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Medizin

Alkoholschaden des Gehirns setzt sich unter der Abstinenz fort

Freitag, 5. April 2019

Mikrostrukturelle Veränderungen in der weißen Substanz des Gehirns bei menschlichen Alkoholikern (links). Die beobachteten Veränderungen führen nach zwei Wochen Abstinenz zu weiteren Fortschritten (rechts). /Silvia de Santis

Alicante und Mannheim – Die Alkoholschäden im Gehirn, die mit einer Diffusions-Tensor-Bildgebung sichtbar gemacht werden können, schreiten nach einer Studie an Patienten und Versuchstieren in JAMA Psychiatry (2019; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2019.0318) in den ersten Wochen einer völligen Abstinenz weiter fort.

Mit der Diffusions-Tensor-Bildgebung (DTI), einer Variante der Magnetresonanztomografie, können die Diffusionsbewegungen von Wassermolekülen im Gewebe gemessen werden. Da die Zellmembranen von Nervenzellen Barrieren für die freie Diffusion sind, können mit der DTI die Nervenbahnen im Gehirn dargestellt werden. Die Untersuchung liefert außerdem Hinweise auf die Unversehrtheit der Fasern. Bei einer Schädigung kommt es zu einer Zunahme der Diffusivität, die sich bildlich darstellen lässt. Ein weiterer Hinweis ist eine Abnahme der fraktionalen Anisotropie.

Deutsche und spanische Forscher haben mit der DTI die Auswirkungen eines Alkohol­konsums auf das Gehirn untersucht. Bei den menschlichen Probanden handelte es sich um 91 Patienten, die sich unter Leitung des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim einem Alkoholentzug (Detoxifikation) unterzogen. Die Tierexperimente wurden am Instituto de Neurociencias de Alicante an Ratten durchgeführt, die bei einem freien Zugriff auf Alkohol innerhalb eines Monats einen schweren Abusus entwickeln.

Wie das Team um Santiago Canals und Wolfgang Sommer berichtet, wurden in beiden Spezies dieselben Auswirkungen des Alkoholkonsums auf das Gehirn beobachtet: Eine Zunahme der Diffusivität und eine Abnahme der fraktionalen Anisotropie zeigen an, dass der Alkohol die Leitungsbahnen des Gehirns geschädigte hat. Betroffen waren vor allem der Corpus callosum und die Fornix. Der Corpus callosum ist die wichtigste Verbindung zwischen den beiden Großhirnhälften. Die Fornix umspannt gewölbeartig (lat. fornix) einige Zentren des Gehirns. Beschädigungen stören die Kommunikation im limbischen System. Eine bekannte Folge sind Gedächtnisstörungen, die auch bei Menschen mit chronischem Alkoholabusus beobachtet werden.

Die Forscher haben ihre Untersuchungen 1 und 6 Wochen nach dem Beginn einer vollständigen Alkoholabstinenz wiederholt. Eigentlich hatten sie erwartet, dass sich das Gehirn langsam von den Alkoholschäden erholt. Das Gegenteil war der Fall. Die Störungen in den Leitungsbahnen hatten weiter zugenommen.

Die Gründe sind nicht klar. Eine Möglichkeit ist, dass es durch den Alkoholabusus vielleicht infolge der Nervenschädigungen zu einer Entzündungsreaktion gekommen ist, die sich nach der Abstinenz fortsetzt. Wie lange diese Entwicklung anhält und ob später eine Erholung des Gehirns möglich ist, lässt sich nach wenigen Wochen noch nicht feststellen. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #720508
e.ne
am Dienstag, 9. April 2019, 15:26

Vielleicht gibt es andere Stoffe, die im Hirn wie trunken wirken?

