NewsPolitikPolitik will Antibiotika­produktion nach Europa zurückholen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Politik will Antibiotika­produktion nach Europa zurückholen

Donnerstag, 9. Mai 2019

/Avatar_023, stockadobecom

Berlin – Vertreter von Politik und Arzneimittelindustrie sprechen derzeit darüber, wie die Produktion von Arzneimitteln, insbesondere von Antibiotika, wieder nach Europa zurück­geholt werden kann. „Das ist ein Thema des Pharmadialogs, den wir zurzeit führen“, sagte der Arzneimittelexperte der Unionsfraktion im Bundestag, Michael Hennrich, kürzlich auf dem Parlamentarischen Frühlingsfest von Pro Generika in Berlin.

Es lägen derzeit drei bis vier konkrete Lösungsmöglichkeiten auf dem Tisch, wie eine Rückverlagerung der Antibiotikaproduktion finanziert werden könnte. „Da sind wir noch in der Meinungs­bildungsphase“, so Hennrich. In jedem Fall mache es Sinn, sich dabei in der Europäischen Union abzusprechen. Erst, wenn auf europäischer Ebene nichts passie­re, könne man über einen nationalen Alleingang nachdenken.

Anzeige

Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende von Pro Generika, Christoph Stoller, erklärte, dass 1990 noch 80 Prozent der Wirkstoffe in Europa produziert worden seien. Heute seien es nur noch 20 Prozent. „Die Produktion nach Europa oder nach Deutschland zurückzu­ho­len, ist natürlich denkbar“, erklärte er. „Die Frage ist: Was ist uns eine sichere Arznei­mittel­­versorgung wert?“

Stoller zitierte den Präsidenten des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), Karl Broich, mit den Worten: Wenn es in Asien eine große Umweltkatastrophe gäbe, die die Produktion von Arzneimittelwirkstoffen beeinflusse, stürben drei Monate später die ersten Patienten in Deutschland.

Kontrollen in den Herkunftsländern verbessern

Im vergangenen Jahr wurden Verunreinigungen verschiedener Chargen des Wirkstoffs Val­sartan entdeckt, der in einer chinesischen Anlage produziert worden war. Derzeit be­findet sich das Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung (GSAV) im parla­mentarischen Prozess, in dem unter anderem durch verstärkte Befugnisse des BfArM auf den Valsartanskandal reagiert werden soll.

Kordula Schulz-Asche (Grüne) schlug vor, die Kontrollen in den Her­stellungs­ländern aus­zuweiten. „Die Frage ist, ob die Produktionsbedingungen in Asien unseren Ansprüchen genügen“, sagte sie. „Bei den Antibiotika ist das heute teilweise nicht so. Deshalb sollten in den Herstellungsländern Mitarbeiter des BfArM und des Paul-Ehrlich-Instituts die Kontrollen begleiten oder selbst durchführen können.“

Um die Gefahr von Lieferengpässen durch den Ausfall von Rohstoffen für Fertigarznei­mittel zu reduzieren, forderte Stoller eine Reform der Rabattvertragsregelung. „Kranken­kassen sollten keine Rabattverträge exklusiv mit einem einzigen Hersteller mehr ab­schlie­ßen dürfen“ sagte er. „Künftig sollten nur die Hersteller berücksichtigt werden dür­fen, die mindestens drei verschiedene Wirkstoffquellen haben beziehungsweise ihre Wirkstoffe aus Europa beziehen.“

Im ursprünglichen GSAV-Entwurf war vorgesehen, dass die pharmazeutischen Unterneh­men in Haftung genommen werden können, wenn sie ein Arzneimittel, für das sie einen Rabatt­vertrag abgeschlossen haben, nicht liefern können. Zwischenzeitlich wurde der Haftungsanspruch auf die Großhändler übertragen. Denn „einen Haftungsanspruch gegen den Hersteller zu bekommen, ist rechtlich nicht so einfach“, sagte Hennrich. Wenn es jedoch rechtssicher machbar sei, solle die Haftung wieder auf die Hersteller übertragen werden.

„Wenn im Vorhinein klar geregelt ist, wann ein Haftungsfall eintritt und es dabei nicht um Druckfehler auf der Packung geht, unterstützen wir dieses Vorhaben“, sagte Stoller. © fos/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

3. Juni 2020
Bristol − Die Bemühungen des National Health Service (NHS), den Einsatz von Antibiotika in der hausärztlichen Versorgung zu verringern, hat laut einer Studie in PLOS ONE (2020; DOI:
Großbritannien: Verminderte Antibiotikaverordnung senkt Häufigkeit bestimmter Resistenzen
2. Juni 2020
Genf – Laut der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) überwacht mittlerweile eine Rekordzahl von Ländern Antibiotikaresistenzen und erstattet darüber Bericht. Aus den von ihnen vorgelegten Daten geht
Antibiotikaresistenzen weltweit auf dem Vormarsch
29. Mai 2020
Berlin – Im Kampf gegen Antibiotikaresistenzen sollen interdisziplinäre Teams aus Ärzten und Apothekern an Krankenhäusern passende Strategien entwickeln. Das ist eine Empfehlung der Kommission
Neues RKI-Papier zu Antibiotikaeinsatz
18. Mai 2020
Mannheim – Die Herstellung von Wirkstoffen für Medikamente an wenigen Orten außerhalb Europas macht dem Gesundheitsdienstleister Phoenix zu schaffen. „Die Medikamentenverfügbarkeit beschäftigt uns
Phoenix sorgt sich um Verfügbarkeit von Arzneimitteln
18. Mai 2020
Hamburg – Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) bereitet sich wegen drohender Engpässe bei der Medikamentenversorgung in der Coronakrise auf die Eigenproduktion wichtiger Wirkstoffe vor.
UKE-Apotheke bereitet Herstellung von wichtigen Medikamenten vor
18. Mai 2020
Berlin − China hat angekündigt, im Falle einer erfolgreichen Impfstoffentwicklung gegen das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 das Mittel weltweit zur Verfügung zu stellen. Sollte China einen
China will möglichen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 weltweit zur Verfügung stellen
12. Mai 2020
Brüssel − Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn setzt auf finanzielle Anreize, um die Produktion wichtiger Arzneimittel zurück nach Europa zu holen. „Europa muss bei Arzneimitteln wieder
LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER