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Politik

Ethikrat schließt Keimbahneingriffe ethisch nicht grundsätzlich aus

Donnerstag, 9. Mai 2019

/vchalup, stockadobecom

Berlin – Der Deutsche Ethikrat hält die menschliche Keimbahn grundsätzlich nicht für unantastbar. Keimbahneingriffe seien perspektivisch ethisch nicht auszuschließen, kons­tatiert das interdisziplinär besetzte Gremium in seiner 230-seitigen Stellungnahme „Ein­griffe in die menschliche Keimbahn“, die es heute in Berlin der Öffentlichkeit vorstellte und Bun­des­for­schungs­minis­terin Anja Karliczek (CDU) übergab.

Derzeit seien Keimbahneingriffe allerdings wegen ihrer unabsehbaren Risiken ethisch unverantwortlich, betont der Ethikrat ebenso deutlich. Eingriffe in die menschliche Keim­bahn mit dem Ziel, geborene Menschen zu schaffen wie im Herbst in China geschehen , sind nach Auffassung des Rates ethisch in höchstem Maße unvertretbar.

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Einstimmig plädiert der Rat daher für ein momentanes Anwendungsmoratorium und fordert Bundesregierung und Bundestag auf, sich für eine diesbezügliche verbindliche internationale Vereinbarung einzusetzen. Zwingende Voraussetzungen für jegliche künftige Anwendung von Keimbahneingriffen seien ihre hinreichende Sicherheit und Wirksamkeit sowie die Etablierung angemessener Prozeduren und Begleitstrukturen, heißt es in der Stellungnahme.

Differenzierte Betrachtung

Diese betrachtet das Thema sehr differenziert: Angesichts der ungeheuren Dynamik der Entwicklung im Bereich des Genome Editings habe sich das Gremium mit seiner Stellung­nahme nicht auf eine Chancen-Risiken-Abwägung beschränken wollen, betonte der Vor­sitzende des Ethikrats, der Theologe Peter Dabrock von der Universität Erlangen-Nürn­berg.

Vielmehr wolle man die ethischen Orientierungsmaßstäbe offenlegen und die Vielfalt in der Deutung der ethischen Kriterien transparent benennen. „Die Stellungnahme bietet viel Futter für eine öffentliche Debatte“, sagte Dabrock. „Wir wollen für Aufmerksam­keit sorgen, damit Entwicklungen, die sich sonst nicht zurückdrehen lassen, noch mitgestaltet werden können.“

Einstimmig erneuert der Deutsche Ethikrat in diesem Zusammenhang seine Forderung nach einer breiten gesellschaftlichen Debatte, die er bereits in seiner Ad-hoc-Empfehlung von 2017 verankert hatte. Gleichzeitig empfiehlt er die Einrichtung einer internationalen Institution, die Standards für Keimbahneingriffe am Menschen erarbeitet und sich lösungs­orientiert mit deren medizinischen und gesellschaftlichen Implikationen beschäftigt.

Vielfach einstimmig

Angesichts seiner sehr heterogenen Besetzung gelang es dem Deutschen Ethikrat mit seiner aktuellen Stellungnahme, die Möglichkeiten, in das Genom menschlicher Embryo­nen oder Keimzellen einzugreifen, nicht nur ethisch sehr umfassend zu bewerten. Er er­zielte auch in vielen Punkten einstimmigen Konsens. Bei seiner heute vorgelegten Analyse wendet er acht ethische Orientierungsmaßstäbe an: Menschenwürde; Lebens- und Integritätsschutz, Freiheit, Natürlichkeit, Schädigungsvermeidung und Wohltätigkeit, Gerechtigkeit, Solidarität und Verantwortung.

In Bezug setzt er diese auf einen möglicherweise notwendigen weiteren Forschungs­prozess sowie auf drei mögliche Einsatzgebiete von Keimbahn­eingriffen: die Vermeidung schwerer erblicher Erkrankungen, die durch die Veränderung eines einzelnen Gens verursacht werden, die Verringerung multifaktorieller Erkrankungs­risiken und die gezielte Verbesserung menschlicher Eigenschaften und Fähigkeiten (Enhancement). Diese Anwen­dungsszenarien nehmen dabei auch Möglichkeiten in den Blick, die derzeit in Deutsch­land verboten sind, wie beispielsweise die verbrauchende Forschung an menschlichen Embryonen.

Klare gemeinsame Position

„Dem Rat ist es gelungen, auf der Grundlage der Orientierungsmaßstäbe zu den ‚großen‘ Fragen, die gegenwärtig auch auf der Weltbühne in Bezug auf Keimbahneingriffe verhan­delt werden, eine klare, gemeinsame Position zu erarbeiten“, betonte Alena Buyx, Spre­che­rin der Arbeitsgruppe „Eingriffe in die menschliche Keimbahn“.

Zu diesen einstimmigen Positionen gehören neben dem Ausschluss einer kategorischen Unantast­barkeit der menschlichen Keimbahn unter anderem auch die Förderung der Weiter­entwicklung der Technik durch Grundlagenforschung ohne Rückgriff auf menschli­che Embryonen in vitro, eine ausreichende Sicherheit und Wirksamkeit zukünftiger Ein­griffe als unbedingte Voraussetzung für ihre Anwendung sowie die Forderung nach einem internationalen Moratorium für die klinische Anwendung von Keimbahneingriffen beim Menschen.

„Deutschland kann hier eine wichtige Rolle dabei übernehmen, die Thematik von Geno­me Editing und Keimbahneingriffen auf der höchsten Ebene der Weltgemeinschaft zu verankern“, sagte Buyx. Bezüglich der Einrichtung einer internationalen Institution, die Standards für Keimbahneingriffe erarbeitet, könne auf sich bereits in Entwicklung befind­liche Initiativen aufgesattelt werden, erklärte die Medizinethikerin der TU München, die zugleich Mitglied des Advisory Committee für Genome Editing bei der WHO ist.

„Bei aller Einigkeit in diesen zentralen Dingen hatten wir im Rat an vielen Stellen Kon­flik­te und Kontroversen“, räumte Buyx ein. Aus dieser Pluralität, die bei den 30 Tagungen der Arbeitsgruppe seit Herbst 2017 deutlich wurde, habe man aber ganz explizit eine Tugend gemacht. Denn in der Stellungnahme könnten die Dissenspunkte genau nachvoll­zo­gen werden, letztlich ein Alleinstellungsmerkmal des Papiers.

„Transparenz schafft Vertrauen“, ist Buyx überzeugt. „Wir haben bei der Diskussion der ethischen Orientierungsmaßstäbe nachgezeichnet, wo in deren Interpretation Konflikte und Kontroversen bestehen und offengelegt, was aus den Orientierungsmaßstäben in ihrer Anwendung abzuleiten ist“, erläuterte sie.

Nutzen wird unterschiedich bewertet

So halten zum Beispiel nicht alle Ratsmitglieder Keimbahneingriffe überhaupt für sinn­voll. Für einige lassen sie keinen ausreichend hochrangigen Nutzen erkennen, der ihre potenziellen Nachteile rechtfertigen könnte.

Andreas Lob-Hüdepohl, katholischer Theo­loge und stellvertretender Sprecher der Arbeits­gruppe, erläuterte den scheinbaren Wider­spruch zwischen Konsens und Kontro­verse näher: Zwar sei man zu dem einstimmigen Votum gekommen, dass die menschliche Keimbahn keinesfalls sakrosankt sei. Dennoch sei für eine kleine Minderheit im Rat, zu der er gehöre, das Ziel von Keimbahneingriffen zwar legitim, aber nicht hochrangig genug, die Risiken für die Kinder und Kindeskinder zu legitimieren.

„Die Komplexität genetischer und epigenetischer Prozesse lässt eine Minimierung der Risiken auf ein vertretbares Maß nicht erwarten“, meinte Lob-Hüdepohl. Zudem gebe es aufwandsärmere Instrumente, genetisch belasteten Paaren die Chance auf ein gesundes Kind zu eröffnen. Auch die Vermeidung von Erkrankungen, wie etwa der Mukoviszidose, ließe sich aufwands- und risikoärmer erreichen.

„Wir wollen aber nicht in solchen Kontro­versen stecken bleiben“, sagte er. Dringend sei es jetzt, den ethischen und rechtlichen Rahmen in einer breiten öffentlichen Debatte zu ermitteln. Zur Unterstützung der Debatte habe man die möglichen Entscheidungspfade und ihre Konsequenzen in einem Entscheidungsbaum visualisiert. © ER/aerzteblatt.de

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