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Politik

Tarif für Pflegekräfte kostet bis zu 5,2 Milliarden Euro

Montag, 1. April 2019

/dpa

Berlin – Die Anhebung aller Gehälter von Pflegekräften in Deutschland auf ein tarifliches Niveau würde zwischen 1,4 und 5,2 Milliarden jährlich kosten. Das geht aus einer Studie des IGES-Instituts für das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium hervor, wie die Bild berichtet.

Der Erhebung zufolge kämen mehrere Modelle infrage. Bei der teuersten Variante würden alle Gehälter an den Tarifvertrag im öffentlichen Dienst angepasst. Eine Pflegefachkraft würde dann bis zu 3.625 Euro brutto/Monat verdienen, eine Pflegehilfskraft 3.186 Euro. Die Mehrkosten würden rund 5,2 Milliarden Euro im Jahr betragen.

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Die günstigste bundesweite Variante (im Schnitt) ist der Studie zufolge ein gestaffelter Mindestlohn. Eine Pflegefachkraft würde dann bis zu 3.200 Euro, eine Hilfskraft bis 2.500 Euro verdienen. Dabei würden Mehrkosten von 1,5 bis 2 Milliarden Euro entstehen.

Möglich sei auch, eine tarifliche Bezahlung nach Regionen oder Bundesländern festzu­legen. Kosten: mindestens 1,4 Milliarden Euro. „Wenn wir die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte verbessern wollen, müssen sie besser bezahlt werden“, sagte Bundesgesund­heitsminister Jens Spahn (CDU) der Bild. Um dafür eine bundesweit gültige Lösung zu finden, habe man mit dem Gutachten jetzt eine gute Grundlage. „Klar ist: Egal, wofür wir uns entscheiden – das bedeutet spürbare Mehrkosten“, so Spahn.

Wer trägt die Kosten?

Patientenschützer befürchten, dass eine Erhöhung der Löhne direkt an die Pflegebedürf­tigen weitergereicht würden. Denn der Satz aus der Pflegeversicherung sei fest, den Rest müssten die Bedürftigen aus der eigenen Tasche zahlen, sagte der Vorstand der Deut­schen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. „Der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter sieht keinen Handlungsbedarf, um die Ausgaben der Betroffenen zu deckeln. Spahn macht politische Versprechungen und die Zeche zahlen die hilfsbedürftigen Menschen“, sagte Brysch.

Unterdessen zeigt eine weitere Analyse, dass die Altenpflege in Deutschland weiterhin unterdurchschnittlich bezahlt wird. Fachkräfte in der Altenpflege hätten 2017 im Durch­schnitt lediglich rund 2.740 Euro brutto für eine Vollzeitstelle verdient, heißt es in einer heute in Düsseldorf veröffentlichten Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stif­tung, die vom Institut Arbeit und Technik (IAT) an der Hochschule Gelsenkirchen durchge­führt wurde. Das entspreche etwa 85 Prozent des mittleren Verdienstes für alle Berufe.

Hilfskräfte in der Altenpflege verdienten in Vollzeit im Mittel rund 1.940 Euro pro Monat – knapp 61 Prozent des Medianverdiensts aller Vollzeitbeschäftigten. Pflegekräfte in der Krankenpflege sind demgegenüber besser gestellt und liegen – mit im Schnitt 3.200 Euro – im Bereich des mittleren Lohns aller Berufsgruppen in Deutschland.

Die Studienautorinnen Michaela Evans und Christine Ludwig haben die Beschäftigten­statistik der Bundesagentur für Arbeit für die Jahre 2017 und 2012 ausgewertet. Dabei wird deutlich, dass sich die Entgelte von Altenpflegekräften sehr stark nach Beruf, Region und Art der Pflegeeinrichtung unterscheiden.

