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Medizin

Podokoniose: Wenn Lehm an den Füßen die Beine anschwellen lässt

Donnerstag, 28. März 2019

/releon8211, stockadobecom

Addis Ababa – In 32 tropischen Ländern leiden vermutlich mehr als 4 Millionen Menschen unter einer Podokoniose, die sich durch eine einfache Maßnahme verhindern ließe. Ein Forscherteam bemüht sich derzeit um eine weltweite Erfassung der nicht infektiösen Elephantiasis. In Ruanda tritt sie nach einer Publikation in Lancet Global Health (2019; doi: 10.1016/S2214-109X(19)30072-5) in allen Regionen des Landes auf.

Die Podokoniose beginnt in der Kindheit und Jugend mit einer Schwellung an den Zehen, die mit Juckreiz und Dysästhesien verbunden ist. Die Schwellung breitet sich im späteren Leben auf den Fuß und Knöchel und schließlich auf das gesamte Bein aus. Die Haut an den Füßen verdickt sich. Die Oberfläche ist wie mit Warzen übersät. Lange wurde eine infektiöse Ursache vermutet. Doch anders als bei der tropischen Elephantiasis, die durch Fadenwürmer ausgelöst wird, wurde niemals ein Krankheitserreger gefunden.

Die Ursache wurde erst in den 1970er- und 1980er- Jahren von dem britischen Chirurgen Ernest Price erkannt. Der Mediziner entdeckte, dass die Makrophagen in den Lymphknoten mit Mikropartikeln gefüllt sind, die er als Minerale des roten Lehmbodens vulkanischer Herkunft identifizierte, der in vielen Regionen Afrikas, Mittelamerikas und Südasiens verbreitet ist. Die Erkrankung ist überall dort endemisch, wo es warm ist und viel regnet – und wo die Menschen viel barfuß unterwegs sind.

Die Mineralien werden durch die aufgeweichte Haut resorbiert und dann von den Phago­zyten aufgenommen. Die Phagozyten transportieren die Mineralien in die Lymphknoten, wo es zu einer Verlegung der Lymphwege kommt. Sie ist wie die lymphatische Filariasis für die Schwellung der Beine verantwortlich.

Die Krankheit wurde lange auch unter den „neglected diseases“ der Tropen vernachlässigt. Ein Team um Kebede Deribe von der School of Public Health in Addis Abeba hat vor 3 Jahren begonnen, die Erkrankung weltweit zu kartographieren. Die Forscher suchen dabei stichpunktartig Ortschaften auf, in denen sie sich nach Erkrankungsfällen erkundigen. Bei allen Patienten wird dann ein „Filariasis Test“ auf Antigene von Wuchereria bancrofti und ein Antikörpertest auf Wb123 durchgeführt. Der Fadenwurm Wuchereria bancrofti ist die Ursache der lymphatischen Filariasis, der wichtigsten Differenzialdiagnose der Podokoniose.

Die erste Feldstudie wurde in Kamerun durchgeführt. Dort wurden 10.178 Personen aus 4.603 Haushalten befragt. Von den 83 Personen mit einem Lymphödem der Beine wurde bei 52 eine Podokoniose diagnostiziert. Bei den anderen lagen teilweise Infektionen vor, wobei in Kamerun neben Wuchereria bancrofti auch Mansonella perstans und Loa loa verbreitet ist. Deribe ermittelte eine Gesamtprävalenz der Podokoniose von 0,5 % mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,4 bis 0,7 Prozent. Erkrankungen wurden in fast allen Regionen des Landes gefunden (PLOS Neglected Tropical Diseases 2017; 12: e0006126).

Jetzt liegen die Ergebnisse aus Ruanda vor. In allen 30 Distrikten des Landes wurden etwa 1,3 Million Menschen befragt. Es wurden insgesamt 1.143 Personen mit Lymphödemen an den Beinen identifiziert, von denen bei 914 (80 %) eine Podokoniose diagnostiziert wurde. Deribe gibt die Gesamtprävalenz mit 68,5 pro 100.000 Einwohner (95-%-Konfidenzintervall 41,0 bis 109,7/100.000) an. Die Erkrankung ist also seltener als in Kamerun. Wie dort ist die Erkrankung jedoch in allen Teilen des Landes verbreitet, wobei sie in der ländlichen Provinz Nyamasheke am Kiwusee mit 119,2 pro 100.000 deutlich häufiger ist als in der Umgebung der Hauptstadt Kigali. Dort kamen auf 100.000 Einwohner nur 28,3 Erkrankungen.

Die Kartierung der Erkrankungen ist nach Ansicht von Deribe eine wichtige Voraussetzung für die Behandlung und Prävention der Erkrankung. Die Behandlung besteht aus einer Lymphdrainage durch Kompressionsverbände, die Prävention in der Anschaffung von wasserdichten Schuhen.

© rme/aerzteblatt.de

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