NewsÄrzteschaft„Es gibt einige Themen, bei denen es sinnvoll ist, wenn Brüssel sich ein­mischt“
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ärzteschaft

„Es gibt einige Themen, bei denen es sinnvoll ist, wenn Brüssel sich ein­mischt“

Donnerstag, 9. Mai 2019

Berlin – Am 26. Mai haben die Bürger in Deutschland die Chance, ein neues Europapar­lament zu wählen. Warum die Europäische Union und die Stimme der Ärzte auf europäi­scher Ebene so wichtig sind, sagt der neu gewählte Präsident des Ständigen Ausschusses der Ärzte der Europäischen Union, Frank Ulrich Montgomery.

Fünf Fragen an Frank Ulrich Montgomery, Präsi­dent der Bundes­ärzte­kammer sowie Präsident des Ständigen Ausschusses der Ärzte der Euro­päischen Union

DÄ: Sie sind seit dem 1. Januar Präsident des Ständigen Ausschusses der Ärzte der Europäischen Union (CPME). Warum braucht es ein solches Gremium?
Frank Ulrich Montgomery: Es wäre fatal, wenn wir ein so wichtiges Thema wie die gesundheitliche Versorgung den Konzernlobbyisten in Brüssel überlassen würden. Wir brauchen den CPME als Gegengewicht, das auf der europäischen Ebene den ärztlichen Sachverstand in die politische Diskussion einbringt und die Interessen der Ärzteschaft und der Patientinnen und Patienten vertritt.

DÄ: Wie schwierig ist es, bei 28 Mitgliedsorganisationen gegenüber der Politik mit einer Stimme zu sprechen? Zumal sich die Ärzteschaft dreier wichtiger Mitgliedstaaten, Italien, Portugal und Spanien, aus dem Gremium zurückgezogen hat.
Montgomery: Sagen wir so: Es ist eine Herausforderung. Aber ich sehe lebhafte Diskus­si­onen nicht als Ausdruck von Schwäche an. Die Gesundheitssysteme in Europa sind sehr unterschiedlich organisiert, stehen aber vor ähnlichen Herausforderungen. Da lohnt der Blick über den nationalen Horizont, weil man lernen kann, wie unsere Nachbarn Prob­leme wie den Ärztemangel oder den demografischen Wandel angehen. Daher wäre es auch eine Bereicherung, wenn wir Italien, Spanien und Portugal wieder als Mitglieder zurückgewinnen könnten. Immerhin bleibt die British Medical Association trotz des Brexits Mitglied im CPME.

DÄ: Welches sind mit Blick auf die Europawahl die dringlichsten gesundheitspolitischen Forderungen des CPME?
Montgomery: Für uns steht der Patientenschutz an erster Stelle. Ärztliche Leistungen dür­fen niemals einer rein marktwirtschaftlichen Logik untergeordnet werden. Ein weiteres zentrales Thema ist die Frage, wie wir die Chancen der Digitalisierung für die Forschung und Versorgung nutzen und gleichzeitig die Sicherheit der Daten gewährleisten können. Und wir brauchen eine europäische Strategie, um Antibiotikaresistenzen einzudämmen und Lieferengpässe für wichtige Arzneimittel zu vermeiden.

DÄ: Grundsätzlich ist die Gesundheitspolitik Sache der Mitgliedstaaten. Sie sind für die Organisation und Finanzierung ihrer Gesundheitssysteme verantwortlich. In welchen Be­rei­chen schaffen aus Ihrer Sicht europäische Regelungen einen Mehrwert?
Montgomery: Es gibt einige Themen, bei denen es sinnvoll ist, wenn Brüssel sich ein­mischt und gemeinsame Rahmenbedingungen schafft. Den Kampf gegen Antibiotikaresis­tenzen habe ich bereits genannt. Auch die Verbesserung der grenzüberschreitenden Mo­bi­lität für Ärzte und Patienten gehört dazu, ein leichterer Zugang zur medizinischen Ver­sorgung, die Förderung von Forschung und Innovation oder der Wissenstransfer zwischen den Mitgliedsstaaten. Das sind Felder, auf denen Europa seinen praktischen Nutzen für die Bürgerinnen und Bürger unter Beweis stellen kann und soll.

DÄ: Wo sind europäische Regelungen aus Ihrer Sicht eher schädlich?
Montgomery: Überall dort, wo Brüssel den Mitgliedsstaaten vorschreiben möchte, wie sie ihre Gesundheitssysteme organisieren sollen. Das gilt umso mehr, wenn es dabei offen­sichtlich nicht um das Wohl der Patienten geht. Initiativen wie der jüngste Vorstoß zur Vereinheitlichung der Nutzenbewertung bei Medizinprodukten oder die immer neuen Anläufe zur Deregulierung der freien Berufe dienen in erster Linie den Interessen der Wirtschaft. So wird es der EU sicher nicht gelingen, das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger zurückzugewinnen. © HK/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

20. Mai 2019
Berlin – Mehr als 50 Organisationen, Menschenrechtsinitiativen und Experten aus dem Gesundheitsbereich haben vor einer gezielten Angstmache durch die AfD vor der Europawahl gewarnt. Mit ihrem
Organisationen aus Gesundheitsbereich warnen vor Angstmache durch AfD vor Europawahl
16. Mai 2019
Brüssel – Der Kampf für den Klimaschutz sorgt im Wahlkampf für die Europwahl kommende Woche für Zündstoff. Die Grünen und Sozialdemokraten forderten bei einer Debatte der Spitzenkandidaten in Brüssel
Europawahl: Kandidaten streiten über Klimaschutz
10. Mai 2019
Sibiu/Berlin – Die zögerliche Haltung Deutschlands und anderer EU-Staaten beim Klimaschutz trifft auf scharfe Kritik. Nach dem EU-Gipfel in Sibiu warf das Umweltbündnis Climate Action Network den
Zögerlicher EU-Klimaschutz trifft auf scharfe Kritik
8. April 2019
Berlin – Die Europäische Union (EU) sollte sich weniger in die nationalen Gesundheitssysteme einmischen. Das fordern die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) in
Ärzte wünschen sich zur Europawahl weniger Einmischung
28. März 2019
Berlin – Der Europarat hat heute in Straßburg neue Leitlinien für den Umgang mit Gesundheitsdaten in den 47 Mitgliedsstaaten veröffentlicht. Ziel sei es, dafür zu sorgen, dass bei der
Europarat veröffentlicht neue Leitlinien für den Umgang mit Gesundheitsdaten
26. März 2019
Straßburg – Das EU-Parlament plädiert für eine Abschaffung der Zeitumstellung im Jahr 2021. Auf diese Position einigten sich die Abgeordneten heute in Straßburg. 410 Abgeordnete stimmten für eine
EU-Parlament will Zeitumstellung 2021 abschaffen
20. Februar 2019
Brüssel – Wer innerhalb der Europäischen Union (EU) in einem fremden Mitgliedstaat arbeitet oder etwa auf Reisen fern der Heimat ungeplant eine medizinische Behandlung benötigt, soll künftig einfacher
LNS

Fachgebiet

Anzeige

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER