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Neues Zentrum für Meta-Research prüft Forschungsqualität

Donnerstag, 28. März 2019

John Ioannidis (links) und Ulrich Dirnagl, Gründer des QUEST Center (rechts) /BIH, Stefan Zeitz
John Ioannidis (links) kommt als Einstein BIH Visiting Fellow am QUEST Center des Berlin Institute of Helath (BIH) nach Berlin, um hier eine Dependance seines Stanforder Forschungszentrums METRICS aufzubauen, das METRIC-Berlin. Ulrich Dirnagl, Gründer des QUEST Center (rechts) /BIH, Stefan Zeitz

Berlin – Im Januar 2019 startete das neu gegründete Meta-Research Innovation Center Berlin (METRIC Berlin) seine Tätigkeiten am QUEST Center, das zum Berlin Institute of Health (BIH) gehört. Zur offiziellen Eröffnung des Centers war gestern auch der neue Direktor von METRIC Berlin vor Ort, John Ioannidis von der Universität Stanford. Um die Qualität biomedizinischer Forschung zu untersuchen, gründete der Gesundheits­wissen­schaftler bereits vor fünf Jahren das Meta-Research Innovation Center in Stanford (METRICS).

Axel Radlach Pries, Vorstandsvorsitzender (interim) des BIH und Dekan der Charité, begrüßte den Zuwachs aus Stanford: „Die Mission des BIH ist die Translation, also die Übertragung der Ergebnisse aus der Grundlagenforschung in die Anwendung. Nur wenn die Ergebnisse von hoher Qualität sind, kann der Schritt aus dem Labor zum Patienten gelingen.“ Die Arbeit des METRIC Berlin solle diese Qualität weiter fördern. Auch der Vorstandsvorsitzende der Charité, Karl Max Einhäupl, ist überzeugt, dass sich mithilfe des bekannten US-Wissen­schaftlers die Qualität der medizinischen Forschung an einigen Stellen noch verbessern ließe. 

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Schwachstellen der weltweiten Forschungspraxis

Mit seiner Forschung hat Ioannidis internationale Resonanz hervorgerufen. Im Jahr 2005 publizierte er in Plos Medicine eine Arbeit mit dem provokanten Titel: Why most published research findings are false, zu Deutsch: Warum die meisten veröffentlichten Forschungs­ergebnisse falsch sind. Die Zahlen zur Forschungsqualität haben Einhäupl schockiert: „Ich war extrem überrascht, als ich hörte, dass nur 20 Prozent der Grundlagenforschung reproduzierbar sein soll.“

Diese Zahlen sind nicht toll, aber wir befinden uns in bester Gesellschaft – sowohl in Deutschland als auch weltweit. Ulrich Dirnagl, QUEST-Gründungsdirektor

Auch am QUEST haben die Wissenschaftler bereits Studien durchgeführt, um Forschungs­qualität zu überprüfen. Untersucht wurden dafür Publikationen der 36 Medizinfakultäten in Deutschland (bioRxiv 2018), erklärte der QUEST-Gründungsdirektor Ulrich Dirnagl. Das Ergebnis: „Nur 40 Prozent der klinischen Studien werden innerhalb von zwei Jahren veröffentlicht.“ Noch nicht publizierte Daten des BIH zeigen zudem, dass weniger als die Hälfte der präklinischen Arbeiten der Charité nicht über Randomisierung und Verblindung berichten. Und weniger als fünf Prozent der Studien stellen ihre kompletten Daten der Wissenschaftscommunity zur Verfügung, fährt Dirnagl fort. „Diese Zahlen sind nicht toll, aber wir befinden uns in bester Gesellschaft – sowohl in Deutschland als auch weltweit“, sagte der QUEST-Direktor gestern in Berlin und verwies auf eine aktuelle Studie in Nature, die auf eine verzögerte Publikation klinischer US-Studien hinweist. Internationale Daten zur klinischen Studienqualität publizierte unter anderem auch Plos Biology 2015.

/youtube, nature video

In die bisher vor allem auf die Charité und das BIH fokussierte Sichtweise des QUEST würde Ioannidis jetzt die globale Sichtweise einbringen – eine sehr gute Ergänzung, findet der Leiter der Abteilung für Experimentelle Neurologie der Charité Dirnagl.

Anreize für mehr Qualität in der Forschung

Um diesen Qualitätsmängeln bei Studien entgegenzuwirken, hat das QUEST diverse Preise ausgeschrieben, unter anderem für  die Veröffentlichung von Nullergebnissen und die Durchführung von Replikationsstudien, für Präregistrierungen oder offen zugängliche Forschungsdaten. Dass sich etwas bewegt, kann man auch beim Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) beobachten. Bis heute konnten sich staatliche und staatlich anerkannte Hochschulen sowie außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und Unter­nehmen für eine Förderung von konfirmatorisch präklinischen Studien beim BMBF bewerben. „Damit gibt es weltweit erstmals eine finanzielle Forschungsförderung für die Reproduktion von Daten“, sagte Dirnagl. Positiv erwähnte Ioannidis zudem die Fachzeitschriften BMJ und Plos Medicine. Denn hier könnten nur Forscher publizieren, die ihre Originaldaten mit der Veröffentlichung zur Verfügung stellen würden.

Aktuell besteht METRICS Berlin aus einem dreiköpfigen Team, dem neben Ioannidis ein Post-Doc und eine PhD-Studentin angehören. Alle drei Stellen werden von der Einstein-Stiftung und der Stiftung Charité finanziert. Ioannidis wird zunächst für drei Jahre Einstein BIH Visiting Fellow am BIH sein. Um die Gruppe zu vergrößern, wurden bereits Anträge gestellt, sagte Dirnagl.

Für neue Projekte haben Ioannidis und sein Team schon jetzt viele Ideen. „Wir wollen herauszufinden, wie Forschung am besten funktionieren kann – und wie nicht“, umriß Ioannidis sein Ziel für das METRIC Berlin. Dazu werden die Wissenschaftler mit ihren Kollegen vom BIH QUEST Center den Wissenschaftsprozess unter die Lupe nehmen: Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt? Wie werden Ergebnisse erzielt, überprüft und veröffentlicht? Und wie werden Wissenschaftler bewertet, welche Anreize und Belohnungen bestehen im wissenschaflichen System? „So wollen wir zu Empfehlungen kommen, die die Effektivität und den Wert der Forschung erhöhen – und damit die Bedeutung der Wissenschaft für die Gesellschaft“, erklärte Ioannidis. © gie/aerzteblatt.de

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