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Medizin

Multimorbidität im europäischen Vergleich – größter Anstieg in Deutschland

Mittwoch, 24. April 2019

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Neapel/London – Die Gesamtmultimorbidität bei Menschen im Alter von 50 Jahren und älter ist in Europa durchschnittlich von 38,2 % in den Jahren 2006/2007 auf 41,5 % im Jahr 2015 gestiegen. Das zeigt eine Studie in Health Affairs, in der Forscher von der University Federico in Italien und dem King’s College London Querschnittsdaten des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe ausgewertet haben (2019; doi: 10.1377/hlthaff.2018.05273).

Für ihre Studie hatten sie die Prävalenz der Multimorbidität und deren gesundheitliche Folgen in 10 Ländern Europas verglichen: Österreich, Belgien, Tschechische Republik, Dänemark, Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, Schweden und Schweiz. Insgesamt wurden dabei mehr als 150.000 Interviews von fast 70.000 Patienten analysiert. Darunter waren etwa 7.000 Teilnehmer aus Deutschland.

Während in den meisten Länder die Multimorbidität signifikant zunahm, verzeichneten Dänemark und Italien Rückgänge. Den größten Prävalenzanstieg gab es in Deutschland, von 34,2 % im Jahr 2006/2007 auf 44,6 % im Jahr 2015. Gleichzeitig verzeichnete Deutschland, zusammen mit Spanien, Österreich und der Tschechischen Republik den größten Rückgang bei der Auswirkung der Multimorbidität auf gesundheitliche Folgen.

Für diese Entwicklung in Deutschland hat der Geriater Helmut Frohnhofen von der Universität Witten-Herdecke mehrere Erklärungsansätze. Zum einen führt er die sehr niedrige Schwelle für Multimorbidität an. Denn als multimorbide galt jeder, bei dem wenigstens 2 chronische Erkrankungen vorlagen. „Hier können schon moderate Veränderungen in der Gesundheitsversorgung erhebliche Veränderungen der Prävalenz hervorrufen“, erklärt der Vorsitzende der Sektion 2 der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) und führt weiter aus: So würde die Einführung von Präventionsmaßnahmen wie ein Gesundheitscheck oder ein Disease-Management-Programm (DMP) zu einer Zunahme der Anzahl von Diagnosen führen, da solche Programme auch mit Anreizen für die Versicherten versehen seien.

Auch die Aussagekraft der Patientenbefragung könnte das Ergebnis beeinflusst haben, sagt Frohnhofen dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ). Denn verlässliche Aussagen erhalte man nur von gut informierten Teilnehmern. „Für dieses Wissen um die eigene Gesundheit bietet das deutsche Gesundheitssystem zunehmend Anreize“, so der Leiter des Bereiches Altersmedizin am Alfried-Krupp-Krankenhaus, Essen.

Neben den DMP spielt auch die wachsende Bedeutung der Palliativmedizin mit ihren ambulanten Versorgungsstrukturen eine Rolle. Helmut Frohnhofen, Alfried-Krupp-Krankenhaus, Essen

Nur in Deutschland weniger Krankenhauseinweisungen

Mit der Zunahme der Multimorbidität stieg in fast allen Ländern die Rate an Krankenhauseinweisungen – ausgenommen Deutschland. Hier zeigt sich ein rückläufiger Trend bei der Inanspruchnahme von Krankenhausleistungen. Ursache hierfür könnte laut Frohnhofen die Weiterentwicklung in der ambulanten Versorgung sein. „Neben den DMP spielt auch die wachsende Bedeutung der Palliativmedizin mit ihren ambulanten Versorgungsstrukturen eine Rolle“, ist der DGGG-Experte überzeugt. Anderseits würden die Kostenträger zunehmend Krankenhausaufnahmen überprüfen, was die Aufnahme­entscheidung mit beeinflusse.

Kaum Veränderungen konnten die Forscher um Erstautor Raffaele Palladino in den vergangenen 10 Jahren bei der Lebensqualität der Betroffenen feststellen. Geringfügig reduzierte sich der Einfluss auf die Hausarztbesuche und auf die Funktionsfähigkeit, gemessen anhand der Dauer der Aktivitätseinschränkung (Global Activity Limitation Index, GALI).

Das erscheine zunächst paradox, findet Frohnhofen. Die Erkrankungen, die Multimorbidität begründen, könnten jedoch sehr unterschiedlich sein. „So erfüllen die Kombinationen Bluthochdruck und Diabetes mellitus ebenso die Minimalkriterien der Multimorbidität wie die Kombination aus schmerzhafter Arthrose und Demenz. Beide Kombinationen unterscheiden sich aber erheblich in ihren Auswirkungen auf Funktionalität und Lebensqualität“, erklärt der Geriater aus Essen und verweist auf eine Studie in PLoS One aus dem Jahr 2014.

Diese Studie weist auf ein erhebliches und zunehmendes Gesundheitsproblem in den europäischen Staaten hin, was zu einer Weiterentwicklung von gesundheitlichen Versorgungsformen genutzt werden sollte. Helmut Frohnhofen, Alfried-Krupp-Krankenhaus, Essen

„Epidemiologische Studien kommen methodenbedingt an Grenzen“, sagt Frohnhofen und zählt einige relevante Faktoren auf, die in der Studie nicht analysiert wurden: Dazu zählen das Rauchverhalten, das tägliche Ausmaß der Bewegung sowie die Qualität und Menge der täglichen Nahrung, die alle Funktionalität und Lebensqualität beeinflussen. Die Ergebnisse der Studie, die große Teile der Bevölkerung untersucht hat, hält der DGGG-Experte dennoch für wertvoll. „Diese Studie weist auf ein erhebliches und zunehmendes Gesundheitsproblem in den europäischen Staaten hin, was zu einer Weiterentwicklung von gesundheitlichen Versorgungsformen genutzt werden sollte.“

Die Studienautoren aus Italien und dem Vereinigten Königreich kommen zu dem Schluss, dass weitere nationale patientenzentrierte Strategien benötigt werden würden, um die Versorgung multimorbider Patienten zu verbessern. Multimorbidität sei noch immer stark mit schlechten gesundheitlichen Folgen und einer beeinträchtigten Lebensqualität assoziiert, heißt es in der Studie.

© gie/aerzteblatt.de

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