Meine Mutti *1911 hatte nie in dem Sinn getrunken. Zu Geburtstagen ein Glas Bowle, Weihnachten ein Glas Glühwein, zum Jahreswechsel ein Glas Sekt. Da reichte jeweils eine Flasche für 3 Personen. Kam Besuch dann einen Schokobecher mit Eierlikör. Ansonsten mal eine Weinbrandbohne oder eine Likörpraline. Und davon auch nur 1-2. Der Karton hielt jeweils lange. Eine Zeit kaufte sie sich auch was "Doppelherz" oder sowas aus der Apotheke.
Aber auch von ihr kenne ich, auch wenn sie gar nichts genommen hatte:
"Ich fühle mich wie betrunken!"
Vielleicht ist das auch eine Altersfrage mit ab über 40+
bei Vereinsamung, Antriebsschwäche, niedriger Blutdruck mit mehr oder weniger ausgeprägter Depression.
Bekannt sind Witterungseinflüsse
und "Stumpfschmerz". Es kann schon sein, dass uns unser Gehirn manchmal einen Streich spielt.
Aber ob das Einfluß auf die Zellveränderung/Zellregenerierung/Wachstum hat?
Avatar #720508
e.ne
am Dienstag, 9. April 2019, 15:10

Psyche oder Umwelt/Umgebung/ Ehemalige?

Ehemalige Alkoholiker oder eine Zeit lang ganz gern getrunken habende (ohne Abhängigkeit/Probleme)
trinken nicht mehr.
Es ist völlig egal wo sie wohnen - im selben Land, selbe Stadt
oder ganz woanders -
plötzlich denken sie, sie würden trinken, wären betrunken. Torkeln u.U.
Ich dachte immer, das läge an "Gefühl" wie Andere, Unbekannte, Fremde wähnen oder Andere denken/aufnehmen oder und X zu diesen Personen dazu denken.
Vielleicht ist das gar nicht der Fall (obwohl Rufmord und Verleumdungen die Regel "in diesem unserem Lande" sind) sondern das Hirn "denkt" dass
sein Wirt trinkt/getrunken hat oder erinnert sich.
Avatar #720508
e.ne
am Dienstag, 9. April 2019, 11:05

Entzündliche Reaktionen

Wenn es zu einer "entzündlichen Reaktion" im Gehirn gekommen ist,
aber nur die Entzündungen z.B. Rheumafaktoren in den Knochen behandelt werden - wird das was im Kopf stattfindet, im Gehirn, nicht zwangsläufig mit behandelt. Zellen regenerieren sich zwar. Aber was ist, wenn sich Synapsen gar nicht erholen können, weil Medikamente/andere Gifte dies verhindern?
Avatar #720508
e.ne
am Dienstag, 9. April 2019, 10:37

In 20-30 Jahren auch nicht. Wir wüßten mehr ...

Wir wüssten mehr, wenn Alkoholiker - unreif, sozial auffällig, charakterlich verändert mit Gegenteil als einzige Intelligenz - mit rheumatischen Beschwerden und sichtlich athrotisch veränderten nach außen gerichteten Händen/Fingern nicht nur zum Zahnarzt geschickt würden damit alle Zähne gezogen werden, was m.E. völlig falsch ist. Weil ein Mensch der fortan ohne Alkohol leben soll grundsätzlich seine Ernährung umstellen muss. Schon aus lauter Langeweile (ohne Alkohol, ohne Zigaretten) wenigstens seinem Mund, den Zähnen etwas zu tun anbieten muss. z.B. mehr Rohkost essen. Und nicht nur Banane und Schokolade als Ersatz.
Welche ursächlichen oder zusätzlichen Probleme vorliegen, gehört erst einmal abgeklärt - ehe man viel zu vielen alle Zähne zieht.
Wer vorher schon am Liebsten wie ein Baby den ganzen Tag im Bett verbrachte mit "flüssig Brot" und "flüssig Obst" und "ich ich ich" und mit Brüllen jeden Tag ohne wesentliche Kenntnisse von Regel, Gesetzen, Verhalten - der braucht viel mehr Aufmerksamkeit, Kurse, Kuren um sich in den Griff zu kriegen und nicht nur gefährlich zu werden für sich und Andere. - Manche "gehen auf Entzug" mehr oder weniger freiwillig für ein paar Wochen/Monate in eine Klinik. Ich kann es nicht mehr hören. Ich kann darin keinen Sinn erkennen. - Praktisch lediglich für den Träger der Klinik.
Der "Drehtüreffekt" lässt weitere Einnahmen voraus berechnen.
LNS

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