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Medizin

Stuhltransplantation macht Ratten anfällig für Depressionen

Mittwoch, 8. Mai 2019

/Kirill Kurashov, stockadobecom

Philadelphia – Stress kann nicht nur auf den Darm schlagen, die Zusammensetzung der Darmflora kann auch darüber entscheiden, wie gut Stress verarbeitet wird. In tierexperimentellen Studien in Molecular Psychiatry (2019; doi: 10.1038/s41380-019-0380-x) wurde die Anfälligkeit für sozialen Stress durch eine Stuhltransplantation auf gesunde Ratten übertragen.

Wissenschaftler vermuten seit Längerem, dass Gehirn und Darm sich gegenseitig beeinflussen. So kommt es bei verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen zu einer Veränderung der Darmflora. Ein Team um Seema Bhatnagar vom Children's Hospital of Philadelphia hat jetzt an Ratten untersucht, ob die Darmflora auch die Anfälligkeit auf psychiatrische Erkrankungen beeinflusst. Als Modell diente ihnen die Stressresilienz von Ratten. In einem Test mussten sich die Tiere in einem Käfig gegen mögliche Konkurrenten durchsetzen, in einem anderen Test wurden sie einem drohenden Ertrinken ausgesetzt. Ratten reagieren auf diese Situation unterschiedlich. Einige ziehen sich kampflos in die Ecke zurück oder meiden beim Schwimmtest unnötige Bewegungen, andere geben sich kämpferisch oder wehren sich gegen das drohende Ertrinken.

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Die Forscher untersuchten nach den Experimenten die Stuhlproben der aktiv und passiv auf Stress reagierenden Tiere mit einer dritten Gruppe von Ratten, die nicht am Stresstest teilgenommen hatte. Sie stellten fest, dass die passiv reagierenden Ratten einen höheren Anteil bestimmter Bakterien wie Clostridien hatten als die anderen Gruppen.

Dann führten die Forscher Stuhltransplantationen der 3 Gruppen auf eine vierte Gruppe von nicht stressbelasteten Tieren durch. Sie stellten fest, dass die Übertragung der Darmflora die Stressresistenz der Tiere beeinflusste. Ratten, die Transplantate von anfälligen Ratten erhalten hatten, nahmen deren eher depressives Verhalten an, wenn sie in eine schwierige Lage gebracht wurden. Ratten, die Transplantate von resilienten Tieren oder nicht gestressten Tieren erhalten hatten, zeigten dagegen keine Verhaltensänderungen. Die Verhaltensänderungen waren auf eine vermehrte Depressivität der Tiere beschränkt. Angstreaktionen traten nicht vermehrt auf.

Auch im Gehirn der Tiere kam es zu Veränderungen. Nach der Stuhltransplantation kam es zu einer Zunahme der Mikrogliazellen, die als Teil des Immunsystems gelten, und im ventralen Hippocampus war die Expression von Interleukin 1beta, einem Zytokin von Entzündungsreaktionen, erhöht.

Bhatnagar vermutet, dass die Verbindung zwischen Darm und Gehirn über das Immun­system vermittelt wird. Der Wechsel der Darmflora könnte zu einer Stimulierung der Abwehrzellen führen, die dann auch im Gehirn vermehrt aktiv sind. Warum sich dies auf die Depressivität, nicht aber auf die Ängstlichkeit auswirkt, kann die Forscherin nicht klären. Offen bleibt auch, inwiefern die Ergebnisse an Ratten im Labor auf die Lebenswirklichkeit von Menschen übertragbar sind.

© rme/aerzteblatt.de

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