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Medizin

Weltweit trinken immer mehr Menschen immer mehr Alkohol

Mittwoch, 8. Mai 2019

/master1305, stockadobecom

Dresden – Wie schädlich Alkohol für die Gesundheit sein kann, ist seit vielen Jahren be­kannt. Dennoch wird weltweit immer mehr getrunken, wie eine internationale Studie in The Lancet (2019; doi: 10.1016/S0140-6736(18)32744-2) zeigt. Auf Ebene der Weltbevöl­kerung ist der Alkoholkonsum von 1990 bis 2017 signifikant gestiegen – von 5,9 auf 6,5 Liter pro Jahr. Und der Konsum dürfte in den kommenden Jahren noch weiter steigen. Bis 2030 soll sich der globale Pro-Kopf-Verbrauch auf 7,6 Liter erhöhen.

Ursachen sind den Studienautoren um Jakob Manthey vom Institut für Klinische Psycholo­gie und Psychotherapie (IKPP) der TU Dresden zufolge zum einen der Bevölkerungszu­wachs und zum anderen der stärkere Konsum pro Kopf. Seit 1990 wuchs das Volumen des konsumierten Alkohols, auch durch das Bevölkerungswachstum, um 70 %.

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Allerdings gab es dahingehend große regionale Unterschiede. Während das osteuropäi­sche Moldawien 2017 den höchsten Konsum an reinem Alkohol aufwies: 15 Liter Alkohol pro Mensch von 15 bis 99 Jahren, waren es im überwiegend muslimischen Kuwait weni­ger als 0,005 Liter.

In Deutschland stagnierten oder sanken die Zahlen laut Studie indes – ebenso wie in anderen Ländern mit hohem Einkommen: So wurden 1990 hierzulande noch 16,32 Liter reinen Alkohols getrunken, 2010 waren es 12,95 Liter. 2017 folgte eine leichte Steige­rung auf 13,05 Liter. Für 2030 prognostizieren die Wissenschaftler jedoch einen Konsum von 11,63 Litern.

Laut Welt­gesund­heits­organi­sation WHO ging 2016 jeder 20. Todesfall weltweit direkt oder indirekt auf Alkohol zurück. Entsprechend war das Ziel, den missbräuchlichen Alko­hol­konsum von 2018 bis 2025 um 10 % zu senken – ein Ziel, das den Studienautoren zufolge vermutlich verfehlt wird.

„Stattdessen wird Alkohol einer der Hauptrisikofaktoren für vorhersehbare Krankheiten bleiben und seine Auswirkungen werden sich wahrscheinlich relativ zu anderen Risiko­faktoren erhöhen“, erklärte Manthey in einer zur Studie veröffentlichten Mitteilung.

Für die Untersuchung analysierte das Forscherteam um Manthey Daten zum Alkoholkon­sum von Menschen von 15 bis 99 Jahren aus 189 Ländern für die Jahre 1990, 2010 und 2017 und prognostizierte daraus zudem die Entwicklung für das Jahr 2030. Die Wissen­schaftler stellten fest, dass 2017 in nordafrikanischen Ländern sowie Ländern des Nahen Ostens am wenigsten getrunken wurde, während es in Zentral- und Osteuropa am meis­ten war. Der höchste Anstieg seit 2010 aber wurde mit 34 % im wirtschaftlich aufstreben­den Südostasien beobachtet.

Die unterschiedlichen Zahlen und Entwicklungen führen die Wissenschaftler auf Faktoren wie Religion, Gesundheitspolitik und Wirtschaftswachstum zurück. Vor allem das ökono­mi­sche Wachstum scheint sich hierbei auszuwirken, wie die Beispiele China und Indien zeigen, wo sich der Alkoholkonsum zwischen 1990 und 2017 jeweils fast oder mehr als verdoppelt hat.

„Unsere Studie bietet einen umfassenden Überblick über die sich verändernde Landschaft des weltweiten Alkoholkonsums“, fasst Psychologe Manthey zusammen. „Vor 1990 wurde der meiste Alkohol in Ländern mit hohem Einkommen konsumiert – mit den höchsten Leveln in Europa. Dieses Muster hat sich jedoch deutlich verändert mit starken Reduzie­run­gen in Osteuropa und gewaltigen Zuwächsen in mehreren Ländern mit mittlerem Ein­kommen wie China, Indien und Vietnam.“ Dieser Trend werde sich voraussichtlich bis 2030 fortsetzen, sodass Europa dann nicht mehr den höchsten Alkoholkonsum haben werde, so Manthey weiter.

