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Politik

Krankenkassen warnen vor Debakel bei Digitalisierung

Dienstag, 2. April 2019

/magele-picture, stockadobecom

Berlin – Bei den Krankenkassen wächst der Widerstand gegen die Digitalisierungsvor­gaben von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn. Der Zeitdruck, den der CDU-Politiker bei der Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA) mache, sei kontraproduktiv, sagte der Vorstandschef der Siemens-Betriebskrankenkasse (SBK), Hans Unterhuber, dem Berliner Tagesspiegel.

Nach dem bisherigen Stand der Dinge laufe es darauf hinaus, dass man nach dem Desaster mit der elektronischen Gesundheitskarte nun „wieder viel Geld in den Sand setzt“, ohne dass Krankenversicherte und Patienten einen nennenswerten Nutzen hätten.

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Bis 2021 müssen alle Krankenkassen eine Patientenakte anbieten, im anderen Falle drohen ihnen finanzielle Sanktionen. Wenn das Projekt so weiterlaufe wie bisher, werde man die Versicherten schwer enttäuschen, prophezeien Kassenexperten. Es handle sich dann um ein Angebot, das hochkompliziert und nur eingeschränkt nutzbar sei. „Und für diese Enttäuschung unserer Versicherten werden wir immens viel Geld ausgeben“, heißt es in einem internen Papier von mehr als 90 Krankenkassen, aus dem der Tagesspiegel zitiert.

Nachdem bei der elektronischen Gesundheitskarte schon so viel Zeit vertan worden sei, könne er gut verstehen, dass die Politik den Druck deutlich verschärfe, sagte Unterhuber. Doch die Rahmenbedingungen, innerhalb derer die Patientenakte nun entwickelt werde, seien hoffnungslos veraltet. „Sie stammen aus einer Zeit, als es noch nicht mal Smart­phones gab.“

Eine systematische Anpassung der Vorschriften an die heutigen technischen Möglichkei­ten sei niemals vorgenommen worden, kritisiert der Kassenchef. Und wenn man sich bei der elektronischen Patientenakte nicht an internationalen Standards zum Datenaustausch orientiere und am Ende lediglich „eine Insellösung“ schaffe, sei der ganze Aufwand unter Zeitdruck sinnlos.

An der Entwicklung der Patientenakte in Deutschland beteilige sich „nur ein ganz kleiner Kreis“ von Unternehmen. Für die meisten lohne es sich nicht, mit hohem Aufwand an einer Lösung zu arbeiten, die international weder operabel noch weiterverkaufbar sei, so Unterhuber. Für die vorgesehene Konnektorentechnik gebe es nur wenige Anbieter. „Wir werden Preise zahlen, die ins Uferlose gehen, weil es kaum Wettbewerb gibt.“ © kna/aerzteblatt.de

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Avatar #88767
fjmvw
am Mittwoch, 3. April 2019, 09:57

Das Debakel wird sogar noch größer!

Abgesehen von den Monopolpreisen, mit denen die Industrie dank Freibrief der Politik heute schon die Ärzte bei der Installation und insbesondere bei den langjährigen Wartungsverträgen abzockt, werden die technologischen Ungereimtheiten das Scheitern geradezu provozieren. Hüben eine völlig veraltete Struktur, die technologisch in der Steinzeit angesiedelt ist, wie man sie der Ärzteschaft derzeit aufzwingen will, und drüben das Versprechen von Spahn an die Bevölkerung, dass jeder einfach und schnell mit dem Smartphone auf die Daten zugreifen können soll.

Dass per Smartphone zugängliche Daten nicht sicher sein können, ist mittlerweile Allgemeinwissen. Dass Handydaten nahezu von "jedermann" ausgelesen werden können und millionenfach auch missbraucht werden, Facebook, Google, Amazon, Mircrosoft, Apple sind da nur die bekanntesten Vertreter, berichtet die Presse regelmäßig.

Und genau diese App-Technologie, quasi ohne Sicherheitsstandard, will Spahn auch bei der ePA zulassen. Gleichzeitig sollen die Ärzte (vorgebliche) Sicherheitsstandards einhalten, die ihnen einen barrierefreien Zugang unmöglich machen, die technologisch mehr als fragwürdig sind, die die Ärzteschaft viel Geld kosten und die andererseits sinnlos sind. Denn wie sicher sind Daten in einem Raum, in dem die Vordertür für die Ärzte nur mit teurer und komplizierter Hard- und Software zu öffnen sein soll, während gleichzeitig die Rückwand des Raums entfernt wurde, damit die Patienten ungehindert mit ihren Smartphones auf diese Daten zugreifen können?

Die Ärzteschaft wird bestens beraten sein, sich bei diesem Digitalisierungs-Kuddelmuddel so lange herauszuhalten, bis sich die Vernunft durchgesetzt haben wird. Immerhin: Jetzt scheinen auch die Kassen erkannt zu haben, wie unglaublich schlecht das Thema Digitalisierung des Gesundheitswesens in Deutschland derzeit angegangen wird.
LNS

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