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Medizin

Vitamin D könnte vielleicht gegen Darmkrebs wirksam sein

Mittwoch, 10. April 2019

Vitamin-D3 als Kapsel oder Liquid /dpa
In 2 Studien wurde der Einfluss verschiedener Vitamin-D3-Dosierungen untersucht. /dpa

Boston/Tokio – Kann Vitamin D ein Krebswachstum verlangsamen? Nachdem in den letzten Jahrzehnten andere Vitamine und Spurenelemente reihenweise in klinischen Studien enttäuscht haben, ruhen die Hoffnungen derzeit auf dem „Sonnenhormon“. Zwei im amerikanischen Ärzteblatt JAMA veröffentlichte Phase 2-Studien schließen eine Wirksamkeit von Vitamin D zumindest nicht aus (2019; doi: 10.1001/jama.2019.2402 und doi: 10.1001/jama.2019.2210).

Beta-Carotin (Provitamin A), Ascorbinsäure (Vitamin C), Alpha-Tocopherol (Vitamin E), Selen und Folsäure – die Liste der Vitamine und Spurenelemente, deren Mangel in Beobachtungs­studien stets mit einem erhöhten Krebsrisiko assoziiert war, die dann aber in klinischen Studien zur Krebsprävention oder -therapie versagten, ist lang. Als Letztes ist Vitamin D übrig geblieben. Erneut gibt es Beobachtungsstudien, in denen ein Mangel mit einer erhöhten Krebsrate verbunden war. Daneben existieren tierexperimentelle Befunde, die auf eine Wirkung hindeuten, und es lassen sich eine Reihe von biologisch plausiblen Mechanismen nennen, etwa eine Förderung der Apoptose, über die Vitamin D eine Antikrebswirkung erzielen könnte.

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Doch die Hoffnungen auf eine krebspräventive Wirkung erhielten Anfang des Jahres durch die Ergebnisse der VITAL-Studie einen Dämpfer. Am Brigham and Women's Hospital in Boston wurden über durchschnittlich 5,3 Jahre 25.871 Männer (älter als 50 Jahre) und Frauen (älter als 55 Jahre) mit täglich 2.000 IU Vitamin D3 oder Placebo behandelt. Die Erwartung, dass das Vitamin mit dem viele Menschen in höheren Breitengraden chronisch unterversorgt sind, vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs schützt, hat sich allerdings nicht erfüllt. Wie JoAnn Manson und Mitarbeiter mitteilten, schützte eine Vitamin D-Behandlung weder vor Brust-, noch Darm-, noch Prostatakrebs und auch die Gesamtzahl der Krebstoten war nicht niedriger als in der Placebogruppe (NEJM 2019).

In einer früheren Studie hatten täglich 1.000 IU Vitamin D3 über 3 bis 5 Jahre das Wiederauftreten von Kolonadenomen nicht verhindert, woran allerdings die kurze Nachbeobachtungszeit und die geringe Dosierung von Vitamin D verantwortlich gewesen sein könnte (NEJM 2015).

Vitamin D verlängerte progressionsfreies Überleben, nicht Gesamtlebenszeit

Jetzt liegen die Ergebnisse aus 2 weiteren randomisierten kontrollierten Studien vor, in denen Patienten mit Krebserkrankungen zusätzlich zur Standardtherapie mit Vitamin D oder Placebo behandelt wurden.

In der SUNSHINE-Studie behandelten Forscher an 11 US-Zentren 139 Patienten mit nicht resezierbaren fortgeschrittenen oder metastasierten Kolonkarzinomen zusätzlich zur Chemotherapie (mFOLFOX6 plus Bevacizumab) mit Vitamin D3. Die Hälfte der Krebspatienten erhielt eine hohe Dosis (8.000 IU/Tag über 2 Wochen danach 4.000 IU/Tag), die zu einer guten Vitamin D-Versorgung führte. Die andere Hälfte wurde mit einer niedrigen Dosis (400 IU/Tag) behandelt, die den Mangel nicht beseitigen konnte.

Primärer Endpunkt war das progressionsfreie Überleben. Es wurde durch die hohe Dosierung von 11,0 auf 13,0 Monate verlängert. Der Unterschied war nach den Berechnungen von Kimmie Ng vom Dana-Faber-Cancer Institute in Boston nur in einer vereinfachten Statistik („1-sided P“ = 0,07) statistisch signifikant. Der Beweis einer antineoplastischen Wirkung lässt sich nach Einschätzung des Editorialisten John Baron vom der University of North Carolina School of Medicine aus diesem Ergebnis nicht ableiten. Dazu hatte die Phase 2-Studie zu wenige Teilnehmer. Hinzu kommt, dass in der Gesamtlebenszeit (24,3 Monate in beiden Gruppen) kein Unterschied bestand.

Die US-Forscher haben jedoch die Hoffnung nicht aufgegeben. Noch in diesem Jahr soll an mehreren 100 Zentren eine größere Studie begonnen werden, um die Wirksamkeit von Vitamin D3 endgültig zu belegen (oder auch nicht).

Japanischen Studie bestätigt: Kein Vorteil für das Gesamtüberleben

Für die AMATERASU-Studie, ebenfalls in JAMA erschienen, waren an einer Klinik in Japan 417 Patienten mit Krebserkrankungen im Magendarmtrakt im Stadium I bis III (48 % Kolon/Rektum, 42 % Magen, 10 % Ösophagus) auf eine Behandlung mit 2.000 IU/Tag Vitamin D3 oder Placebo randomisiert worden.

Wie Mitsuyoshi Urashima von der Jikei University School of Medicine in Tokio und Mitarbeiter berichten, war kein sicherer Vorteil für Vitamin D nachweisbar. Die 5-Jahres-Rate des rezidivfreien Überlebens, der primäre Endpunkt der Studie, betrug in der Vitamin D-Gruppe 77 % und in der Placebo-Gruppe 69 % (Hazard Ratio 0,76; 95-%-Konfidenzintervall 0,50-1,14). Im 5-Jahres-Gesamtüberleben war mit 82 gegenüber 81 % kein Unterschied erkennbar.

Ein Vorteil im rezidivfreien Überleben bestand merkwürdigerweise nur in der Untergruppe der Patienten, die vor Beginn der Studie eine 25-Hydroxy-Vitamin-D-Konzentration von 20 bis 40 ng/ml hatten. Die 5-Jahres-Rate betrug hier 85 % gegenüber 71 % in der Placebo-Gruppe (Hazard Ratio 0,46; 0,24-0,86). Patienten mit höheren oder mit niedrigeren Ausgangswerten profitierten nicht von der Behandlung. Auch in der japanischen Studie war kein Vorteil für das Gesamtüberleben erkennbar.

Beide Studien können nach Einschätzung des Editorialisten Baron eine Wirkung von Vitamin D bei Krebserkrankungen im Verdauungstrakt nicht belegen. Es fänden sich jedoch in beiden Studien Hinweise auf eine mögliche Wirkung, die noch in weiteren Studien untersucht werden müsste. © gie/aerzteblatt.de

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