Eine weitere Beobachtung der Studie: Die Zahl der lebenslangen Abstinenzler blieb glo­bal ungefähr stabil (1990: 46 %, 2017: 43 %), ebenso wie die der heftigen Trinker (1990: 18,5 %, 2017: 20 %). Die Forscher schätzen, dass sich diese Daten kaum verändern wer­den, allerdings werde die Menge des konsumierten Alkohols stärker als die Zahl der Trin­ker wachsen – mit entsprechenden gesundheitlichen Folgen.

In einem Kommentar zu der Studie, der ebenfalls in The Lancet veröffentlicht wurde, ra­ten die Suchtmediziner Sarah Callinan von der australischen La Trobe Universität und Michael Livingston vom Karolinska Institut in Stockholm zur Vorsicht bei der Interpreta­tion der Studienergebnisse. Exakte Prognosen zu Alkoholkonsum und Wirtschaftswachs­tum seien immer schwierig.

Nichtsdestotrotz sollten gerade Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen ihre Suchtmittelpolitik anpassen, da eben hier damit zu rechnen sei, dass die Menschen künf­tig mehr trinken. Beispiele aus Ländern mit hohem Einkommen hätten gezeigt, dass etwa höhere Preise oder eine Einschränkung der Verfügbarkeit effektiv sein könnten, schreiben Callinan und Livingston. Gleichzeitig seien Werbeverbote oder Restriktionen sinnvolle Maßnahmen – auch gegen den Widerstand der Industrie. © nec/dpa/aerzteblatt.de

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 8. Mai 2019, 21:03

Hypothese fällt in sich zusammen!

"Global alcohol exposure between 1990 and 2017 and forecasts until 2030: a modelling study" von Jakob Manthey et al.
https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(18)32744-2/fulltext
beobachtete in einem Zeitraum von Anfang 1990 bis Ende 2017 über 28 Jahre einen Anstieg des Alkoholkonsums der Weltbevölkerung um 70 Prozent. Das sind pro Jahr 2,5 Prozent.

1990 betrug die Zahl der Weltbevölkerung gerundet 5,3 Milliarden Menschen, davon 2,67 Milliarden Männer und 2,63 Milliarden Frauen (Nach UN Population Database,
World Population Prospects, the 2010 Revision).

2017 betrug die Zahl der Weltbevölkerung gerundet 7,435 Milliarden Menschen, davon 3,75 Milliarden Männer und 3,686 Milliarden Frauen.

Laut "UN World Population Prospects, the 2015 Revision" lag die Weltbevölkerung
1990 bei 5,31 Milliarden Menschen und 2017 bei 2017 bei 7,515 Milliarden Menschen.

Das allein bedeutet auf Grund der aktualisierten Zahlen einen Anstieg von 41,5 Prozent bei der Weltbevölkerung.

Die weltweite Lebenserwartung stieg im Zeitraum von 1990-1995 von durchschnittlich 64,5 Jahren auf 70,8 Jahre im Zeitraum 2010-2015
Quelle: Durchschnittlichen Lebenserwartung in 176 Ländern mit mindestens 90.000 Einwohnern über mehrere Zeiträume im Zehn-Jahres-Rhythmus (World Population Prospects der Vereinten Nationen).

Eine weitere Quelle gibt einen Anstieg der globalen durchschnittlichen Lebenserwartung von 64 bis 72 Lebensjahren im Zeitraum von 1990 bis 2016 an.
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/227318/umfrage/weltweite-lebenserwartung-bei-geburt-nach-geschlecht/

Dies würde bis Ende 2017 einen Zuwachs an Lebenserwartung von geschätzt 13 Prozent bedeuteten.

Wie soll dann angeblich weltweit immer mehr Alkohol getrunken werden, so das Ergebnis einer internationalen Studie im Fachblatt „The Lancet“ (8. Mai online, doi: 10.1016/ S0140-6736(18)32744-2)?

Wenn allein der Anstieg potenzieller Alkohol-Konsumenten im Untersuchungszeitraum von 1990 bis 2017 bzw. zusätzlich die Erhöhung ihrer Lebenserwartung im selben Zeitraum insgesamt 54 Prozent betragen hat.

Die zur Übertreibung neigende, dramatisierende Hypothese, dass in einem Zeitraum von Anfang 1990 bis Ende 2017 über 28 Jahre ein Anstieg des Alkoholkonsums der Weltbevölkerung um 70 Prozent zu beobachten sei, fällt wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Als „worst-case-scenario“ bleibt ein jährlicher Anstieg des weltweiten Alkoholkonsums von 0,57 Prozent pro Jahr übrig.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

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