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Politik

Tsunami an medizinischen Innovationen könnte Strukturprobleme verursachen

Donnerstag, 9. Mai 2019

/Gorodenkoff, stockadobecom

Berlin – Drucker produzieren menschliches Gewebe, Genscheren verhindern Erbkrank­heiten und Nachrichten über angeblich genmanipulierte Babys in China sorgen für Auf­regung. Was noch vor wenigen Jahren als bloße Science Fiction galt, macht heute bereits rasante diagnostische und therapeutische Fortschritte heute möglich. Ist das deutsche Gesundheitssystem dieser Flut an medizinischen Innovationen gewachsen?

Wie lassen sich neue Technologien nutzen, ohne dabei Fragen zu Ethik, Finanzierung und Nutzen-Risiko-Bewertung aus dem Auge zu verlieren? Darüber diskutierten beim zweiten gesundheitspolitischen Podium der Robert-Bosch-Stiftung in Berlin Mediziner, Politiker, Gesundheitsforscher und Experten für Bioethik und Data Science.

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In der medizinischen Forschung seien derzeit gewaltige Fortschrittssprünge zu beobach­ten, berichtete Thomas Schulz, langjähriger USA-Korrespondent des Nachrichtenmaga­zins Der Spiegel. Das kalifornische Silicon Valley gilt vielen als eine Art Zukunftslabor, welches zeigt, was in den nächsten Jahren und Jahrzehnten auf die Gesellschaft zukomm­en könnte.

Vergingen früher oft Jahrzehnte, bis eine neue Entwicklung den Menschen erreichte, lie­gen zwischen der „Erfindung“ der Genschere CRISPR/Cas und der erstmaligen Anwen­dung am Patienten nur wenige Jahre. „Probleme entstehen, wenn fortschrittliche Innova­tionen da sind, aber die Prozesse nicht mithalten können“, sagte Schulz.

Entscheidungsstrukturen gelangen an ihre Grenzen

Sollte es tatsächlich zu einem „Tsunami“ medizinischer Innovationen kommen, „werden wir mit unseren derzeitigen Entscheidungsstrukturen nicht klar kommen“, bekräftigte Monika Lelgemann, Unparteiisches Mitglied im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss, meldete aber zugleich Zweifel an der von Schulz propagierten Brisanz der Thematik an.

Daniel Strech, Leiter der AG Translationale Bioethik am Berliner Institut für Gesundheits­forschung der Charité, wies darauf hin, dass die großen Fortschritte in Medizin und Tech­nologie „eine doppelte Herausforderung“ darstellten. Neben dem hohen finanziellen Auf­wand müsse das System auch die Nutzen-Schaden-Prüfung sicherstellen.

Wie ein Ordnungsrahmen aussehen könnte, in dem über die Finanzierung – durch die Solidargemeinschaft oder als Selbstzahlerleistung – und das Nutzen-Risiko-Verhältnis medizinischer Innovationen entschieden werden kann, ist unklar. Der Medizininformatiker Thomas P. Zahn, Geschäftsführer GeWINO der AOK Nordost und Leiter des fib Forschungs­institutes der bbw Hochschule, plädierte für die Schaffung „eines geschützten Raumes“, in dem über den Nutzen neuer Technologien gesprochen werden kann, aber auch darüber, wie die Akzeptanz unter den Patienten erreicht werden könne.

„Der Patient muss im Vordergrund stehen“, betonte Claudia Schmidtke, Patientenbeauf­tragte der Bundesregierung und Mitglied der Enquete-Kommission. „Was dem Patienten gut tut, muss man ihm auch anbieten, aber man muss auch schauen, was ihm nicht gut tut.“

Birgit Dembski vom Vorstand der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe von Menschen mit Behinderung, chronischer Erkrankung und ihren Angehörigen kritisierte, dass ein riesiger Unterschied zwischen der realen Versorgung der Patienten und der Zukunft bestehe, die hier diskutiert werde. Und auch Johann Heinrich Arens, Hausarzt im nord­rhein-westfälischen Kreis Viersen, warnte, über Big Data zu reden, wenn nicht einmal technologische Kleinigkeiten geregelt seien, etwa die digitale Versendung eines Befundes zwischen zwei Arztpraxen.

Auf die Frage, ob die deutsche Ärzteschaft angesichts dieser Entwicklungen denn schon in Panik sei, verneinte Tobias Nowoczyn, Hauptgeschäftsführer der Bundes­ärzte­kammer, dies und merkte an, dass „wir ein gutes Gesundheitssystem haben, wenn auch mit Schwächen“. Insbesondere bereite die zunehmende Kommerzialisierung der Medizin Probleme, und neue Technologien würden dies nur noch beschleunigen. Deshalb müsste hier bereits heute etwas getan werden. Deutschland dürfe „kein Selbstzahlermarkt für Innovationen“ werden.

Einig waren sich die versammelten Experten darüber, dass die durch technologische und medizinische Innovationen gestellten Herausforderungen eine „Abkehr von der Wagen­burg-Binnenkriegs-Mentalität“, eine gemeinsame Anstrengung von Ärzten, Krankenhäu­sern, Krankenkassen und Politik erfordere. Andererseits fehle dafür, dass dies auch wirklich klappen werde, „die Fantasie“, wie betonte besipielsweise Lelgemann. Sie forderte zu einer gewissen „Ruhe und Gelassenheit“ auf, nur so sei eine differenzierte Betrachtung der bevorstehenden Veränderungen möglich.

Eine Einstellung, die vor allem bei Schulz auf wenig Gegenliebe traf, der genau in dieser Einstellung eines der größten Probleme sieht: „Die Deutschen haben es in den letzten 20 Jahren mit der Gelassenheit übertrieben“. Genau deshalb sei Deutschland immer hinterhergehinkt, letztlich hätten andere bestimmt, was – auch hierzulande – passiert. © nec/aerzteblatt.de

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