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Politik

DRG-Umbau: Auswirkungen werden erheblich sein

Freitag, 22. März 2019

/dpa

Berlin – Der Leiter des Instituts für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK), Frank Heimig, hat die Unsicherheiten betont, die mit der Herausnahme der Pflegepersonal­kosten aus den Diagnose Related Groups (DRGs) verbunden sind. „Keiner weiß, was am Ende der Umstellung herauskommen wird“, sagte er gestern auf dem 18. DRG-Forum in Berlin. Klar sei nur, dass die Auswirkungen für die Krankenhäuser teils erheblich sein würden.

Mit dem zum Jahresbeginn in Kraft getretenen Pflegepersonal-Stärkungsgesetz (PpSG) hat die Bundesregierung beschlossen, dass die Kosten für das Pflegepersonal im Krankenhaus künftig zwischen Krankenhäusern und Krankenkassen im Rahmen eines Pflegebudgets auf der Basis des hausindividuellen Bedarfs verhandelt werden sollen.

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Bislang sind die Pflegepersonalkosten in den DRGs enthalten. Mit dem Umbau des Systems wurde das InEK beauftragt. Heimig betonte nun, wie komplex sich der Umbau gestaltet. „Man kann nicht einfach eine Spalte aus der Matrix herausnehmen“, sagte er. Denn der Pflegeanteil sei in den einzelnen DRGs sehr unterschiedlich verteilt. Und so werde die Ausgliederung der Kosten auf Fallebene vorgenommen.

Da die einzelnen Krankenhäuser ein unterschiedliches Leistungsspektrum anböten, seien verschiedene Häuser von dem Umbau auch ganz unterschiedlich betroffen. Bei manchen Häusern gehe es um 30 Prozent ihrer Einnahmen, bei anderen um zehn Prozent.

Insgesamt beliefen sich die Pflegepersonalkosten auf eine Summe von etwa 15 Milliar­den Euro, die nun aus dem DRG-System herausgenommen werde. Im PpSG ist allerdings vorgesehen, dass in den ersten beiden Jahren nach der Umstellung des Systems Budget­minderungen für die Kranken­häuser aufgrund der Einführung des Pflegebudgets begrenzt werden sollen: im Jahr 2020 auf zwei Prozent und im Jahr 2021 auf vier Prozent.

„Medizinische Stimmigkeit“ des Systems verändert sich

Das InEK schlägt die Einführung eines neuen aDRG-Katalogs vor, aus dem die Pflege­personalkosten herausgerechnet wurden. Der Buchstabe „a“ stehe für „ausgegliedert“, so Heimig. Die Herausnahme der Pflegepersonalkosten werde dabei Auswirkungen auf die „medizinische Stimmigkeit“ des gesamten Systems haben. Heute werden in der Regel DRGs mit einer hohen Bewertungsrelation vor DRGs mit einer geringeren Bewertungsre­lation sortiert. Da heute DRGs ganz verschiedene Pflegeanteile enthielten, könne es nach einer Herausnahme dieser Anteile zu einer Neusortierung der DRGs kommen.

Heimig gab ein Beispiel: Heute stehe die „geriatrische Komplexbehandlung plus Opera­tion“ vor dem „großen Eingriff am Magen“. Die geriatrische Komplexbehandlung habe einen Pflegeanteil von 24 Prozent, der Eingriff am Magen einen Anteil von 16 Prozent. Nach der Herausnahme des Pflegeanteils werde der Eingriff am Magen somit über der geriatrischen Komplexbehandlung einsortiert.

„In der Folge wird dann jedes Haus weniger Geriatrie codieren, obwohl sich das Leistungsspektrum gar nicht verändert hat“, sagte Heimig. „Sie behandeln dann vielleicht gleich viele geriatrische Patienten, codieren aber keine Geriatrie-DRGs mehr.“ Wieviel Verwirrung das mit sich bringen werde, sei heute noch nicht einzuschätzen. „Es sieht dann so aus, als hätten Sie die Geriatrie abgeschafft und machten nur noch Chirurgie“, so der InEK-Leiter. „Das müssen Sie dann in den Budgetverhandlungen begründen.“

Was ist „Pflege am Bett“?

Probleme gebe es auch bei der Definition, worum es sich bei der „Pflege am Bett“ über­haupt handle. Denn dem PpSG zufolge sollen die DRGs um die Kosten der „Pflege am Bett“ bereinigt werden. Heimig erklärte, dass die Vertragspartner der Selbstverwaltung am 18. Februar eine „Pflegepersonalkostenabgrenzungsvereinbarung“ unterzeichnet hätten, mit der geklärt werden solle, worum es sich bei einer „Pflege am Bett“ handle. Einig sei man sich darin, dass sich die auszugliedernden Pflegepersonalkosten auf die Normalstation, die Intensivstation und auf die Dialyse beziehen.

Heimig kritisierte, dass der Zeitplan für den Umbau des Systems viel zu ambitioniert sei. „Einerseits soll das neue System etwas taugen, andererseits soll es fertig sein, bevor man richtig darüber nachgedacht haben kann“, meinte er und kündigte an, im September mehr über die Auswirkungen der Umstellung auf die Krankenhäuser sagen zu können.

