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Politik

Sachliche Debatte um Widerspruchsregelung

Donnerstag, 21. März 2019

/dpa

Berlin – Die Einführung einer Widerspruchslösung bei der Organspende, bei der jeder Mensch in Deutschland automatisch als Organspender gelten soll, sofern er dem nicht widersprochen hat, ist gesellschaftlich umstritten. Das zeigte sich heute auch bei einer Diskussion des Vorsitzenden des Deutschen Ethikrates, Peter Dabrock, mit der Herzchirur­gin und Patientenbeauftragten der Bundesregierung, Claudia Schmidtke (CDU), die auf Einladung der Schwenninger Krankenkasse in Berlin stattfand.

Während Dabrock die Einführung einer Widerspruchslösung nicht für notwendig, sondern sogar für „schädlich für das ehrenwerte Anliegen der Organspende“ hält und zunächst den Erfolg der jüngsten Reform des Transplantationsgesetzes abwarten möchte, plädierte Schmidtke dafür, die derzeit geltende Entscheidungslösung durch eine Widerspruchslö­sung zu ersetzen.  Ein entsprechender Gesetzesentwurf werde „in Kürze“ durch Bundes­gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) eingebracht, sagte sie, jedoch ohne einen kon­kreten Termin zu nennen.

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Zwar sei die jüngste Reform des Transplantationsgesetzes notwendig gewesen, erklärte Schmidtke. Da es viele Maßnahmen aber prinzipiell schon früher gegeben hätte, würden die Verbesserungen nicht viel an der Gesamtsituation des Mangels an Spenderorganen ändern. Die Einführung der Widerspruchslösung forciere hingegen einen Kulturwandel. „Es muss normal sein, dass man Organspender ist“, betonte sie. Für eine nachhaltige Steigerung der Organspenden sei deshalb eine Kombination aus einer verbesserten Organisation und der Widerspruchslösung notwendig.

Dabrock dagegen hält die Abkopplung der jüngsten Änderung des Transplantationsge­setzes von der Debatte um die Widerspruchslösung für sinnvoll. „Der Erfolg sollte abge­wartet werden“, sagte er. Für eine Verbesserung der Organspendesituation seien in anderen Ländern auch die Strukturveränderungen der entscheidende Faktor gewesen.

„Wir müssen zudem wahrnehmen, dass die Transplantationsmedizin in Deutschland ein Vertrauensdefizit hat“, sagte er. „Indirekte Zwangsmaßnahmen“ wie die Einführung einer Widerspruchslösung könnten das Vertrauen der Bevölkerung in die Transplantations­me­dizin nicht stärken, sondern seien als Signal „denkbar falsch“, meinte der Ethikrats-Vorsitzende. Wer dieses existenzielle Thema mit anderen Themen gleichsetze, erweise der Organspende – für die er auch werbe – einen Bärendienst. 

Statt für eine „Organabgabepflicht mit Widerspruchsvorbehalt“ sprach sich Dabrock für eine „verschärfte Entscheidungslösung“ aus, wie sie eine Gruppe um den CSU-Politiker Stephan Pilsinger und die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock vorschlägt. Dabei soll jeder Erwachsene zum Thema Organspende befragt und seine Entscheidung n einem Zentralregister erfasst werden. © ER/aerzteblatt.de

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 22. März 2019, 16:57

Widersprüchliche Widerspruchsregelung!

Eine sachliche Debatte um die Widerspruchsregelung in der Transplantationsmedizin ist nur eingeschränkt möglich. Denn sie missachtet die Informationelle Selbstbestimmung jedes einzelnen Individuums.

Sie wird deshalb vorm Bundesverfassungsgericht (BVerfG) in Karlsruhe scheitern, weil sie unterschiedslos Organe vom Säugling bis zum Greis in staatliche Obhut nehmen und nach Gutdünken verwalten will.

Die Widerspruchsloslösung fackelt nicht lange und fragt nicht nach Geschäfts-, Einwilligungs- und Widerspruchs-Fähigkeiten, um aus vorgeblich rein humanitären Beweggründen eine möglichst hohe Anzahl von Organen zu akquirieren.

Die geringe Organspende-Bereitschaft in Deutschland korrespondiert mit dem unterentwickeltem Diskurs über bio-psycho-soziale Auswirkungen der Transplantationsmedizin. Lebensfrisch transplantierbare Spenderorgane mit Erfolgsaussichten bei Organempfängern bedeuten nicht "postmortale", sondern perimortale Organspenden.

Animierte Avatare?
Fachärzte-Teams, die den Hirntod feststellen, bzw. Ex-, und Implanteure bewegen sich auf schmalem Grat zwischen Leben und Tod, zwischen Hirntodfeststellung, Entscheidungsfindung und Transplantations-Geschehen. Hirntote Organspender/-innen erscheinen den Explantations-Teams als künstlich belebte "Avatare", deren endgültiger Tod erst nach Organentnahmen besiegelt ist.

Widerspruchslösung konterkariert "Mehr Organspende-Bereitschaft wagen"
"Mehr Organspende-Bereitschaft wagen" geht nur mit Selbst-Reflexion, Nachhaltigkeit, Mut und Offenheit. Transplantationsmedizin ist keine "Wiedergeburt", sondern einseitige Lebensverlängerung. Demnach gibt es keine "moralisch-ethische Pflicht zur Organspende", sondern nur eine Rationale mit freiwilliger Entscheidung dafür oder dagegen. Deshalb ist die u.a. von Fachminister Jens Spahn und Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel propagierte "Widerspruchslösung", nach der Jede(r) von Geburt an potenzieller Organspender sein müsse, kontraproduktiv. Sie wird z.B. in Spanien in dieser Form auch nur im Konsens verwirklicht, wie eine deutsche Parlamentariergruppe 2018 feststellte:
https://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/organspende/article/975345/organspende-spanien-widerspruchsloesung-erfolgreich.html

Deutscher Ethikrat contra Widerspruchslösung:
- Professor Claudia Wiesemann, Abteilung Ethik und Medizin der Universität Göttingen, sieht kein Spendenproblem, sondern Melde- und Organisationsprobleme. Organisationsethische Konflikte verursachten den Rückgang der Spenderzahlen. Eine perimortale Organspende Hirntoter mit einem lebendig anmutenden Leib sei die größte Herausforderung für Ärzte, Fachpflegekräfte, Angehörige und Betroffene. Es ginge um Achtsamkeit, Aufmerksamkeit und ethische Zielkonflikte besonders bei denen, die im Schatten von strahlend-erfolgreichen Transplanteuren das Maschinen-gestützte Leben von Organspendern nach Organentnahme beenden müssen.
- Dem Kölner Staatsrechtler Professor Wolfram Höfling zufolge ist jede Entscheidung zur Organspende eine existenzielle Entscheidung über das eigene Sterben. "Ein Widerspruchsmodell lässt sich als verfassungskonforme Lösung des Organmangels nur denken auf der Grundlage der Hirntodkonzeption. Diese ist aber nicht tragfähig", so Höfling. Die Einführung eines Widerspruchsmodells bedeute eine verfassungswidrige Beeinträchtigung des Rechts auf körperliche Unversehrtheit zum Beispiel in den Fällen, in denen vor der Hirntoddiagnose organprotektive Maßnahmen vorgenommen würden. Moralpädagogische Beeinflussung könnten nicht moralisch legitime Gründe für oder gegen eine Organspende ersetzen.

Deutscher Ethikrat pro Widerspruchslösung:
- Die von Reinhard Merkel, Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie in Hamburg, geforderte "Pflicht zur gesellschaftlichen Minimalsolidarität" ist scheinheilig und in Wahrheit als "Akt postmortaler Solidarität" eine utilitaristische Maximalforderung. Sie verkennt und bagatellisiert auf allen Entscheidungs-Ebenen den Ernst und die Konsequenzen jeglicher transplantationsmedizinischer Bemühungen. Es ist den Menschen unzumutbar, sich eindeutig für oder gegen Organspende verhalten bzw. sich gar staatlich dazu verpflichten zu müssen, wenn nicht mal Experten zwischen post- und peri-mortaler Organspende differenzieren. "Eine solche Pflicht zur Klärung und Kundgabe ist auch als rechtliche Pflicht ohne weiteres begründbar", so Merkel. "Sie sei sogar rechtsethisch geboten" verkennt die höchstrichterlich gebotene Informationelle Selbstbestimmung.
- Professor Wolfram Henn, Facharzt für Humangenetik, stellt sich hinter das Widerspruchsmodell mit einem m.E. abenteuerlichen verwaltungs- und erbrechtlichen Vergleich: Mit dem Nachlass eines Menschen, der kein Testament abgefasst habe, werde nach allgemeinen Regeln der Vernunft und Logik erst weit jenseits von transplantationsmedizinischen Erwägungen umgegangen. Das kann allein deshalb nicht für die Organspende gelten.

Selektion in Abhängigkeit von Organspende-Bereitschaft?
In den Diskurs gehört auch das immer wieder selbst von einigen Ärztinnen und Ärzten öffentlich vorgetragene Argument, eine Selektion von zur Organspende bereiten und nicht bereiten Personen einzuleiten: In dem Sinne, dass "wer sich nicht selbst zur Organspende bereit erklärt, auch keine fremden Organe bekommen solle". Dies verkennt, dass viele unserer Patientinnen und Patienten auf Grund von wesentlichen, bedrohlich lebensverkürzenden Erkrankungen selbst niemals als potenzielle Organspender, sondern nur als Organempfänger in Frage kämen.

So ist es auch beim Autor selbst: 2000 Erstdiagnose komplexes Non-Hodgkin-Lymphom, Stadium IV a mit Hochdosis-Chemotherapie und autologer Stammzelltransplatation; 2007 Rezidiv des niedrig-maligen Anteils mit 4-fach Chemotherapie und Rituximab-Behandlungszyklen. Für mich selbst kann ich allerdings auch einen Organempfang weitgehend ausschließen.

Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

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