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Politik

Drängen auf schnelle Umsetzung der Kryokonservierung für junge Krebspatienten

Freitag, 10. Mai 2019

/dpa

Berlin – Junge Patienten mit Krebs müssen für fruchtbarkeitserhaltende Maßnahmen wie die Kryokonservierung von Eizellen, Ovarialgewebe oder Samenzellen nicht mehr selbst bezahlen. Mit dem Inkrafttreten des Terminservice- und Versorgungs­gesetzes (TSVG) sind diese für die Betroffenen oft schwer zu stemmenden Kosten in die Leistungspflicht der gesetzlichen Krankenkassen gefallen.

Auf einer Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) und der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs (DSfjEmK) wurde betont, dass der G-BA nun schnellstmöglich eine Richtlinie für die Durchführung der Gesetzesregelung erarbeiten und festschreiben müsse.

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Ansonsten könnten in der kommenden Zeit besondere Härten entstehen, wenn trotz der erfolgten gesetzlichen Regelung, aber wegen der fehlenden Richtlinie Patienten trotzdem noch die Kosten der Fruchtbarkeitserhaltung selbst tragen müssten, warnte Diana Lüft­ner, Vorstand der DSfjEmK und Mitglied im Vorstand der DGHO. Die Krankenkassen müssten jetzt auf Antrag positive Einzelfallentscheidungen treffen, forderte sie.

„80 Prozent der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Krebs können heute geheilt werden“, sagte Mathias Freund, Vorsitzender des Kuratoriums der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs und Mitglied im Beirat der DGHO. Langfristiges Opfer von Erkrankung, Chemo- und Strahlentherapie ist aber oft die Fruchtbarkeit. „Deshalb stellen sich heute Fragen, die sich früher gar nicht gestellt hätten“, so der Onkologe.

Hohe Kosten

Maßnahmen zum Fruchtbarkeitserhalt mussten die Betroffenen bislang selbst bezahlen. Für die Kryokonservierung von Eizellen fallen dabei Kosten in Höhe von bis zu 4.300 Euro im ersten Jahr an, die Konservierung von Eierstockgewebe schlägt mit bis zu 2.300 Euro zu Buche. Für Männer ist der Fruchtbarkeitserhalt etwas erschwinglicher, das Einfrieren von Samenzellen kostet etwa 500 Euro. Aber ebenso wie die Frauen müssen sie dauerhaft mit Lagerungskosten von circa 300 Euro im Jahr rechnen.

So folgte für junge Krebspatienten in der Vergangenheit oft Schock auf Schock: Erst die Diagnose Krebs, dann die Information, dass der Verlust der Fruchtbarkeit droht und dann die Herausforderung, innerhalb kürzester Zeit die Mittel für die fruchtbarkeitserhaltenden Maßnahmen aufzutreiben.

„Vielen jungen Krebspatientinnen und -patienten wurde damit die Chance auf eigene Kinder genommen, weil ihnen oder ihren Familien schlicht das Geld dafür fehlte“, kriti­sierte Lüftner. „Mit dem Inkrafttreten des Terminservice- und Versorgungsgesetzes wird diese Ungerechtigkeit nun endlich beseitigt“, ergänzte die Oberärztin an der Medizini­schen Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie und Onkologie an der Charité – Universitäts­medizin Berlin.

Die Initiative der betroffenen Patienten sei ein Hauptmotor gewesen, der diese gesetzli­che Regelung herbeigeführt habe, sagte Florian Weißinger, Mitglied im Vorstand der DGHO und Chefarzt der Klinik für Innere Medizin, Hämatologie/Onkologie und Palliativ­medizin am Evangelischen Krankenhaus Bielefeld.

Welche Bedeutung die neue gesetzliche Regelung hat, machten betroffene Patienten vor Ort deutlich: „Der Erhalt der Fruchtbarkeit ist ein Problem für das Leben danach“, sagte Claudia Liane, die 2015 an Darmkrebs erkrankte. „Nach der Diagnose Krebs zählen nur die nächsten 24 Stunden. Deshalb ist es gut, dass diese Maßnahmen nun als Regelleis­tung angeboten werden, in einer Situation, in der die Patienten darüber kaum nachden­ken können.“

„Es gibt einem Hoffnung für die Zukunft, dass das Leben nach der Krebsbehandlung weitergehen wird“, berichtete Lena, die ebenfalls 2015 an einem Hodgkin-Lymphom erkrankte. Und Gerrit, der Lymphdrüsenkrebs überlebt hat, ergänzte, dass es gut sei, dass man nun nicht mehr Familie und Freunde anpumpen müsse, um die Kosten für die fruchtbarkeitserhaltenden Maßnahmen tragen zu können. „Schön, dass die jetzt kommenden Patienten sich darüber jetzt keine Sorgen mehr machen müssen“, schloss Sebastian, der ebenfalls gegen Lymphdrüsenkrebs ankämpfen musste.

Claudia, Lena, Gerrit und Sebastian sind vier von insgesamt über 750 jungen Betroffenen, die sich in der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs engagieren. Nicht nur der finanziellen Situation geschuldet, auch mangels Aufklärung und Information nahmen bislang nur 8,4 Prozent der jungen Frauen, die an Krebs erkranken, fruchtbarkeits­erhal­tende Maßnahmen in Anspruch, wie eine Auswertung des FertiPROTEKT-Netzwerkes von 2015 zeigt. Für Männer fehlt es gar gänzlich an derartigen Zahlen.

Wichtig sei, dass der Onkologe beziehungsweise der onkologisch tätige Arzt auch auf die Beratung zu fruchtbarkeitserhaltenden Maßnahmen verweise, etwa in eines der mittler­weile 128 FertiPROTEKT-Zentren im deutschsprachigen Raum, betonte deshalb Ariane Germeyer, Vorstandsvorsitzende des Netzwerkes und leitende Oberärztin in der Abteilung Gynäkologi­sche Endokrinologie und Fertilitätsstörungen des Universitätsklinikums Heidelberg.

Paragraf 27a Absatz 4 SGB V

Der neugefasste Paragraf 27a Absatz 4 SGB V ermöglicht die Fruchtbarkeitserhaltung für Mädchen und Frauen bis zum vollendeten 40. Lebensjahr und für Jungen und Männer bis zum vollendeten 50. Lebensjahr. Eine Altersgrenze nach unten sieht das Gesetz nicht vor.

Damit sind grundsätzlich etwa 11.000 Mädchen und Frauen sowie 22.000 Jungen und Männer eingeschlossen, die in Deutschland jährlich nach Zahlen des Zentrums für Krebs­registerdaten an Krebs erkranken. Das Gesetz gilt aber grundsätzlich für alle Patienten, bei denen eine Kryokonservierung wegen einer Erkrankung und deren Behandlung mit einer keimzellschädigenden Therapie medizinisch notwendig erscheint.

„Die neue gesetzliche Regelung im SGB V wird auch Betroffene entlasten, die sich im Rahmen der Behandlung von Autoimmunerkrankungen, Sichelzellkrankheiten oder Thalassämie einer keimzellschädigenden Therapie unterziehen müssen“, so Germeyer.

Die Fruchtbarkeit kann bei Jugendlichen nach der Pubertät mit den gleichen Methoden wie bei den Erwachsenen erhalten werden. „Es ist gut, dass der Gesetzgeber die Kinder in die Regelung eingeschlossen hat. Das Gesetz wird nicht geändert werden müssen, wenn die Methoden zur Fruchtbarkeitserhaltung auch bei den kleinen Kindern in den nächsten Jahren medizinisch voll etabliert sein werden“, ergänzte Germeyer. © nec/aerzteblatt.de

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