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Politik

Maßnahmen zur Verhältnisprävention bei Alkoholerkrankungen fehlen

Donnerstag, 11. April 2019

/Syda Productions, stock.adobe.com

Berlin – Der Alkoholkonsum pro Kopf ist in Deutschland deutlich höher als in anderen Ländern der Europäischen Union (EU) und sinkt langsamer als in Nachbarländern. Mehr als drei Millionen Menschen sind nach Angaben der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) alkoholabhängig oder haben einen riskanten Alkoholkonsum. „Die Hälfte der Alkohol­kranken wird nicht erkannt und nur zehn Prozent erhalten eine suchtspezifische Behandlung“, kritisierte BPtK-Präsident Dietrich Munz gestern bei dem Symposium der Kammer zum Thema „Prävention und Frühintervention bei Alkoholerkrankungen“ in Berlin. „Wirksame Präventionsmaßnahmen gibt es aber kaum – das wollen wir auch mit Gesundheitspolitikern diskutieren“, sagte Munz.

Die Verhältnisprävention werde von den Vereinten Nationen und der Weltgesundheits­organisation als wichtigste Maßnahmen gesehen, um Alkoholerkrankungen zu vermeiden, konstatierte Jürgen Rehm, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Technischen Universität Dresden. Solche Maßnahmen sind die Besteuerung von Alkoholprodukten, um die Preise zu erhöhen, die Beschränkung der Verfügbarkeit und das Verbot von Werbung, Marketing und Sponsoring. „Die Implementation dieser Maßnahmen ist grundsätzlich noch viel zu wenig verbreitet in der EU -Deutschland liegt im Vergleich sogar im unteren Bereich“, erklärte Rehm.

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In Deutschland wird der Alkoholkonsum nicht behindert

„Wir haben in Deutschland keine anderen Verfügbarkeitshindernisse als die alters­beschränkte Abgabe ab 16 Jahren für Bier und Wein sowie für Spirituosen ab 18 Jahren“, so Rehm. Hierbei seien andere EU-Länder deutlich konsequenter, die meisten schränkten die Werbung ein, erlaubten die Abgabe nicht überall oder hätten höhere Preise für Alkohol. „Bei Discountern in Deutschland kann jeder für 20 Cent einen halben Liter Bier kaufen“, bemängelte der Wissenschaftler.

Als Beispiel für eine vorbildhafte Drogenpolitik führte Rehm Litauen an. In dem Land seien in den vergangen zwei bis drei Jahren 15 verschiedene Gesetze verabschiedet worden, um den Alkoholkonsum einzuschränken: Unter anderem seien die Steuern auf Alkohol stark erhöht worden, Werbeverbot gelten für Fernsehen, Radio und Internet. Zudem gebe es starke Anstrengungen, die neuen Gesetze auch durchzusetzen. „In der Folge ist beispielsweise die Lebenszeit von Männern in Litauen um fünf Jahre angestiegen“, erläuterte der Wissenschaftler.

Um den politischen Handlungsbedarf zur Verhältnisprävention zu diskutieren, hatte die BPtK die drogenpolitischen Sprecher der Bundestagsparteien eingeladen. Die Oppositions­fraktionen waren der Einladung gefolgt. „Warum muss Alkohol rund um die Uhr auch an Tankstellen verfügbar sein?“, kritisierte Kirsten Kappert-Gonther, Sprecherin für Drogenpolitik und für Gesund­heits­förder­ung der Bündnis 90/Die Grünen. Gerade der Zusammenhang zwischen Straßenverkehr und Alkoholkonsum sei nicht erklärbar.

Grüne fordern, Alkoholwerbung und Sponsoring einzuschränken

Auch das Alkoholangebot „in den Quengelzonen vor der Supermarktkasse“ hält die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie gerade für Suchtkranke für schädlich. Darüber hinaus sollte die Werbung für Alkoholprodukte eingeschränkt werden und insbesondere auch das Sponsoring im Fußball. „Es geht gar nicht, dass Kinder und Jugendliche mit Alkoholwerbung auf ihren Trikots laufen“, sagte Kappert-Gonther. Dass mit höheren Preisen der Alkoholkonsum sinkt, ist für sie ausgemacht.

Der drogenpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion Die Linke unterstützt auch Werbe- und Sponsoringverbote für Alkoholprodukte. Niema Movassat forderte darüber hinaus Warnhinweise zu den Folgen von Alkoholmissbrauch auf den Flaschen, wie auf Tabakprodukten üblich. „Verfügbarkeitseinschränkungen finde ich jedoch problematisch, denn das gelegentliche Glas Wein ist doch unproblematisch“, sagte er. Sinnvoll findet er jedoch die Einführung einer räumlichen Trennung von Alkoholprodukten mit den übrigen Waren in Supermärkten.

Die Linke spricht sich gegen Preiserhöhungen aus

Auf die Frage, ob er eine höhere Besteuerung für Alkoholprodukte sinnvoll finde, antwortete der Linken-Politiker: „Niedrige Preise sind durchaus in Ordnung, weil man sonst die Armen benachteiligt.“ Deutlich höhere Preise könnten gar zu Beschaffungskriminalität und Schwarzbrennerei führen. Darüber hinaus würden Menschen dann nicht mehr in Gaststätten gehen, um zu trinken, sondern „einsam und ohne soziale Anbindung zu Hause sitzen“, befürchtete Movassat.

Preiserhöhungen durch Besteuerung hält auch der drogenpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Wieland Schinnenburg, für angemessen, wenngleich „in Grenzen“. Seiner Ansicht nach halten höhere Preise Suchtkranke nicht davon ab zu konsumieren. „Wir brauchen stattdessen mehr gesellschaftliches Bewusstsein für die Gefahren von Alkoholkonsum – warum werden beispielsweise auf jedem Empfang zuerst alkoholische Getränke angeboten?“

Hohe Toleranz beim Alkoholkonsum ist Symptom für Suchterkrankung

Unterstützung erhielt Schinnenburg von wissenschaftlicher Seite: „In Dänemark halten die hohen Alkoholpreise Jugendliche nicht vom Rauschtrinken ab“, berichtete Silke Behrend von der Süddänischen Universität in Odense. Mehr Aufklärung hält die Psychologische Psychotherapeutin indes für sinnvoll. So wüssten viele Jugendliche beispielsweise nicht, dass eine zunehmend hohe Toleranz beim Alkoholkonsum ein Symptom für eine Suchterkrankung ist. „Die meisten prahlen damit, dass sie viel trinken können“, sagte Behrendt.

Kappert-Gonther sprach sich dafür aus, vermehrt darüber aufzuklären, dass „auch ein Glas am Abend nicht immer schädlich, aber auch nicht gesund ist“. Ein Dorn im Auge ist der Grünen-Politikerin, dass „man sich überall dafür rechtfertigen muss, wenn man keinen Alkohol trinken will“. Hier müsse sich das gesellschaftliche Bewusstsein noch sehr ändern. Beachtet werden müssten darüber hinaus die Folgen von Alkoholabhängigkeit für die Angehörigen in Form von häuslicher Gewalt und vernachlässigten Kindern.

Frühem Erstkonsum muss entgegengewirkt werden

Alle drogenpolitischen Sprecher sprachen sich dafür aus, flächendeckende evaluierte Präventionsprogramme an Schulen unterstützen zu wollen, weil nach Erkenntnissen von Wissenschaftlerin Behrendt gerade elf- bis 15-jährige Schüler zu wenig über die Risiken von Alkoholkonsum wissen. „Ein früher Erstkonsum ist aber ein robuster Prädiktor für die Entwicklung einer Alkoholstörung und 47 Prozent konsumieren erstmals mit 13 Jahren“, berichtete Behrendt. Einem frühen Konsum müsse unbedingt entgegengewirkt werden.

© PB/aerzteblatt.de
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