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Politik

Weiterhin verbotene Einflussnahme auf Ärzte

Montag, 6. Mai 2019

/megaflopp, stockadobecom

Hamburg – Eigentlich hatte der Gesetzgeber die Codierberatung niedergelassener Ärzte durch die Krankenkassen verboten. Doch offenbar halten sich nicht alle Krankenkassen daran, wie eine Stichprobe zeigt, die das Wissenschaftliche Institut für Gesundheits­öko­nomie und Gesundheitssystemforschung (WIG-2-Institut) erhoben hat und die dem Deutschen Ärzteblatt vorliegt. Auftraggeber war die Techniker Krankenkasse.

In der Stichprobe gaben 19,4 Prozent der befragten Ärzte an, seit Januar 2018 wegen ei­ner Codierberatung von Krankenkassen kontaktiert worden zu sein. Bei einer Grundge­samtheit von 53.913 Ärzten könne vermutet werden, dass zwischen 16,4 Prozent und 22,7 Prozent der Ärzte in Deutschland seit 2018 eine rechtlich unzulässige Codierbera­tung erhalten hätten, rechnen die Wissenschaftler vor.

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In der Erstbefragung des WIG-2-Instituts aus dem Jahr 2017 hatten noch 82 Prozent der befrag­ten Ärzte erklärt, seit Einführung des morbiditätsorientierten Risikostrukturaus­gleichs (Morbi-RSA), der die Verteilung der Gelder aus dem Gesundheitsfonds an die Kassen regelt, eine Codierberatung erhalten zu haben.

Wie das WIG im aktuellen Report für 2018 weiter schreibt, wurden 40 Prozent der be­troffenen Befragten persönlich für eine Codierberatung kontaktiert. 31,7 Prozent nannten eine telefonische Codierberatung und 36,7 Prozent sprachen von Einflussnahme über die Praxissoftware. 19,2 Prozent erhielten Anfragen zur nachträglichen Diagnoseübermitt­lung nach erfolgten Wirtschaftlichkeitsprüfungen durch die Krankenkassen.

Auffällig sei, dass der Anteil der Ärzte, der durch informationstechnische Systeme und Praxissoft­ware Vorschläge zur Diagnosecodierung erhalten habe, vor April 2017 bei 17 Prozent, nach April 2017 bei 28 Prozent und nach 2018 bei 36,7 Prozent gelegen habe, heißt es in der Analy­se der Befragung. „Offenbar nimmt die relative Bedeutung der Codier­­beratung mittels informationstechnischer Systeme und Praxissoftware zu“, schreiben die Autoren.

Der Fokus der Codierberatungen seit 2018 lag laut Report bei Krankheiten des Kreislauf­systems (I00-I99). 65 Prozent der Betroffenen erklärten, deswegen kontaktiert worden zu sein. Darüber hinaus wurde besonders häufig bezüglich Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E99; 49,2 Prozent), Krankheiten des Atmungssystems (J00-J99; 42,5 Prozent) sowie Psychischen und Verhaltensstörungen (F00-F99; 37,5 Prozent) beraten. 33,33 Prozent gaben an, zu chronischen Schmerzen (R52.1-R52.2) Diagnose­codierungen vorgeschlagen bekommen zu haben.

Für die Stichprobe hat das Institut bundesweit 618 Arztpraxen (492 Allgemeinmediziner und 126 Innere Mediziner ohne Schwerpunkt) befragt. Die Auswahl fand über eine regio­nal quotierte Zufallsauswahl statt, wie die Forscher schreiben. Das hat allerdings zur Folge, dass teils sehr kleine Zahlen entstanden. So wurden etwa in Bremen lediglich fünf Ärzte befragt, im Saarland acht und in Mecklenburg-Vorpommern zwölf. Die meisten Be­fragten arbeiteten in Bayern (106), Baden-Württemberg (82) und Nordrhein (73).

Alles in allem gehen die Autoren des Berichts davon aus, dass es sich bei den Angeboten zur Codierberatung nicht um ein lokales Phänomen handelt. Vielmehr würden „in allen KV-Regionen regelhaft Ärzte von Krankenkassen zur Diagnosestellung beraten“, schreiben die Wissenschaftler.

Zusammenfassend lasse sich feststellen, dass „auch mehr als zwei Jahre nach einer deutlichen Verschärfung des Rechtsrahmens und einer Intensivierung der Aufsichtstätig­keit (...) die bekannten Instrumente zur Codierberatung durch Kranken­kassen weit ver­breitet seien“. Der Gesetzgeber hatte bereits im Heil- und Hilfsmittelgesetz (HHVG) im April 2017 unmissver­ständlich klarsgestellt, dass Codierberatungen unzulässig sind. Auch das Bundesver­sicherungs­amt (BVA) hatte immer wieder darauf hingewiesen.

Der morbiditätsorientierte Risiko­struk­tur­aus­gleich (Morbi-RSA) regelt den Finanzaus­gleich zwischen den Krankenkassen, um die unterschiedlichen Kosten für die Versicher­ten je nach Alter und Geschlecht genauer abzubilden. Seit 2009 wird die Verteilung der Gelder aus dem Gesundheitsfonds zusätz­lich anhand von 80 ausgewählten Krankheiten berücksichtigt (Morbi-RSA). Je älter und kränker die Versicherten sind, umso höher fallen die Zuweisungen des Fonds an die Krankenkassen aus, um deren Ausgaben decken zu können. Bei einer „passenden“ Diagnose können Krankenkassen mehr Geld erhalten.

© may/aerzteblatt.de

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