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Medizin

Amygdala für den Schutz vor Körperwahrneh­mungsstörungen wichtig

Mittwoch, 20. März 2019

Amygdala (lila) /Cliparea.com, stockadobecom

Bonn – Bei Störungen in der Amygdala im Gehirn sind die Betroffenen besonders anfällig für Illusionen und Körperwahrnehmungsstörungen. Ein Forscherteam unter Leitung der Universität Bonn berichtet, dass diese auch Mandelkern genannte Hirnstruktur effektiv vor Körperwahrnehmungsstörungen schützt. Die Arbeit ist im Journal of Neuroscience erschienen (2019; doi: 10.1523/JNEUROSCI.2577-18.2019).

Ein Team um René Hurlemann von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bonn (UKB) hat das Gummihand-Experiment dazu an eineiigen Zwillingen durchgeführt, die beide am Urbach-Wiethe-Syndrom erkrankt sind. Bei dieser seltenen Erkrankung sind unter anderem in beiden Schläfenlappen des Gehirns die Mandelkerne (Amygdalae) defekt.

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Bei der Gummihand-Illusion handelt es sich um eine klassische Sinnestäuschung, die auf Experimenten beruht, die 1998 von Matthew Botvinick und Jonathan Cohen veröffentlicht wurden. Die Versuchsperson legt beide Hände auf einen Tisch. Eine der Hände wird verdeckt und daneben eine täuschend echt wirkende Gummihand platziert. Anschließend werden gleichzeitig die echte Hand und die Gummihand mit einem Pinsel rhythmisch gestreichelt. Bei den allermeisten Probanden stellt sich nach einiger Zeit das Gefühl ein, dass die künstliche Hand ein Teil des eigenen Körpers ist.

Bei den Zwillingsschwestern in der Studie stellte sich die Gummihand-Illusion besonders rasch und sehr ausgeprägt ein. Die Forscher wiederholten das Experiment an einer Kontrollgruppe mit 20 gesunden Frauen. Dabei zeigte sich, dass es viel länger dauerte als bei den Zwillingen mit defekten Amygdalae, bis sich die Gummihand-Illusion einstellte. Wie sich anhand eines standardisierten Fragebogens zeigte, war darüber hinaus die Sinnes­täuschung bei den Frauen mit intakten Amygdalae viel schwächer als bei den Zwillingen.

Im nächsten Schritt hat das Forscherteam am Bonner Universitätsklinikum mit einem Hirnscanner das Volumen der Amygdalae bei 57 Probanden (36 Frauen und 21 Männer) gemessen. Außerdem führten sie bei den Studienteilnehmern ebenfalls das Gummihand-Experiment durch und erfassten die Zeit, bis die Gummihand-Illusion auftrat. Ergebnis: Je kleiner die Amygdala, desto schneller stellte sich die Sinnestäuschung ein.

Anschließend verabreichten die Wissenschaftler den Probanden an zwei aufeinanderfol­genden Terminen ein Oxytocinspray und ein Placebospray in die Nase. „Studien zeigen, dass das Hormon Oxytocin die Aktivität der Amygdala hemmt“, erläuterte Markus Heinrichs vom Institut für Psychologie der Universität Freiburg den Hintergrund.

Das Oxytocin verstärkte die Gummihand-Illusion: Der Effekt trat viel schneller ein und war deutlich stärker als nach Placebogabe. „Offenbar mindert eine intakte Amygdala die Anfälligkeit für die Gummihand-Täuschung“, folgerte Heinrichs.

Für Hurlemann deuten diese Ergebnisse darauf hin, dass die Amygdala generell eine Schutzfunktion vor gestörter Körperwahrnehmung hat. „In der Literatur wurde die Amygdala häufig als ein Alarmmelder für äußere Gefahrenreize beschrieben“, berichtet der Wissenschaftler. „Neu ist, dass diese Hirnstruktur auch bei der Körperwahrnehmung eine große Rolle spielt“, betont er. © hil/aerzteblatt.de

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