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Politik

BMG will offene Schnittstellen von Softwareherstellern

Mittwoch, 3. April 2019

/Pornchai Soda, stockadobecom

Berlin – Um bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen voranzukomm­en, will das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) im geplanten Digitalisierungsgesetz beson­ders auf die Schnittstellenoffenheit bei Softwarelösungen setzen. Man setze auf „lebensnahe und pragmatische Lösungen“, auch bei den Herstellern von Praxissoftware.

„Die Schnittstellenoffenheit muss kommen und dabei setzen wir klar auf systematische Incentivierungen“, erklärte Gottfried Ludewig, Leiter der BMG-Abteilung Digitalisierung, heute auf dem 14. Kongress der Gesundheitsnetzwerker in Berlin. Zwar wolle er nicht wie kürzlich in den USA geschehen mit Strafen drohen, dennoch forderte er zügig klare Regeln für die Gestaltung von Softwarelösungen.

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Für das entsprechende Gesetz, dass bis Mitte des Jahres erwartet wird, kündigte Ludewig an, dass der Marktzugang für digitale Anwendungen geregelt werden soll. Ebenso sollen Regelungen zur Telemedizin nach dem Endes des Fernbehandlungsverbotes sowie die rechtliche Ausgestaltung einer Datenspende enthalten sein. Ludewig mahnte die Kassen aus dem Lager der Betriebskrankenkassen, die sich derzeit mit einem Brief gegen die Ein­führung der Patientenakte ab 2021 wehren, dass es keine Option sei, diese Frist aus dem Termin­service- und Versorgungsgesetz (TSVG) zu verlängern. „Viele Kassen werden den Termin halten, andere werden eben ihre Lieblingsprojekte nicht auf den Weg bringen können.“

Ludewig warb dafür, auch die vermeintlich kleineren Schritte bei der Digitalisierung der Versorgung nicht zu unterschätzen. „Ein einfaches elektronisches Rezept funktioniert ohne künstliche Intelligenz und würde dem System deutlich mehr Geschwindigkeit und den Patienten Vorteile bringen.“ Auch mahnte er die Akteure im Gesund­heitswesen, sich nicht hinter der Argumentation zu verstecken, die neuen Technologien passen nicht in das aktuelle Sozialgesetzbuch.

Ruf nach besserer Zusammenarbeit

„Die Welt draußen wird nicht durch Faxgeräte oder Versichertenstammdatenmanagement aufgehalten.“ Er ist davon überzeugt, dass auch Gesundheitsversorgung immer stärker in das Blickfeld der großen Internetkonzerne gerät. „Irgendwann wird es schwer werden, Patienten zu erklären, warum sie nicht die top-organisierte Versorgung von Amazon mit daten­basierter Diagnose und angeschlossenem Krankenhaus bekommen können.“ Aber: „Es ist nicht unser Ziel, diesen Druck von außen auf unser System wirken zu lassen.“ Daher fordert er die Akteure auf, hier besser und zügiger zusammenzuarbeiten.

Mit der Entscheidung im TSVG, dass die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) künftig für die Standardisierung der Daten in den geplanten Akten zuständig ist, habe man nun auch „klare Verantwortlichkeiten mit klaren Entscheidungen“ eingeführt. Ebenso warb Ludewig dafür, nicht bei jedem Digitalprojekt immer das Höchstmögliche zu fordern, sondern in kleineren Schritten zu beginnen. „Es muss nicht immer die 190-prozentige Lösung sein.“

Künftige Projekte, die in der kommenden Zeit angeschoben werden sollen, müssten einen Mehrwert für den Patienten haben. Aus seiner Sicht müssten die 670 Millionen Rezepte, die jährlich ausgestellt werden, als elektronische Variante vorangebracht werden.

Bei der Anbindung weiterer Akteure im Gesundheitswesen an die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) nahm Ludewig das Tempo etwas raus: „Wir sollten erst einmal die Basishausaufgaben machen und die Akteure, sie seit Jahren hätten angeschlossen sein sollen, nun anschlie­ßen.“ Der Anschluss der Pflegekräfte an die TI könnte ein Teil des Digitalgesetzes sein.  

