NewsÄrzteschaftAssistenzärzte sehen Patienten durch Personalnot im Krankenhaus gefährdet
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ärzteschaft

Assistenzärzte sehen Patienten durch Personalnot im Krankenhaus gefährdet

Dienstag, 26. März 2019

/Med Photo Studio, stockadobecom

Berlin – Assistenzärzte in Deutschland üben scharfe Kritik an der Arbeitszeitorganisation in den Krankenhäusern. Das geht aus einer neue Umfrage des Hartmannbundes (HB) hervor. Darin gibt rund die Hälfte der 1.437 Befragten an – rund 70 Prozent von ihnen Frauen – ihre Arbeitszeit werde nicht konsequent erfasst und Überstunden würden nicht entsprechend dokumentiert.

Fast jeder Zweite arbeitet danach regelwidrig im Bereitschaftsdienst länger als 50 Pro­zent seiner regulären Arbeitszeit. Rund die Hälfte der Befragten erklärte, Personalmangel sei die Ursache vieler dieser Missstände. Rund 75 Prozent der befragten Berufseinsteiger geben zudem an, sie seien regelmäßig mit Situationen konfrontiert, auf die sie sich „nicht vorbereitet“ sähen.

Anzeige

Ein Großteil dieser Gruppe habe durch diesen Umstand bereits patientengefährdende Fehler wahrgenommen, warnt Wenke Wichmann aus dem Lenkungsgremium des Aus­schusses der Assistenzärzte im HB. Sie sieht alle beteiligten Player gemeinsam in der Pflicht, Abhilfe zu schaffen – Politik, Krankenhausträger und Verantwortliche in den Kliniken selbst.

„Wir sehen uns in erster Linie nicht in der Rolle des Anklägers, sondern wollen – soweit es geht konstruktiv – daran mitwirken, notwendige Veränderungen zu gestalten“, betonte sie. Für grundsätzlich inakzeptabel hält sie es allerdings, wenn gesetzlich klar definierte Regelungen vom Arbeitgeber nicht eingehalten würden. „In dieser Grauzone sind die Weiterbildungsassistenten meistens das schwächste Glied in der Kette und gezwungen, Regelverstöße mehr oder weniger hinzunehmen. Das darf nicht sein“, kritisierte Wich­mann.

So sieht es auch der HB-Vorsitzende Klaus Reinhardt: „Das Arbeitszeitgesetz darf auch in Zeiten von Personalmangel nicht zur Makulatur verkommen. Da braucht es Verlässlich­keit. Es nützen im Zweifelsfall am Ende die von uns geforderten Personalschlüssel nichts, wenn es keine effektiven Möglichkeiten der Durchsetzung und Kontrolle gibt.“ Hier seien vor allem die Aufsichtsbehörden gefordert, ihre Kontrollfunktion konsequenter wahrzu­neh­men.

Große Unzufriedenheit

Laut der Umfrage, die der Ausschuss der Assistenzärzte im HB initiiert hat, sind ein Drittel der Assistenzärzte „unzufrieden“ bis „sehr unzufrieden“ mit ihrer beruflichen Situa­tion. Ein Grund dafür ist zu wenig Zeit für den Patienten – nur jeder Vierte sieht diese als ausreichend an.

Außerdem kritisieren die Assistenzärzte Defizite bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Rund 40 Prozent sehen Schwierigkeiten bei der Umsetzung des Wunsches nach Teilzeit, mangelnde Angebote an flexiblen Arbeitszeitmodellen oder fehlende Betreu­ungsangebote noch immer als größte Hindernisse einer ausgewogenen Work-Life-Balance. Zwei Drittel der Befragten sehen negative Auswirkungen ihrer Arbeit auf Privat­leben und soziale Kontakte, jeder Fünfte befürchtet gesundheitliche Beeinträchtigungen.

Mehr als die Hälfte der Befragten benotet die Qualität und den Umfang ihrer Einarbei­tung zum Berufsstart mit den Noten „4“ und „5“. Und gerade einmal jeder vierte Assis­tenzarzt beschreibt seine Weiterbildung als „strukturiert“ – zum Beispiel durch einen verlässlichen Rotationsplan, der alle relevanten Inhalte abdeckt.

Digitalisierung in den Kinderschuhen

Rund 60 Prozent der Befragten kritisieren „ineffiziente Formen“ der Digitalisierung an ihrer Klinik. Dass vier von fünf Assistenzärzten den Anteil von Bürokratie an ihrer Arbeits­zeit mit über 50 Prozent beziffern, dürfte laut dem HB maßgeblich diesem Umstand ge­schuldet sein – der Verband spricht von einer „dramatischen Verschwendung ärztlicher Ressourcen“.

