NewsMedizinImmundefekt X-SCID: Busulfan macht Gentherapie effektiver
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Immundefekt X-SCID: Busulfan macht Gentherapie effektiver

Donnerstag, 18. April 2019

/St. Jude Children's Research Hospital, Seth Dixon

Memphis/Tennessee – Eine Vorbehandlung mit dem Zytostatikum Busulfan kann die Effektivität einer Gentherapie des seltenen Immundefekts X-SCIDs deutlich verbessern, wie erste Erfahrungen einer Studie im New England Journal of Medicine (2019; 380: 1525-1534) zeigen.

Die X-SCID („Severe Combined Immunodeficiency“) wird durch Mutationen im IL2RG-Gen verursacht, das die Erbinformation für den Rezeptor verschiedener Zytokine des Immunsystems enthält. Die Folge ist der weitgehende Ausfall von T-Zellen, natürlichen Killer-(NK-)Zellen und funktionalen B-Zellen. Die betroffenen Kinder – weil sich das Gen auf dem X-Chromosom befindet, erkranken in der Regel Jungen – starben in der Vergangenheit in den ersten beiden Lebensjahren aufgrund von ständigen Infektionen. Die Erkrankung wurde in den 1980er-Jahren durch den „Bubble Boy“ David Vetter bekannt, der unter einer keimfreien Plastikhaube 13 Jahre alt wurde.

Anzeige

Die Erkrankung kann heute durch eine hämatopoetische Stammzelltherapie geheilt werden. Erfahrungsgemäß findet sich aber nur für jedes fünfte Kind ein geeigneter Spender. Die anderen erhalten meist eine Stammzellspende von Eltern oder Geschwistern, die den Immundefekt aber nur teilweise behebt.

Seit Anfang der 2000er wird versucht, die X-SCID mittels einer Gentherapie zu heilen. Die erste Generation verwendete Retroviren, die sich aber an der „falschen“ Stelle ins Erbgut der Stammzellen integrierten und Leukämien auslösten. Die zweite Generation verwendete sichere Retroviren, es kam jedoch nur zur Erholung der T-Zellen, die Anfälligkeit für Infektionen blieb hoch.

Die neueste Generation der Gentherapie verwendet Lentiviren, die als sicher eingestuft werden. Die Behandlung wird am St. Jude Children’s Hospital in Memphis mit einer Vorbehandlung mit dem Zytostatikum Busulfan kombiniert, um die Effektivität zu steigern.

Für die Behandlung werden zunächst blutbildende Stammzellen aus dem Knochenmark gewonnen. Diese werden dann im Labor mit einem gentechnisch modifizierten Lentivirus infiziert, das eine intakte Version des IL2RG-Gens in die Stammzellen transportiert. Bevor die Patienten die Stammzellen über eine normale Bluttransfusion zurück erhalten, erfolgt die „Konditionierung“ mit Busulfan. Sie zerstört das Knochenmark (bei der verwendeten Low-dose von Busulfan teilweise) und erleichtert dadurch die Etablierung der gentherapierten Stammzellen, die sich leichter gegen die alten Stammzellen durchsetzen können.

Nach den jetzt von Ewelina Mamcarz vom St. Jude Department of Bone Marrow Transplantation and Cellular Therapy und Mitarbeitern vorgestellten Ergebnissen war die Gentherapie bei den ersten 8 Säuglingen, die im Rahmen einer laufenden Phase-1/2-Studie im Alter von median 3,5 Monaten behandelt wurden, erfolgreich.

Bei 7 Säuglingen stieg die Zahl der T-Zellen, B-Zellen und NK-Zellen nach der Behandlung innerhalb von 3 bis 4 Monaten auf Normalwerte an. Beim achten Säugling blieb die T-Zellzahl nach der ersten Behandlung niedrig. Nach einer zweiten Dosis der Gentherapie, dieses Mal ohne Busulfan-Konditionierung, kam es zu einer Normalisierung.

Bei 7 der 8 Kindern haben sich die IgM-Spiegel so weit normalisiert, dass 4 die intravenöse Immunglobulin-Supplementierung abbrechen konnten. 3 dieser 4 Kinder nahmen an Impfungen teil, die eine ausreichende Antikörperantwort erzielten.

Die Kinder sind inzwischen 6,7 bis 24,9 Monate alt und in Größe und Körpergewicht normal entwickelt. Die Behandlung blieb laut Mamcarz weitgehend ohne Komplikationen. Eine Vektor-Insertionsstellen-Analyse ergab, dass die IL2RG-Genkopien nicht an gefährlichen Orten, etwa in der Nähe von Onkogenen, in die DNA eingebaut wurden und es gibt bisher keine Hinweise auf die Bildung von Zellklonen, aus denen sich eine Leukämie entwickeln könnte. © rme/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

20. Mai 2020
Brüssel – Das derzeit teuerste Medikament der Welt kann nun auch in Deutschland auf den Markt kommen. Zolgensma habe eine vorläufige EU-Zulassung erhalten, bestätigte ein Sprecher der EU-Kommission
Zolgensma vor Marktstart in Deutschland
6. Mai 2020
Bristol − Eine einmalige Injektion in den Augapfel könnte Patienten mit Glaukom in Zukunft die tägliche Anwendung von Augentropfen ersparen. Britische Forscher stellen in Molecular Therapy
Glaukom: Gentherapie könnte Augeninnendruck senken
24. April 2020
Magdeburg – Ein vollständiges System zur Produktion von biotechnologisch hergestellten Viren als Transportvehikel haben Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Dynamik komplexer technischer
Gentherapie: Forscher entwickeln System zur Produktion viraler Vektoren
30. März 2020
Amsterdam − Fast ein Jahr nach der US-amerikanischen FDA hat jetzt auch die europäische Arzneimittel-Agentur EMA grünes Licht für die Zulassung einer Gentherapie für die spinale Muskelatrophie
Spinale Muskelatrophie: Millionenteures Medikament Zolgensma vor Zulassung in Europa
13. März 2020
Boston – US-Forscher haben eine Gentherapie für das Barth-Syndrom entwickelt, einem angeborenen Defekt des Phospholipid-Stoffwechsels. Bei Mäusen konnte die Entwicklung einer Kardiomyopathie
Gentherapie kuriert Barth-Syndrom bei Mäusen
3. März 2020
Berlin – Die nationalen Ethikräte Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens rufen Regierungen und Interessenvertreter in der ganzen Welt gemeinsam dazu auf, bei jeglicher künftigen Diskussion von
Ethikräte fordern Berücksichtigung ethischer Aspekte bei Diskussionen um Keimbahneingriffe
20. Februar 2020
München – Der Einsatz von Stammzellen ist mit großen Hoffnungen auf Heilung schwerer Krankheiten verbunden. Die ethischen und gesetzlichen Grenzen wären aber überschritten, würden Stammzellen aus
VG WortLNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER