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Medizin

Mehr Hirntumore nach Sauglocken- und Zangengeburten

Donnerstag, 21. März 2019

/freepeoplea, stockadobecom

Athen – Nach instrumentellen Geburten kommen bei den Kindern Hirntumore um ein Vielfaches häufiger vor als bei natürlichen Geburten, die ohne Einsatz von Vakuumsog oder Forzeps bewältigt werden konnten. Das geht aus der Auswertung eines nationalen Registers in Griechenland hervor, mit dessen Hilfe perinatale und frühkindliche Risikofaktoren für Hirntmore identifiziert werden sollen. Die Studie ist in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Cancer Epidemiology (2019; doi: 10.1016/j.canep.2019.01.017) veröffentlicht worden.

Hirntumore und andere Tumore des Zentralnervensystems sind die häufigsten soliden Malignome in der Pädiatrie, ihre Inzidenz nimmt zu, sie sind zudem die Hauptursache kindlicher Mortalität. Schon länger ist bekannt, dass beispielsweise das Geburtsgewicht und die Wachstumsdynamik des Ungeborenen das Risiko für diese Malignome beeinflussen können. Ebenfalls spielen genetische Syndrome und ionisierende Strahlen eine Rolle. Für die aktuelle, multizentrische Fall-Kontroll-Studie wertete ein Forscherkonsortium aus zahlreichen Kliniken unter Leitung von Eleni Petridou von der Universität Athen die Daten des griechischen Kinderkrebsregisters NARECHEM-ST (National Registry for Childhood Hematological Malignancies and Solid Tumors) aus. Verglichen wurden die Geburtsabläufe zu 203 Kindern im Alter von 1 bis 14 Jahren mit der Diagnose Hirntumor oder Tumor des Zentralnervensystems mit den Angaben zu 406 Kontrollen der gleichen Altersgruppe.

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Nach instrumentellen Geburten war das Risiko, später einen Hirntumor zu entwickeln, mit einer Odds Ratio (OR) von 7,82 fast 8-mal so hoch wie jenes von Kindern, die unkompliziert vaginal entbunden worden waren (95-%-Konfidenzintervall: 2,18-28,03). Die Autoren der Studie vermuten, dass die bei der Extraktion mittels Zange oder Saugglocke auf den Kopf des Babys einwirkenden Kräfte Verletzungen von Hirnstrukturen nach sich ziehen könnten. Von Erwachsenen sei bekannt, dass traumatische Hirnläsionen mit einem höheren Risiko für Hirntumore einer bestimmten Histologie (Gliome) einhergingen, heißt es in der Arbeit. Dazu passt der Befund der griechischen Wissenschaftler, dass der für den kindlichen Kopf schonendere Kaiserschnitt in dieser Hinsicht das geringste Risiko birgt: Nach Sectio traten im Vergleich zu einer unkomplizierten Vaginalgeburt noch einmal deutlich weniger Hirntumore auf (OR: 0,67; 95-%-KI: 0,45-0,99).

Innerhalb der aktuellen griechischen Studie konnte nicht unterschieden werden, wie viele Kinder per Zange/Forzeps und wie viele per Saugglocke/Vakuum geboren worden sind. In Deutschland kam laut Statista im Jahr 2017 die Vakuumextraktion bei 45.166 Kindern zum Einsatz. 10 Jahre zuvor waren es noch deutlich weniger, nämlich 30.836.

Die Zahl der Zangengeburten ist schwieriger zu ermitteln, sie ist jedenfalls viel kleiner. Laut Gesundheits­berichterstattung des Bundes gab es 2017 unter 785.000 Lebendgeburten insgesamt 2.580 Zangenentbindungen. Der Einsatz der Zange erhöht vor allem das Verletzungs­risiko der Mutter und zieht Schäden am Beckenboden nach sich. Infolgedessen sind Zangengeburten seltener geworden und eine Vakuumextraktion gilt als die weniger traumatische Variante unter den instrumentellen Geburten. Allerdings hatten erst vor wenigen Jahren Wissenschaftler um Gunilla Ajne von der Frauenklinik am schwedischen Karolinska-Institut in Stockholm in einer Studie (Obstetrics and Gynaecology 2015; doi: 10.1111/1471-0528.13222) zeigen können, dass auch der Sog einer Saugglocke den Schädel eines Babys mit erheblichen Kräften traktiert. Diese wurden selbst von Geburts­helfern als um die Hälfte zu niedrig eingeschätzt und sind offenbar deutlich stärker, als man bis dahin vermutet hatte. So wirkt bei leichtem Zug eine Kraft von durchschnittlich 176 Newton ein, mehr als 225 Newton sind es im Falle einer mittleren Saugwirkung und bis zu 241 Newton, wenn extrem stark am Kind gezogen werden muss.

Welche Faktoren für das erhöhte Tumorrisiko letztendlich verantwortlich sein könnten, lässt sich aufgrund der Studie nicht eindeutig beantworten, wie auch die griechischen Autoren einräumen. Es handelt sich lediglich um Korrelationsdaten und der Zusammenhang zwischen instrumenteller Geburt und Hirntumoren könnte sich auch anders erklären lassen. So kommen Saugglocke oder Zange öfter dann zum Einsatz, wenn sich die Geburt etwa wegen der Größe des Kindes oder des kindlichen Kopfes verzögert. Beispielsweise beobachteten Forscher in einer großen schwedischen Kohortenstudie (Cancer Epidemiology, Biomarkers & Prevention 2016; doi: 10.1158/1055-9965), dass ein erhöhtes Meningeomrisiko bei jungen Erwachsenen mit einem großen Kopfumfang bei der Geburt einherging (Risk Ratio: 1,76; 95-%-KI: 1,01-3,05). Nachdem die Daten auf verschiedene Einflussfaktoren adjustiert worden waren, blieb der Zusammenhang nur noch für das männliche Geschlecht bestehen.

In einer Metaanalyse, (Pediatric Blood & Cancer 2016; doi: 10.1002/pbc.26299), an der auch Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg beteiligt waren, zeigte sich ebenfalls eine Korrelation zwischen einem hohen Geburtsgewicht (≥ 4.000 g) und distinkten Hirntumoren – in diesem Fall waren es Astrozytome. Außerdem gibt es Arbeiten, die die aktuellen Ergebnisse nicht bestätigen können. Eine Fall-Kontroll-Studie (Cancer Epidemiology 2016; doi: 10.1016/j.canep.2015.11.006) von skandinavischen, französischen und Schweizer Forschern fand weder einen Zusammenhang von Hirntumoren und Geburtsgewicht beziehungsweise Kindsgröße, noch einen Einfluss von Vakuumgeburten. © mls/aerzteblatt.de

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