Kommentare im Rahmen der Umfrage konkretisieren diese Defizite bei der Digitalisie­rung: Die Befragten nennen zum Beispiel Radiologie-Befunde, die von Patienten auf CD gebrannt mitgebracht würden, da es keinen Austausch-Server mit den niedergelassenen Ärzten gebe. Weitere Beispiele sind externe schriftliche Befunde, die eingescannt würden und damit als Bilddatei in der Krankenakte verfügbar seien – mit der allerdings nicht weitergearbeitet werden könne, weil die Befunde nicht kopierbar seien und Medikamen­tenpläne, die trotz QR-Code abgeschrieben werden müssten, weil es an Software fehle, die den QR Code-Datensatz ins Krankenhausinformationssystem überspielen könne. 

Laut Reinhardt stehen die Probleme der Ärzte in Weiterbildung auch stellvertretend für die schwierige Situation des gesamten ärztlichen Personals und der Pflege an den Kliniken. „Es leiden alle Beteiligten gleichermaßen unter dem Korsett der Ökonomie. Diese Fessel gilt es zu sprengen, statt sich ihr immer stärker anzupassen!“, forderte er. © hil/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #61804
treschan
am Dienstag, 2. April 2019, 09:58

Wann entlasten wir endlich das ärztliche Personal?

Welche Berufsgruppe hat die Kompetenzen ärztliches Personal zu entlasten? Zum Beispiel Physician Assistants, auch Arzt- oder Medizinassistenten genannt. Sie übernehmen als Teil des ärztlichen Teams delegierbare ärztliche Aufgaben und leisten so einen Beitrag dazu, die Verschwendung ärztlicher Ressourcen zu vermeiden.
Mit freundlichen Grüßen aus dem
Deutschen Hochschulverband Physician Assistants e.V. (DHPA)
und
der Deutschen Gesellschaft für Physician Assistants e.V. (DGPA)
Avatar #760797
TURKAN
am Dienstag, 26. März 2019, 17:56

Ziviler Ungehorsam

Das einzige, was hilft ist ziviler Ungehorsam. Versorgt die Patienten gut, alles andere kann warten. Vernachlässigt Bürokratie, macht das, was euer Berufsbild erfordert. Beschwert euch nicht, leistet zivilen Ungehorsam. Sie werden sich gut überlegen Entlassungen auszusprechen. Aber versorgt die Patienten gut.
Avatar #760797
TURKAN
am Dienstag, 26. März 2019, 17:56

Ziviler Ungehorsam

Das einzige, was hilft ist ziviler Ungehorsam. Versorgt die Patienten gut, alles andere kann warten. Vernachlässigt Bürokratie, macht das, was euer Berufsbild erfordert. Beschwert euch nicht, leistet zivilen Ungehorsam. Sie werden sich gut überlegen Entlassungen auszusprechen. Aber versorgt die Patienten gut.
LNS

Nachrichten zum Thema

25. Juni 2020
Goldenstedt/ Berlin – Der Ausbruch von SARS-CoV-2 im Schlachtbetrieb Tönnies in Nordrhein-Westfalen ist kein Einzelfall: In einem Schlachthof der PHW-Gruppe, besser bekannt unter der Kernmarke
„Die Fleischarbeiter lehnen AU-Bescheinigung aus Angst oft völlig ab“
23. Juni 2020
Berlin – Zeitarbeiter haben deutlich mehr gesundheitliche Probleme als Arbeitnehmer mit einem regulären Anstellungsverhältnis. Das berichtet die Techniker Krankenkasse (TK) in einem heute
Zeitarbeiter häufiger krankgeschrieben
19. Juni 2020
Berlin – Homeoffice war in den vergangenen Wochen aufgrund der Coronapandemie für viele Unternehmen das Mittel der Wahl. Doch auch schon davor hat die Zahl der Berufstätigen, die am heimischen
Auch ohne Corona: Homeoffice boomt
18. Juni 2020
Dresden – Ärzte und Psychotherapeuten, die in unterversorgten oder unzureichend versorgten Regionen Sachsens tätig werden wollen, erhalten ab 1. Juli mehr Geld. Der Landesausschuss der Ärzte und
Sachsen: Mehr Geld soll Ärzte in unterversorgte Regionen locken
17. Juni 2020
Berlin – Eine Rehabilitation und eine Umgestaltung des Arbeitsplatzes könnten laut der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) oft dazu beitragen, dass Patienten mit rheumatischen Erkrankungen
Erwerbsminderung bei Rheuma oft vermeidbar
12. Juni 2020
Dresden – Sächsische Ärzte können auch in ihrer Freizeit nur schwer abschalten. Das ist das Ergebnis einer Befragung der Universität Leipzig im Auftrag der Sächsischen Lan­des­ärz­te­kam­mer (SLÄK) unter
Sachsens Krankenhausärzte leiden häufiger unter Burnout
9. Juni 2020
Saarbrücken – Für ein Medizinstudium im Rahmen der neu eingeführten Landarztquote im Saarland haben sich 112 junge Menschen beworben. Das teilte heute das saarländische Ge­sund­heits­mi­nis­terium mit.
LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER