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Lan­des­ärz­te­kam­mer Brandenburg für Masernimpfpflicht

Donnerstag, 11. April 2019

/dpa

Potsdam – Die Delegierten der Lan­des­ärz­te­kam­mer (LÄK) Brandenburg haben sich für eine bundesweite Masernimpfpflicht ausgesprochen.

Aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht gebe es keine gleichwertige Alter­native zu einer Impfpflicht nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission, heißt es in einer Reso­lution, die das Ärzteparlament in Brandenburg kürzlich verabschiedet hat.

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Nur mit dieser schütze man sich selbst – nicht zuletzt aber auch die Gesellschaft. Die Dele­gierten verwiesen dabei auf die steigende Zahl von Masernerkrankungen in Europa. Mit mehr als 82.000 Menschen seien in den 53 Mitgliedsstaaten der WHO-Europaregion so viele Menschen an Masern erkrankt, wie seit zehn Jahren nicht mehr.

Das Wiederauftreten der Maserninfektionen in der WHO-Europaregion mache ein „schnelles und klares Handeln des Gesetzgebers erforderlich, um die Durchimpfungsrate zu erhöhen“.

© may/EB/aerzteblatt.de

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Staphylococcus rex
am Donnerstag, 11. April 2019, 23:22

Richtige Entscheidung, aber falsche Begründung

Mit der Masernimpfung verbunden sind drei große Versprechen:
1. Selbstschutz
2. Schutz der Umgebung (Herdenimmunität)
3. Ausrottung der Masern

Für das erste Versprechen braucht es keine Impfpflicht. Selbst für das zweite Versprechen ist eine Impfpflicht zumindest in Deutschland fragwürdig. Die Impfraten sind relativ hoch und die Herdenimmunität funktioniert, wenn auch mit Einschränkungen. Eine Impfpflicht ist immer auch eine strategische Entscheidung und die Ergebnisse zeigen sich erst nach Jahren oder Jahrzehnten. Selbst wenn sofort in Deutschland eine Impfpflicht verabschiedet würde, bevor sie richtig greift ist der Spuk mit den aktuellen Ausbrüchen in den anderen europäischen Ländern längst vorbei. Dafür ist die jetzige Epidemiologie die Konsequenz von Entscheidungen der letzten Jahrzehnte.

Und trotzdem gibt es einen Grund, über eine Impfpflicht für Masern nachzudenken.
Bisher lag der Schwerpunkt der weltweiten Masernepidemie in den Entwicklungsländern. Dort wurden in den letzten Jahrzehnten messbare Erfolge erreicht. Es ist zumindest vorstellbar, dass in ca. 10-15 Jahren ein Punkt erreicht ist, dass die Masernzirkulation in den Entwicklungsländern zusammenbricht. Ohne jetzt auf alle Details einzugehen, aber wenn dies geschieht, dann haben wir ein Zeitfenster von etwa 10-15 Jahren, um die Masern weltweit auszurotten. Das ist natürlich nur möglich, wenn alle Länder in diesem Zeitraum die endemische Viruszirkulation unterbinden. Im Augenblick sieht es aber so aus, als ob sich der Schwerpunkt der Viruszirkulation allmählich auf die Länder zurück verlagert, wo das Virus schon als ausgerottet galt.

Wie sieht es in Deutschland aus?
Die Herdenimmunität funktioniert, ist aber nicht wirklich zufriedenstellend. Es gibt zwei Kriterien zum Ausschluss einer endemischen Zirkulation. Erstens gilt eine endemische Zirkulation als ausgeschlossen, wenn die Inzidenz geringer ist als 1/1 Mio. Einwohner und Jahr, das wären für Deutschland eine Obergrenze von 80 Fällen/Jahr. Diese Grenze wird ständig gerissen. Das andere Kriterium ist die forensische Untersuchung aller zirkulierenden Stämme:

„Obwohl „B3-Dublin-4299“ im Verlauf der Jahre 2017–2018 aus Balkanstaaten so- wie aus Italien mehrfach nach Deutschland importiert wurde, kann aufgrund der vorliegenden Daten nicht aus- geschlossen werden, dass die Transmission dieser B3- Variante über einen Zeitraum von mehr als 12 Monaten in Deutschland erfolgte, was als endemisch einzustufen ist.“
https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2018/Ausgaben/33_18.pdf

Die o.g. Formulierung aus dem Epid. Bulletin klingt harmlos, muss aber als Bankrotterklärung für das Ziel der Unterbindung der endemischen Ausbreitung gewertet werden. Für die Zukunft wird es nicht einfacher werden. Die Immunität der Generation der vor 1970 Geborenen spielt zunehmend eine geringere Rolle, während die Immunität und damit die Impfrate der nach 1970 Geborenen immer wichtiger werden. Wenn der Fall eintritt und in ca. 10 – 15 Jahren die Zusagen Deutschlands zur Eliminierung der Masern eingefordert werden, dann ist ein „weiter so“ nicht ausreichend.

Welcher Weg zur Erhöhung der Impfraten der beste ist, darüber gehen derzeit die Meinungen deutlich auseinander. Angesichts der Widerstände in der Bevölkerung wäre es auch überlegenswert, bei der nächsten Bundestagswahl die Bevölkerung zu fragen, ob das Ziel der Ausrottung der Masern in der Bevölkerung ausreichend Rückhalt hat. Eine Impfpflicht wäre in jedem Fall nur ein Baustein in einem größeren Maßnahmenpaket. Wichtiger als ein politischer Schnellschuss ist ein stimmiges Gesamtpaket, welches über Jahre umgesetzt werden kann. Die Rechtfertigung für eine Impfpflicht ist die Unterbrechung der endemischen Viruszirkulation und damit die Vorbereitung der Ausrottung der Masern, das sollte so auch kommuniziert werden.
LNS

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