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Medizin

Mukoviszidose: Bakteriophagen­cocktail drängte resistente Mykobakterien zurück

Donnerstag, 9. Mai 2019

/Juan Gärtner, stockadobecom

London – Ein Teenager mit Mukoviszidose hat eine schwere Infektion mit Mycobacterium abscessus dank einer Behandlung mit einem Cocktail von teilweise gentechnisch modifizierten Bakteriophagen überlebt. Der in Nature Medicine (2019; doi: 10.1038/s41591-019-0437-z) vorgestellte Fallbericht zeigt, wie eine lange vernachlässigte Therapie aussehen könnte.

Bakteriophagen sind Viren, die Bakterien infizieren und zerstören können. Die „Bakterien­fresser“ wurden vor 100 Jahren entdeckt und als Mittel gegen bakterielle Infektionen eingesetzt. Die Behandlung wurde jedoch mit der Entdeckung der Antibiotika (außer in der Sowjetunion und Nazideutschland) aufgegeben. Erst zu Beginn des Jahrhunderts wurde die Therapie von der westlichen Welt wieder entdeckt, wobei die zunehmenden Antibiotika­resistenzen eine wichtige Motivation sind. Verschiedene Firmen arbeiten derzeit an der Entwicklung von Phagenmedikamenten und der Pharmakonzern Johnson & Johnson hat kürzlich 2 Firmen aufgekauft, darunter Locus Biosciences für 818 Millionen US-Dollar.

Wie eine Behandlung mit Phagen aussehen könnte, zeigt der Fall einer 15-jährigen Patientin, die am Great Ormond Street Hospital in London behandelt wurde. Das Mädchen litt an einer Mukoviszidose und hatte, nachdem die Lungenfunktion auf ein Drittel der Normalwerte abgefallen war, neue Lungen erhalten. Die Transplantation beseitigte die Krankheitsursache in der Lunge. Sie schaffte jedoch neue Probleme.

Die nach der Operation notwendige Immunsuppression erhöht das Infektionsrisiko. Der Teenager hatte vor der Transplantation an chronischen Infektionen mit resistenten Bakterien gelitten (die ihre Lungen zerstört und die Transplantation erforderlich gemacht hatten). Einer der Erreger, Mycobacterium abscessus, hatte nach der Transplantation die Wundnähte infiziert. Neben einer Knocheninfektion im Sternum hatten die Ärzte in der Positronen-Emissions-Tomografie (PET) auch einen Leberherd entdeckt. Die antibiotische Behandlung blieb erfolglos und in den folgenden Monaten bildeten sich 20 zusätzliche Hautknoten an Armen, Beinen und Gesäß.

Das Ärzteteam um Helen Spencer nahm daraufhin Kontakt zu Graham Hatfull auf, der an der Universität von Pittsburgh Phagen erforscht und in den letzten Jahren die weltweit größte Sammlung von Phagen angelegt hatte. Die Forscher testeten die Phagen im Labor auf ihre Fähigkeit, Mycobacterium abscessus zu infizieren und zu zerstören. Sie fanden 3 Phagen, „Muddy“, „ZoeJ“ und „BPs“, von denen allerdings nur eine Phage, „Muddy“, die Mykobakterien nach der Infektion auch zerstörte. Da die Genome der Phagen bekannt sind, konnten die Forscher sie genetisch so modifizieren, dass sie am Ende ebenfalls in der Lage waren, die Bakterien zu zerstören.

Die Phagen wurden im Labor vermehrt und nach London geschickt. Im Juni 2018 erhielt die Patientin ihre erste intravenöse Infektion mit einem Cocktail der 3 Phagen (nachdem vorher ein Hauttest gezeigt hatte, dass keine allergischen Reaktionen zu erwarten sind). Die Infusionen wurden in den nächsten 32 Wochen 2-mal täglich wiederholt. Die Operationswunde am Sternum wurde später auch topisch mit den Bakteriophagen behandelt.

Eine erneute PET zeigte 4 Wochen nach Behandlungsbeginn, dass sich der Leberherd zurückgebildet hatte. Im Sternum und in den Hautläsionen war allerdings noch eine Krankheitsaktivität erkennbar. Im Serum und im Sputum ist M. abscessus laut den behandelnden Ärzten nicht mehr vorhanden. Aus Abstrichen der Hautläsionen konnte der Erreger zuletzt aber noch angezüchtet werden. Bis auf 2 haben sich alle Hautläsionen zurückgebildet. Die Infektion ist noch nicht ausgeheilt. Die Forscher wollen die Behandlung um eine vierte Phagenart erweitern.

Abgesehen von einem Schweißausbruch (ohne Fieber) in den ersten beiden Tagen blieb die Phagentherapie weitgehend ohne Nebenwirkungen. Ohne die Behandlung hätte die Patientin die Infektion nach Einschätzung der Ärzte nicht überlebt. Ein zweiter Teenager, der ebenfalls behandelt werden sollte, verstarb, bevor die US-Forscher geeignete Phagen für die Behandlung gefunden hatten.

Vor 2 Jahren berichteten Ärzte aus San Diego, Kalifornien, über die erfolgreiche Behandlung eines 68-jährigen Patienten, der unter einer nekrotisierenden Pankreatitis mit antibiotika­resistenten Acinetobacter baumannii litt. Nach dem Bericht in Antimicrobial Agents and Chemotherapy (2017; 61; e00954-17) konnte die Infektion durch eine intravenöse und perkutane (Instillation in die Abszesshöhle) Phagentherapie zurückgedrängt werden. © rme/aerzteblatt.de

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