Für klare und offene Strukturen bei der künftigen Interoperabilität der Systeme und Daten warb Sylvia Thun, Direktorin der Core Unit E-Health & Interoperability des Berlin Institute of Health der Charité. „Ohne Community und Transparenz werden wir die Stan­dardisierung im Gesundheitswesen nicht schaffen“, sagte sie auch in Richtung KBV, die im TSVG den Auftrag bekommen hatte, die Standardisierung für den ambulanten Sektor festzulegen. Thun beklagte auch, dass die Softwarehersteller im ambulanten sowie im stationären Bereich die vergangenen Jahre nicht viel entwickelt hätten. „Auch auf dem Markt der KIS-Systeme für Krankenhäuser wurde in den vergangenen Jahren geschlafen“, so Thum. Dies nun aufzuholen, sei ein großer Kraftakt, „der auch Geld koste“, so Thun.

Der KBV-Vorsitzende Andreas Gassen betonte auf dem Podium des Kongresses erneut, warum die KBV den Auftrag zur Standardisierung bei den niedergelassenen Ärzten be­kommen hat: „Es ist sinnvoll, dass diejenigen, die mit einer Milliarde Patientenkontakte im Jahr den meisten Traffic generieren, hier auch die Vorgaben machen.“ Aus der Sicht der Ärzte machte eine Patientenakte dann Sinn, wenn Daten ärztlich erhoben und nicht gelöscht oder verändert werden können.

Die aktuelle Impfdebatte nahm Gassen zum Anlass, die Vorteile für Ärzte, aber auch Pa­tienten herauszuarbeiten: „Ein digitaler Impfpass wäre eine Anwendung, die alle Patien­ten betrifft und damit als Massenanwendung auch für Softwarehersteller interessant ist.“ Im Gegensatz dazu stehen beispielsweise Anwendungen für Patientengruppen, die deut­lich kleiner sind, wie Diabetiker. Bei diesen Patientengruppen sieht Gassen auch gute Chancen für kleinere Unternehmen, in den Markt zu kommen.

Standards sind viel Arbeit

Für Uwe Eibich, Mitglied des Vorstandes der CompuGroup, ist es aus der Erfahrung der ver­gangenen 15 Jahre mit der gematik – Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte eher schwierig, in den heutigen agilen Entwicklungsprozessen zu arbeiten. „Wir brauchen hier andere Entwicklungschroniken, als bei anderen Digitalpro­jekten“, so Eibich. Es sei viel Arbeit, die Standards zu setzen und mit allen ins Gespräch zu kommen, was benötigt werde. Dass es bislang wenig Standards gab, erklärt Eibich so: „Bisher gab es nur wenige Anwendungsmöglichkeiten. Standardisierung zum Selbstzweck kann ein Hobby sein, nur ohne use cases bringt es nichts.“

Obwohl einige Krankenkassen sich momentan skeptisch äußern, dass der vom BMG vor­ge­gebene Einführungstermin der Patientenakten ab 2021 nicht gehalten werden könne, waren die drei Vertreter der großen Projekte sehr optimistisch: So habe die Akte der TK, die TK-Safe, derzeit 138.000 Registrierungen mit weiter steigender Tendenz, erklärte Susanne Ozegowski, Beauftragte bei der TK für die elektronische Gesundheitsakte. Die TK hat 10,4 Millionen Versicherte. Hier werde gerade an den Spezifikationen gemeinsam mit der gematik gearbeitet, damit die TK-Akte auch eine Patientenakte nach der neuen Gesetzeslage werde.

Bei „Vivy“, die als Akte für inzwischen 21 Krankenkassen und vier privaten Krankenversi­che­rungen und damit 17,7 Millionen Versicherten angeboten wird, sehe man die Akte momentan als digitale Assistentin, die die Nutzer bei Gesundheitsfragen unterstützt. Hier habe man mehr als 100.000 Abrufe, erklärte Vivy-Gründer Christian Rebernik. Die AOKen haben bislang auf dezentrale Datenprojekte gesetzt, beispielsweise hat die AOK Nordost derzeit mit zwei Projekten mit Klinikkonzernen. Allerdings arbeite man an neuen Lösun­gen, kündigte Daniela Teichert, Beauftragte des Vorstandes der AOK Nordost an. © bee/aerzteblatt.de

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