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Medizin

Heißer Tee erklärt häufiges Ösophaguskarzinom in iranischer Provinz

Montag, 25. März 2019

/dpa

Teheran – Einwohner der iranischen Provinz Golestan, die ihren Tee sehr heiß trinken, erkranken nach den Ergebnissen einer prospektiven Beobachtungsstudie im International Journal of Cancer (2019; doi: 10.1002/ijc.32220) häufiger an einem Plattenepithelkarzinom des Ösophagus.

Hinweise auf ein erhöhtes Krebsrisiko durch Heißgetränke gibt es schon länger. Die Internationale Agentur für Krebsforschung in Lyon stuft das Trinken sehr heißer Getränke bei über 65 Grad Celsius als „möglicherweise krebserregend“ (Gruppe 2A-Karzinogen) ein. Auch der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums warnt auf seiner Internetseite im Zusammenhang mit Speiseröhrenkrebs vor sehr heißen Getränken.

Die Vermutung wird jetzt durch eine epidemiologische Untersuchung aus dem Iran bestätigt. Ein Team um Farhad Islami von der medizinischen Universität Teheran hat die Daten der Golestan-Kohortenstudie ausgewertet. Golestan ist eine Provinz im Norden Irans an der Südost-Küste des Kaspischen Meers. Dort erkranken ungewöhnlich viele Menschen an einem Ösophaguskarzinom. Die Inzidenzrate ist bei Männern mit 109 auf 100.000 pro Jahr und bei Frauen mit 174 auf 100.000 pro Jahr deutlich höher als in der Provinz Gilan an der gegenüberliegenden Seite des Kaspischen Meeres, wo auf 100.000 Einwohner pro Jahr nur 15 Erkrankungen kommen.

Klima und ethnische Herkunft der Bevölkerung sind ähnlich, die Kultur unterscheidet sich jedoch. Eine Besonderheit in Golestan ist, dass die Einwohner ihren Tee gerne sehr heiß trinken. Es wird deshalb seit einiger Zeit vermutet, dass die Temperatur der Auslöser der Krebserkrankung ist, zumal die Häufung bei den Plattenepithelkarzinomen beobachtet wurde, die sich häufiger im oberen Bereich der Speiseröhre befinden, wo die Schleimhaut den hohen Temperaturen ausgesetzt ist.

Die Golestan-Kohortenstudie sollte den Verdacht klären. In den Jahren 2004 bis 2008 wurden die 50.045 Personen im Alter zwischen 40 und 75 Jahren nach ihren Lebensge­wohnheiten befragt und die bevorzugte Trinktemperatur des Tees ermittelt. Dazu wurden den Teilnehmern jeweils zwei Tassen Tee eingeschenkt. In eine Tasse steckte ein Thermo­meter. Wenn die Temperatur des Tees auf 75 Grad Celsius gesunken war, wurden die Teilnehmer gebeten, von dem Tee zu trinken. War ihnen der Tee noch zu heiß, wurden sie bei 70, 65 und 60 Grad erneut gebeten, ihn zu trinken. Die bevorzugte Trinktemperatur wurde notiert.

Bis Ende 2017 kam es unter den Teilnehmern zu 317 Neuerkrankungen am Plattenepithel­karzinom des Ösophagus. Nach Berücksichtigung von anderen bekannten Risikofaktoren wie dem Rauchen oder dem Alkoholkonsum (im Iran selten) ergaben sich statistisch eindeutige Zusammenhänge zwischen der Temperatur des Tees und dem Krebsrisiko. Personen, die eine Temperatur von mehr als 60°C bevorzugten, erkrankten nach den Berechnungen von Islami zu 41 Prozent häufiger an einem Plattenepithelkarzinom. Die Hazard Ratio von 1,41 war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,10 bis 1,81 signifikant. Teilnehmer, die bei der Untersuchung angegeben hatten, dass sie gewöhnlich heißen Tee trinken, hatten sogar ein mehr als zweifach erhöhtes Risiko (Hazard Ratio 2,41; 1,27 bis 4,56). Personen, die angegeben hatten, den Tee gleich nach dem Zubereiten zu trinken, erkrankten zu 51 Prozent häufiger als Personen, die den Tee über einen längeren Zeitraum konsumierten (Hazard Ratio 1,51; 1,01-2,26).

Als Erklärung kommen verschiedene Pathomechanismen in Frage. Eine thermale Schä­digung der Schleimhaut könnte zu direkten Schäden an der DNA führen. Sie könnte aber auch die Einwirkung von anderen karzinogenen Substanzen fördern. Für letztere Annahme sprechen tierexperimentelle Studien, in denen durch heiße Flüssigkeiten allein kein Krebs ausgelöst wurde, wohl aber durch die Kombination aus Hitze und Karzinogenen. In Golestan gibt es laut Islami eine hohe Exposition mit polyzyklischen aromatischen Kohlen­wasserstoffen, die beispielsweise beim Tabakrauchen entstehen. Da in Golestan auch Nicht-Raucher ein erhöhtes Ösophaguskrebsrisiko haben, muss es laut Islami noch weitere Gründe geben. © rme/aerzteblatt.de

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