NewsMedizinStammzelltherapie trotz neuer Studiendaten keine Standardtherapie bei Multipler Sklerose
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Stammzelltherapie trotz neuer Studiendaten keine Standardtherapie bei Multipler Sklerose

Freitag, 29. März 2019

/nobeastsofierce, stockadobecom

Chicago/Berlin – Eine Stammzelltransplantation galt bislang als zu risikoreich, um sie bei einer Multiplen Sklerose (MS) einzusetzen. In einer neuen Studie erwies sich die Trans­plantation aber „als wirksame Therapieoption mit vertretbaren Risiken“, wie die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) berichtet. Zur Standardtherapie mache dies die Stammzelltherapie aber nicht. Die Arbeit einer internationalen Arbeitsgruppe ist in der Fachzeitschrift JAMA erschienen (2019; doi: 10.1001/jama.2018.18743).

Bei der MS handelt es sich laut aktuellem Forschungsstand um eine Autoimmunkrank­heit. Die Zellen des Immunsystems greifen fälschlicherweise die körpereigenen Nerven­zellen des Gehirns und des Rückenmarks an, es kommt zu Entzündungsreaktionen.

Die häufigste Form ist die schubförmig remittierende MS („Relapse Remitting MS“, RRMS). Mit der verlaufsmodifizierenden Therapie wird versucht, die Zeitspanne bis zum nächsten Schub zu verlängern und auch die Schwere eines Schubs zu mildern. Diese Therapien sind wirkungsvoll, bekämpfen aber letztlich nicht die Ursache, die Fehlsteuerung des Immunsystems, das die eigenen Nervenzellen als fremd einstuft und wie Krankheits­erreger bekämpft.

Grundsätzlich ermöglicht eine Stammzelltransplantation eine Art „Reboot“ des Immun­systems. Dafür werden blutbildende Stammzellen aus dem Knochenmark des Patienten entnommen, danach wird eine Chemotherapie verabreicht, durch die das Knochenmark und damit auch die fehlerhaft programmierten Immunzellen zerstört werden. Dann werden die entnommenen blutbildenden Stammzellen dem Spender zurückgegeben, die dann ein neues Immunsystem aufbauen. Bislang wird das Verfahren laut der DGN nur als „ultima ratio“ bei sehr schweren MS-Verläufen eingesetzt.

Die Studie hat die Wirksamkeit des Verfahrens mit der von medikamentösen verlaufs­modifizierenden Therapien verglichen. Dafür haben die Forscher 110 Patienten mit hochaktiver RRMS randomisiert. Sie erhielten eine Stammzelltransplantation oder eine intensivierte verlaufsmodifizierende Therapie.

Im Ergebnis zeigte sich, dass bei Patienten, die eine Stammzelltransplantation erhalten hatten, die Erkrankung deutlich weniger fortschritt als in der Gruppe, die medikamentös behandelt worden war. In der Stammzellgruppe kam es bei 3 Patienten zu einer Krank­heitsprogression, bei der medikamentös behandelten Gruppe bei 34 Patienten. In dieser Gruppe dauerte es im Median 6 Monate, bis ein Patient einen neuen Schub erlitt. In der Transplantationsgruppe war die Fallzahl so gering, dass sich keine mediane Dauer berechnen ließ. In beiden Gruppen gab es keine Todesfälle.

„Allerdings ist die Patientenzahl insgesamt zu gering, um auf Basis dieser neuen Daten die bisherige Standardtherapie zu verändern. Wir brauchen zu dieser Fragestellung weitere und vor allem größere Studien mit einer sicheren statistischen Aussagekraft“, ordnete der DGN-Experte Heinz Wiendl, Direktor der Klinik für Neurologie mit Institut für Translationale Neurologie des Universitätsklinikums Münster, die Ergebnisse ein.

Es sei außerdem zu bedenken, dass 2 potente Wirkstoffe, die heute als Therapien der ersten Wahl bei hochaktiven MS-Verlaufsformen eingesetzt werden, in der Studie nicht zum Einsatz kamen – nämlich die Wirkstoffe Ocrelizumab und Alemtuzumab. Die medi­kamentöse Therapie, die in der vorliegenden Studie mit der Stammzelltherapie vergli­chen wurde, entspreche also nicht mehr dem State-of-the-art.

„Für den klinischen Alltag bedeuten die Ergebnisse, dass Patienten mit einer aggressiven MS zunächst die neueren hochwirksamen immunmodulatorischen Therapien erhalten sollten. Nur wenn diese entweder nicht ausreichend wirksam sind oder wegen uner­wünschter Arzneimittelwirkungen beendet werden müssen, sollte eine Stammzell­transplantation in Betracht gezogen werden“, sagte Hans Christoph Diener, Essen, Pressesprecher der DGN. © hil/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #760811
krueppel66
am Freitag, 3. Mai 2019, 15:10

guter Artiel

Ich wünschte ich hätte einen richtig guten Neurologen, der sichvon oben auf ich schaut mit all den mittlerweie fiesen Komorbiditäten. Mittlerweile sind die mer belastender als die MS selbst. Und wenn mann dann noch die falsche KK hat.....bist du echt verloren.
lg aus Steinhude
Ralf Zioerjen
LNS

Nachrichten zum Thema

13. Juli 2020
Hamburg – Wissenschaftler des Instituts für Neuroimmunologie und Multiple Sklerose (INIMS) im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und das Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und
Wissenschaftler suchen nach neuen Ansätzen für MS-Therapie
6. Juli 2020
Köln – Neuregistrierungen von potenziellen Stammzellspendern sind nach Einschätzung der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) derzeit besonders wichtig. Durch die Coronakrise hätten sich etwa 60
Neue Stammzellspender wichtiger denn je
1. Juli 2020
Dresden – Einen berufsbegleitenden Masterstudiengang „Multiple Sklerose Management“ hat die Dresden International University eingerichtet. „In dem Studiengang wird es um die theoretischen Grundlagen,
Neuer Masterstudiengang zur Multiplen Sklerose in Dresden
30. Juni 2020
Nottingham – Die absichtliche Infektion mit Larven des Hakenwurms Necator americanus hat in einer placebokontrollierten Studie an Patienten mit schubförmig remittierender Multipler Sklerose (RRMS)
Multiple Sklerose: Hakenwürmer erzielen in randomisierter Studie nur schwache Wirkung
30. Juni 2020
Cambridge und Utrecht − Britische und niederländische Forscher haben im Labor aus Stammzellen ein Embryo-artiges Gebilde geschaffen, mit dem sie laut ihrem Bericht in Nature (2020; DOI:
Gastruloide aus Stammzellen sollen die frühe Embryogenese nachstellen
25. Juni 2020
Mailand – Es gibt viele kontrollierte Studien, die sich mit den Auswirkungen diätetischer Interventionen bei Multipler Sklerose (MS) befassen. Laut Wissenschaftlern der Cochrane Gruppe „Multiple
Trotz vieler Studien kaum Evidenz zu Ernährungsinterventionen bei MS
12. Juni 2020
Tokio − Japanische Mediziner haben ein Neugeborenes mit Zitrullinämie Typ 1 erfolgreich mit Hepatozyten behandelt, die zuvor aus embryonalen Stammzellen gewonnen wurden. Laut einer Mitteilung
VG WortLNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER