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Suchtforscher werfen Glücksspielindustrie Gesetzesverstöße vor

Mittwoch, 17. April 2019

Spielautomaten /javarman, stock.adobe.com
In der ambulanten Suchtberatung bilden Spieler/-innen an Geldspielautomaten unter den Glücksspielenden mit Abstand die größte Gruppe. /javarman, stock.adobe.com

Berlin – Durch technische Tricks an Geldautomaten hebelt die Automatenindustrie geltende Gesetze aus. Die Folgen: Das Suchtpotenzial beim legalen Glücksspiel an Geldspiel­automaten sind enorm gestiegen. Die Aufsteller profitieren mit jährlichen Wachstumsraten von durchschnittlichen zehn Prozent. Das geht aus dem aktuellen Jahrbuch Sucht hervor, das die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) heute in Berlin vorstellte.

Die rasante Steigerung der Erträge der Automatenindustrie begann im Jahr 2006 mit der Novellierung der Spielverordnung (SpielV). Nach einer Übergangsfrist von vier Jahren müssen seit dem 11. November 2018 alle aufgestellten Geldspielautomaten der Sechsten Novelle der Spielverordnung aus dem Jahr 2014 entsprechen, erklärte der Suchtforscher Gerhard Meyer von der Universität Bremen und warnte: „Erste Erkenntnisse zur Umsetzung der Vorgaben durch die Automatenindustrie zeigen, dass die Gesetzgebung nach wie vor in eklatanter Weise ausgehebelt wird.“

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Als Spielanreiz locken die Geräte weiterhin mit potenziellen Gewinnen, die einen erheblichen Vermögenswert darstellen. Das sollte eigentlich durch die Novellierung der Spielverordnung verhindert werden. Das Glücksspiel an den Automaten ist dadurch mit einer unmittelbar stimulierenden Wirkung verbunden. Es fördert das Abtauchen aus der Alltagsrealität und die Jagd nach einem Verlustausgleich. Entsprechend hoch ist das Suchtpotenzial.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA) gibt an, das es in Deutschland 180.000 pathologische und 326.000 problematische Spielesüchtige gibt.

Markt für Onlinecasinos wächst

Zudem wurde die Praxis des Onlinecasinospiels in Deutschland kritisiert. Suchtexperten seien sich einig, dass die Gefährdung durch Onlinecasinospiele besonders hoch sei – unter anderem aufgrund der Verfügbarkeit rund um die Uhr, sagte die Vorsitzende des Fachverbands Glücksspielsucht, Ilona Füchtenschnieder. Der Onlinecasino-Markt ist im Jahr 2017 von 2,5 Milliarden (2016) auf 3,18 Milliarden gewachsen.

Anbieter von Onlineglücksspiel würden trotz des herrschenden Verbots Casino-, Rubbellos- und Pokerspiele im Internet veranstalten und vermitteln. Laut Füchtenschnieder müssen die Einhaltung bestehender Gesetze durchgesetzt, die Glücksspielaufsicht personell und technisch ausgebaut sowie Glücksspielwerbung verboten werden.

In den ambulanten Suchtberatungsstellen stehen Geldspielautomaten aber immer noch an erster Stelle. Sie würden von mehr als 80 Prozent der Betroffenen als Hauptspielform angegeben, berichtete der Leiter der Bremer Fachstelle Glücksspielsucht Meyer. Zur Aufgabe der Betreiber gehöre es auch, Spielesüchtige an eine der 1.500 Suchtberatungsstellen in Deutschland zu vermitteln. In einigen Bundesländern sei dies sogar Pflicht.

Nur einer von 903 befragten Spielern aus Suchtberatungsstellen gab an, dass er von einer Spielhalle vermittelt wurde. Gerhard Meyer, Universität Bremen

Eine Auswertung in Hessen zeigt jedoch, dass die Betreiber dies nicht umsetzen. „Nur einer von 903 befragten Spielern aus Suchtberatungsstellen gab an, dass er von einer Spielhalle vermittelt wurde“, so Meyer. Eine Auswertung der Sperrdateien kam darüber hinaus zu dem Ergebnis, dass sich in den ersten 40 Monaten 14.000 Spielsüchtige für die Automaten sperren ließen. „Der Anteil der Sperren durch die Automatenbetreiber lag bei unter einem Prozent“, kritisierte Meyer.

Finanzierung der Suchtberatungsstellen stagniert weitgehend

Um die Verelendung der Klienten zu verhindern und so die Folgekosten der Suchterkran­kung zu verringern, stellen die Beratungsstellen eine wichtige Brückenfunktion zum Gesundheitssystem dar. Zwei Drittel geben nach Betreuungsende an, dass sie ihre Problematik erfolgreich bewältigt haben oder sich diese gebessert haben. 65 Prozent der Zuweisungen in medizinische Rehabilitation erfolgt aus den Suchtberatungsstellen. Mit einer Suchtberatung können Arbeitsplätze während und nach einer Behandlung erhalten bleiben. Somit profitieren bedeutend mehr Menschen von der Suchtberatung, als statistisch erfasst.

Demgegenüber stünde eine gravierende Unterfinanzierung dieser Beratungsstellen, kritsierte Füchtenschnieder. Gleichzeitig machte die Vorsitzende des Fachverbands Glücksspielsucht auf Versorgungslücken in Sachsen und Sachsen-Anhalt aufmerksam. Hier gebe es gar keine spezialisierten Hilfeeinrichtungen. © ds/kna/aerzteblatt.de

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