Geburten in Deutschland um.

Im Jahr 2014 kamen demnach in Deutschland 12.650 Babys mit einer FASD zur Welt, darunter knapp 3.000 mit einem FAS als volle Ausprägung der Störung. Die Kinder sind teils kleinwüchsig und haben Fehlbildungen im Gesicht. Ihre motorischen Fähigkeiten sind eingeschränkt, sie zeigen Störungen im Verhalten, bei den Gedächtnisfunktionen, bei Aufmerksamkeit und Lernfähigkeit.

Hohe Dunkelziffer

„Für Deutschland wurden die Zahlen bisher unterschätzt“, sagte Kraus. Dabei seien FAS und FASD nicht einmal die einzigen möglichen Folgen des Alkoholkonsums während der Schwangerschaft. Auch das Risiko einer Totgeburt steigt, ebenso das für Fehl- und Frühgeburten, intrauterine Wachstumsretardierungen, und das Risiko für ein geringes Geburtsgewicht nimmt zu.

Weil viele Eltern Verhaltensauffälligkeiten ihres Kindes nicht mit dem Alkoholkonsum in der Schwangerschaft verbinden, sei die Dunkelziffer extrem hoch, ergänzte Olaf Neumann, Chefarzt der Frauenklinik an der München Klinik Schwabing. Es gebe trotz vieler Studien keinen wissenschaftlich belegten Wert, bis zu dem Alkohol in der Schwangerschaft unschädlich sei. „Deswegen müssen wir davon ausgehen, dass auch das ‚Ausnahmeglas Wein im Monat’ schon schaden kann“, sagt Neumann. Er plädiere deshalb stark für die 0,0-Promillegrenze.

Trinke die Mutter Alkohol, trinke das Ungeborene stets mit. „Durch die Nabelschnur gelangt der Alkohol direkt in den Blutkreislauf des Kindes, Mutter und Kind haben dann denselben Alkoholspiegel – das ungeborene Kind sogar länger, da es den Alkohol nicht so schnell abbauen kann“, sagte Neumann.

Passivtrinken als Gefahr im Straßenverkehr und bei Gewalttaten

Nichttrinker können zudem im Straßenverkehr durch den Akoholkonsum anderer Menschen zu Schaden kommen. Von 2.675 Menschen, die 2014 unverschuldet im Straßenverkehr starben, wurden 1.214 Opfer von Alkoholfahrten, meist als Beifahrer oder Fußgänger. Auch Gewalttaten würden vielfach unter Alkoholeinfluss begangen. Von 368 Tötungen waren in 55 Fällen die Täter alkoholisiert. In Fällen, in denen Täter schon als gewaltbereit bekannt seien, könne mit Therapie Prävention betrieben werden, damit sie auch unter Alkoholeinfluss gewaltfrei bleiben können.

Für alkoholisierte Autofahrer müsse es empfindlichere Strafen geben, sagte Kraus weiter. Verkehrskontrollen müssten intensiviert werden. Maßnahmen wie die Preispolitik oder die Beschränkung der Vermarktung von alkoholischen Getränken seien unpopulär, würden aber helfen, die Schädigung Dritter zu reduzieren, ist Kraus überzeugt. Letztlich komme das auch den Trinkern selbst zugute. Alkoholmissbrauch sei weltweit die vierthäufigste Ursache für Erkrankungen und Todesfälle. Missbräuchlicher Alkoholkonsum erhöhe das Risiko für zahlreiche Krebsarten. © dpa/gie/aerzteblatt.de

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