So verdienen Altenpflegekräfte, die in Krankenhäusern arbeiten, deutlich besser als in Senioreneinrichtungen oder der ambulanten Pflege – auch, weil in Kliniken häufiger ein Tarifvertrag gilt. Besonders niedrig ist die Bezahlung in der ambulanten Altenpflege, wo besonders selten nach Tarif gezahlt wird.

Die Auswertung erlaubt auch einen Blick auf die unteren 20 Prozent der Verdienste. Hier liegen beispielsweise die Einkommen der Altenpflegekräfte in der ambulanten Pflege für eine Vollzeitstelle unter 1.560 Euro im Monat und damit im Bereich des allgemeinen Mindestlohns.

Altenpflegekräfte haben hohes Armutsrisiko

Dabei arbeiten 67 Prozent der Hilfskräfte in der Altenpflege in Teilzeit und erzielen des­halb noch einmal niedrigere Einkommen. „Die Beschäftigten im gesellschaftlich enorm wichtigen Tätigkeitsfeld der Altenpflege tragen ein überdurchschnittliches Risiko, trotz Arbeit arm zu sein“, konstatiert Studienautorin Ludwig.

Um eine Abwanderung der Fachkräfte abzubremsen, braucht es nach Analyse der IAT-Expertinnen eine arbeitspolitische Strategie zur Aufwertung der Altenpflege. Teil dieser Strategie müsse es sein, durch flächendeckende tarifliche Mindeststandards faire Wett­bewerbsbedingungen herzustellen. Neben Lohn- und Tariffragen müssten aber auch die Personalbemessung, verlässliche Arbeitszeiten, Qualifizierung oder auch die Einführung digitaler Technik angegangen werden.

Zudem müssten die gesetzlichen Vorgaben für die Refinanzierung von Lohnerhöhungen geändert werden. Wenn die Arbeit in der Altenhilfe besser bezahlt werde, schlägt das bislang direkt auf die Eigenbeiträge der Gepflegten durch, weil die Pflegeversicherung Lohnerhöhungen nicht übernimmt. Durch diesen Mechanismus würden die Löhne in der Altenpflege „faktisch auf relativ niedrigem Niveau ausgebremst“, erklären die Wissen­schaftlerinnen. © kna/aerzteblatt.de

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Avatar #109757
Loewenherz
am Montag, 15. April 2019, 16:09

Ist ne gesellschaftliche Frage....

Am Ende des Tages ists eine Frage, was wir uns als Gesellschaft leisten wollen und was wir für "angemessen" halten als Bezahlung. Gilt letztlich für jeden, der irgendwo in einem sozialen Beruf steckt.
Ob das jetzt 2, 4 oder 100 Milliarden kostet, ist am Ende erst mal egal, letztlich sollten wir das Pferd andersrum aufzäumen: Was ist uns "die Pflege" wert und welches Gehalt halten wir für dieses Paket an Zugangsvorraussetzungen, Arbeitsanforderungen und -Bedingungen für sinnvoll.
Avatar #92214
H.-D. Falkenberg
am Dienstag, 2. April 2019, 17:02

Tarif für Pflegekräfte kostet bis zu 5,2 Milliarden Euro

Das Problem wäre weniger groß, hätten die Kostenträger, also die Vertreter der Pflegekassen und der Sozialhilfeträger, in der Vergangenheit darauf geachtet, das bei den Entgeltverhandlungen Tariflöhne zum Ansatz kommen. Schon kurz nach Einführung der Pflegeversicherung war klar, dass die Schere weiter auseinandergehen wird. Die Politik hat dies verschwiegen, und jetzt ist das Dilemma da. Weiter müssen die Belastungen verursachungsgerecht zugeordnet werden. Behandlungspflege wird im ambulanten Bereich direkt der Krankenasse in Rechnung gestellt, im stationären ist die "versteckt" im allgemeinen Pflegeentgelt enthalten. Und dies von Anfang an mit einem Anteil von 12 bis 16 Prozent! Diese Entlastung könnte zumindest zum überwiegenden Teil mit der Belastung durch Neueinstellungen verrechnet werden.
LNS

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