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Politik

Gesundheitsstadt Berlin: Ungenutztes Potenzial bei Charité und Vivantes

Dienstag, 26. März 2019

Das Land Berlin ist Eigentümer der Charité – Universitätsmedizin Berlin und von Vivantes – Netzwerk für Gesundheit als kommunalem Versorger. Eine große Zahl der Berliner Krankenhausbetten befindet sich somit in Landeshand. /dpa

Berlin – Spitzenmedizin, medizinische Forschung und stationäre Krankenversorgung könnten in Berlin auf dem Niveau der besten internationalen Standorte stehen. Eine Strategie, um die internationale Führungsposition zu erreichen, stellte gestern Karl Lauterbach in Berlin vor. Im Fokus: Verpasste Chancen durch fehlende gemeinsame Strukturen zwischen der Charité – Universitätsmedizin Berlin und der landeseigenen Vivantes – Netzwerk für Gesundheit GmbH. Der Senat und das Parlament beraten jetzt über die Umsetzung der Vorschläge der Kommission, kündigte der regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD), an.

Müller hatte die Zukunftskommission „Gesundheitsstadt Berlin 2030“ am 16. Mai 2018 einberufen. Das elfköpfige Expertengremium unter Vorsitz des SPD-Fraktionsvize und Gesundheitsexperten Lauterbach formuliert in seinem Bericht Empfehlungen für drei Kernbereiche: die stationäre Krankenversorgung, die biomedizinische Forschung und das translationale Potenzial sowie Aus-, Fort- und Weiterbildung.

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Analysiert wurde vor allem die Situation der Charité und von Vivantes, die zusammen fast 44 Prozent der Krankenhausbetten (9.607) in Berlin stellen. Der Bericht widmet sich aber auch dem Deutschen Herzzentrum (DHZB), dem Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIH) sowie anderen außeruniversitären Einrichtungen.

Ausgangslage: Stärken und Schwächen der kommunalen Häuser

Der Charité attestierte die Kommission eine gute Ausgangslage: Das Universitätsklinikum sei ökonomisch stark, schreibe trotz eines riesigen Investitionsstaus schwarze Zahlen, könne viele Drittmittel einwerben und weise mehr als 4.000 Publikationen pro Jahr vor. Man dürfe aber auch die Probleme nicht übersehen, so Lauterbach: „90 Prozent der technischen Geräte sind für die Spitzenmedizin bereits abgeschrieben. Hier wird nicht mehr mit der neuesten Technik gearbeitet.“

Eine weitere Schwachstelle fand die Kommission bei den Drittmitteln. Denn der Anteil der Fördergelder, die aus Quellen kommen, die nicht ausgeschrieben sind, sei sehr hoch. „Das ist normalerweise ein klarer Indikator dafür, dass eine Klinik vom Ruf lebt“, folgerte der SPD-Politiker. Bei der kompetitiven Ausschreibung kämen diese Kliniken aber nicht mehr gegen andere, insbesondere internationale Standorte an. „Hier muss man sehr schnell gegensteuern“, warnte Lauterbach.

Das Potenzial in Deutschland ist nirgendwo so groß wie in Berlin, wenn man bereit ist die Struktur radikal und langfristig zu ändern. Karl Lauterbach, SPD

Im Gegensatz zu Vivantes fehlt der Charité ein klares Bau- und Strukturkonzept. Das bestehende sei sehr stark historisch bedingt, so Lauterbach. Auch mit seinem IT-Konzept konnte Vivantes punkten. Es sei aber in keiner Weise für Forschungsauswertung geeignet, sagte der SPD-Gesundheitsexperte und bemängelte, dass bei Vivantes nur wenig Forschung durchgeführt würde. „Die Charité könnte ihre Studien viel schneller und besser durchführen, wenn sie auf die Patienten von Vivantes zurückgreifen könnte.“ Dieser einmalige Vorteil würde bisher nicht ausreichend genutzt. „Das Potenzial in Deutschland ist nirgendwo so groß wie in Berlin, wenn man bereit ist die Struktur radikal und langfristig zu ändern“, sagte Lauterbach.

Ziele „Gesundheitsstadt Berlin 2030“

  • Stationäre Krankenversorgung auf europäischem Spitzenniveau
  • Internationale Führungsrolle in medizinischer Innovation und biomedizinischer Forschung unter Einbeziehung des DHZB und des BIH sowie außeruniversitären Einrichtungen
  • Zukunftsfähige Strukturen für eine hochwertige akademische und nicht-akademische Aus-, Fort- und Weiterbildung

Dabei empfiehlt die Zukunftskommission aufgrund zu erwartenden hohen Kosten und Widerstände explizit keine Fusion der großen Kliniken, sondern ein „fusionsähnliches Modell“. Exemplarisch stünde hierfür das Netzwerk der Partners HealthCare der Harvard Medical School in Boston, heißt es im Ergebnisbericht. „Es ist aber auch in Europa gelungen, zum Beispiel am Karolinska Institut in Schweden und in Teilen gelingt es in Deutschland sogar überraschend gut und wenig beachtet in Heidelberg“, berichtete Lauterbach.

Im Ergebnisbericht schlagen die Experten zudem einen Aufgabenverbund vor, der eine koordinierte Standortplanung und Aufgabenteilung ermöglicht. Eine engere Kooperation wird nicht nur in der Forschung und beim Transfer angeregt, sondern auch in der Aus- und Weiterbildung von Fachkräften. Mit einer gemeinsamen IT- und Dateninfrastruktur sollen Fortschritte in der Digitalisierung erzielt werden, wie etwa die Einführung einer digitalen Patientenakte. Die Etablierung des Berlin Institute of Health als Exzellenzsäule innerhalb der Charité wird von der Kommission ausdrücklich begrüßt. Detaillierte Vorschläge liefert der Bericht auch für Weiterentwicklungen beim wissenschaftlichen, medizinischen und administrativen Personal, von der Ausbildung bis hin zur Verbesserung von Karrierewegen.

Besonderheiten am Standort Berlin

Die Alleinstellungsmerkmale von Berlin stellet der SPD-Gesundheitsexperte immer wieder heraus. Er prognostizierte Berlin am Arbeitsmarkt die geringsten Probleme aufgrund des demografischen Wandels in ganz Deutschland. „Die Wirtschaft in Berlin wird florieren, weil keine einzige Stadt in Deutschland einen solch großen Bestand an gut qualifizierten 20- bis 25-jährigen hat“, ist sich Lauterbach sicher. Eine Ausnahmesituation sieht er beim Hebammen- und Pflegemangel: In Berlin würde es mehr Bewerber als Plätze geben.

Eine entscheidende Voraussetzung, um Spitzenforschung und Spitzenmedizin zu betreiben – fast die Hälfte der Versogungs- und Forschungsstandorte in Berlin befinde sich in einer Hand, nämlich der des kommunalen Trägers, erklärte Lauterbach. „Eine kritische Größe für Medizinforschung ist neben Berlin ansonsten nur noch im Großraum Köln/Bonn und Heidelberg erreicht“, sagte er. Diese drei Städte seien bereits sehr stark auf Medizinforschung und Translation (Verbindung von Klinik und Wissenschaft) ausgerichtet. München hingegen habe zwar einen Schwerpunkt in der Robotik und Technik, nicht aber für Medizinforschung, führte der SPD-Politiker weiter aus.

Senatsbeauftragte sollen Umstrukturierung monitoren

Um diese Empfehlungen umzusetzen, sollte eine kooperative Struktur als Dachgesellschaft geprüft werden, heißt es im Ergebnisbericht. Zudem empfiehlt die Kommission dem Berliner Senat einen Beauftragten für Charité und Vivantes einzusetzen, die den Prozess begleiten und steuern soll.

Die unabhängige Zukunftskommission „Gesundheitsstadt 2030“ bestand aus elf externen Sachkundigen. Die Mitglieder arbeiteten ehrenamtlich und haben seit Mai 2018 sieben Mal getagt. In ihre Empfehlungen flossen auch Erkenntnisse aus Gesprächen mit Vertretern der Charité, von Vivantes, dem DHZB und dem BIH mit ein.

Die Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, Dilek Kolat (SPD), begrüßt die Empfehlungen für die Gesundheitsversorgung und betonte: „In Zukunft wird es um eine noch bessere Zusammenarbeit der Kliniken gehen. Wir wollen, dass die Krankenhäuser Berlins miteinander daran arbeiten, die Menschen in der wachsenden Stadt erstklassig zu versorgen. Dabei wird es um eine Kooperationsstruktur in der Forschung, Digitalisierung und in der Ausbildung gehen.“

Auch Berlins Bürgermeister und Senator für Wissenschaft und Forschung, Michael Müller (SPD), will sich dem „Mammutvorhaben“ annehmen. Dafür würde eine breite Beteiligung und eine gute Koordination benötigt, sagte er gestern im roten Rathaus in Berlin.

© gie/aerzteblatt.de

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