DKG begrüßt Systemumbau

Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Georg Baum, begrüßte die Herausnahme der Pflegepersonalkosten aus den DRGs, auch, wenn der Um­bau des Systems schwierig sei. „Wir sind für eine Ausgliederung der Pflegekosten, weil wir im bestehenden System keine Möglichkeit für eine auskömmliche Finanzierung der Pflege mehr gesehen haben“, sagte er. Und das Herausrechnen sei zwar kompliziert, aber nicht unmöglich.

Baum betonte jedoch, dass sich nach dem Umbau unter dem Strich für die Krankenhäuser auch etwas ändern müsse. Bei den Budgetverhandlungen zwischen Krankenhäusern und Krankenkassen müssten die Kassen den Personalbedarf anerkennen, den die einzelnen Häuser nachweisen, und ihn bezahlen. Und die Rest-DRGs dürften nicht um den Betrag gemindert werden, den die Krankenhäuser im Rahmen des Pflegebudgets für ihr Pflegepersonal erhalten.

Deshalb spreche sich die DKG auch dafür aus, die Rest-DRGs komplett von den Pflege­personalkosten zu trennen. Bei einer zu großen Nähe der beiden Bereiche bestehe zudem die Gefahr, dass sich die Prüfungen des Medizinischen Dienstes der Kran­ken­ver­siche­rung (MDK) auch auf das Pflegebudget erstreckten.

„Kein neues Prüfgebiet für den MDK“

Ferdinand Rau, Leiter des Referats „Wirtschaftliche Fragen der Krankenhäuser“ im Bun­desgesundheitsministerium, erklärte dazu, dass in diesem Bereich kein neues Prüfgebiet für den MDK entstehen solle.

Baum betonte, dass Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) erklärt habe, dass nach der Herausnahme der Pflegepersonalkosten aus den DRGs die Köpfe bezahlt würden und nicht die Leistungen. Deshalb könne es keine unmittelbare Verknüpfung zwischen den Pflegepersonalkosten und den Rest-DRG geben.

Krankenhäuser fordern Abschaffung des PKMS

Baum sprach sich in diesem Zusammenhang auch für die Abschaffung des Pflegekom­plex­maßnahmen-Scores (PKMS) aus, einer Pflegedokumentation, die heute die Grundlage für die Auszahlung des Zusatzentgeltes für pflegespezifische Leistungen bildet. „Die Zusatzentgelte, die durch die PKMS-Codierung erwirtschaftet werden, gehen künftig weitgehend in das Pflegebudget über“, sagte Baum und bezifferte die entsprechenden Erlöse auf 410 Millionen Euro im Jahr. Wenn die PKMS wegfielen, entfalle die aufwendige Codierung sowie die damit zusammenhängende „Drangsalierung“ durch den MDK.  

Baum sprach sich dafür aus, „eine vernünftige Pflegepersonalbemessung“ aufzusetzen, mit der die Bedarfssituation besser als heute abgebildet werden könne.

Kassen halten Umbau des Systems für „politischen Fehler“ 

Der Leiter der Abteilung „Krankenhäuser“ im GKV-Spitzenverband, Wulf-Dietrich Leber, stellte sich hingegen hinter die Beibehaltung des PKMS, damit die Pflegeleistungen auch identifizierbar blieben. „Das Ding sieht furchtbar aus“, meinte er. „Aber darin steht nur, was auch in der elektronischen Pflegedokumentation steht.“ Leber rief die Krankenhäuser dazu auf, digitale Systeme zu implementieren, mit denen die einzelnen Leistungen im Kranken­haus besser als heute erfasst werden können. Dann sinke auch der bürokratische Aufwand für die Mitarbeiter.

Die Herausnahme der Pflegepersonalkosten aus den DRGs bezeichnet er als politischen Fehler. Falsch sei es zudem, dass die Krankenkassen den Krankenhäusern künftig alle Pflegestellen komplett finanzieren müssten, wie es ebenfalls im PpSG beschlossen wurde. Denn damit werde ein Anreiz gesetzt, Pflegefachkräfte wieder für die Raumpflege einzusetzen.

In diesem Zusammenhang zitierte Leber aus einem Schreiben des Unternehmens Frese­nius, dem Mutterkonzern des privaten Krankenhausträgers Helios: „Wir wollen unseren Mitarbeitermix anpassen, das heißt, dass wir Aktivitäten, die in der Vergangenheit von Servicemitarbeitern durchgeführt wurden, künftig wieder auf Pflegekräfte zurückver­lagern werden.“ © fos/aerzteblatt.de

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Avatar #734166
gstrupp80@gmail.com
am Sonntag, 24. März 2019, 14:34

DRG Umbau

es wird allerhöchste Zeit, dass dieses perfide System abgeschafft wird - Kommerzialisierung der Medizin ist ein Irrweg, wo der Patient auf der Strecke bleibt.
LNS

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