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Medizin

Schwache Evidenz für Behandlungs­alternativen von Harninkontinenz nach Schlaganfall

Dienstag, 9. April 2019

/Srdjan, stock.adobe.com

Preston – Die Hälfte aller stationär betreuten Schlaganfallpatienten ist von einer Harnin­kontinenz betroffen. Verhaltensorientierte Behandlungsmaßnahmen, physikalische The­rapien oder auch Akupunktur könnten Inkontinenzepisoden verringern. Die zugrunde­lie­gende Studienevidenz sei jedoch qualitativ begrenzt, heißt es in einem Cochrane-Review, in dem mehr als 1.300 Menschen aus 20 Studien untersucht wurden (2019; doi: 10.1002/14651858.CD004462.pub4).

Die Studienautoren der Übersichtsarbeit bemängeln die unzureichende Beschreibung der Studiendetails. Angaben zu Nebenwirkungen hätten zudem bei mehr als der Hälfte der Studien gefehlt.

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Zu den verhaltensorientierten Therapien zählt etwa Beckenbodentraining. Eine Studie mit 18 Probanden konnte zeigen, dass zwar innerhalb eines Tages weniger Inkontinenz­epi­soden auftraten. Auf die Lebensqualität wirkte sich das aber kaum aus – was auch 2 weitere Studien bestätigen konnten. Fast keinen Vorteil, möglicherweise auch gar keinen Vorteil, brachte der Einsatz von speziell ausgebildete Pflegekraft für die kommenden 3 Monate. Ebenfalls keinen Hinweis auf eine Wirkung bei leichter Inkontinenz konnten Forscher bei einer Östrogentherapie im Vergleich zu Plazebo beobachten.

Nur eine schwache Evidenz erreichten 5 Studien zu alternativen Therapien, zum Beispiel manuelle Akupunktur oder Elektroakupunktur. Die Teilnehmer (n = 524) waren 3 Mal so häufig kontinent als ohne alternative Intervention (RR 2,82; 95%-Konfidenzintervall: 1,57-5,07).

Harninkontinenz betrifft 40 bis 60% der Schlaganfallpatienten im Krankenhaus. Jeder vierte leidet auch nach der Entlassung aus dem Krankenhaus noch darunter, 15 % bleiben sogar ein weiteres Jahr inkontinent. Zu den Symptomen zählen unwillkürlicher Verlust von Harn, starker Drang zum Wasserlassen und Abgang von Harn beim Lachen oder Niesen. Ursache könnte die Beeinträchtigung des Frontalhirns und eine Unterbrechung der Nervenbahnen zum Hirnstamm sein.

Physikalische Therapie zeigt schwache Wirkung

Ebenfalls mit schwacher Evidenz verringerte eine physikalische Therapie, die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS), die durchschnittliche Zahl von Inkontinenzepi­so­den innerhalb von 24 Stunden (MD -4,76, 95%-KI -8,10- -1,41). Etwas überzeugender war die Wirkung der TENS auf die funktionellen Fähigkeiten. In einer nicht plazebokon­trollier­ten Studie mit 82 Patienten konnten funktionelle Fähigkeiten bei mittlerer Evidenzstärke verbessert werden (MD 8,97, 95%-KI 1,27-16,68).

Auch die transkutane Stimulation des Tibialis-Nervs (TPTNS, Transcutaneous Posterior Tibial Nerve Stimulation) führte in plazebokontrollierten Studien nur zu schwachen oder gar keinem Vorteil für die Patienten mit Harninkontinenz nach einem Schlaganfall.

Die Erfolge einer Elektrotherapie oder auch einer medikamentösen Therapie seien nicht schlechter, wenn die Ursache der Inkontinenz mit einer zentral enthemmten Blase durch einen Schlaganfall hervorgerufen werden würde, erklärte Daniela Schultz-Lampel, Direkt­orin des Kontinenzzentrums Südwest am Schwarzwald-Baar Klinikum in Villingen-Schwenningen.

Einen Nachteil sieht die Urologin aber doch: Maßnahmen wie Miktionstraining oder Bla­sentraining seien bei schweren funktionellen Defiziten nach Schlaganfall für den Patien­ten schwieriger umsetzbar. „Betroffene benötigen mehr Anleitung und pflegerische Un­terstützung“, so die Expertin der Deutschen Gesellschaft für Urologie.

Die meisten Schlaganfallpatienten würden zu viel Zeit verstreichen lassen, bis sie auch wegen der Inkontinenz einem Arzt aufsuchen, warnte Schultz-Lampel. Denn somatische Defizite wie Lähmungen oder Sprachstörungen stünden initial oft im Vordergrund. „Erst im Langzeitverlauf nehmen die Kontinenzprobleme für den Patienten an Bedeutung zu.“ © gie/aerzteblatt.de

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