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Medizin

Ursachensuche für Nephropatien junger Agrararbeiter

Montag, 13. Mai 2019

/dpa

Aurora/Colorado In Mittelamerika erkranken seit den 1990er-Jahren immer häufiger junge Agrararbeiter an einem chronischen Nierenversagen, das häufig tödlich endet. Die als mesoamerikanische Nephropathie bezeichnete Erkrankung wurde auch in Indien und Sri Lanka beobachtet. US-Nephrologen vermuten im New England Journal of Medicine (2019; 380: 1843-1852) eine Kombination aus steigenden Temperaturen, Toxinen und Infektionen als Ursache. 

Für die mysteriöse Epidemie, die sich an der pazifischen Küste Mittelamerikas von Mexiko bis Panama ausgebreitet hat, gibt es bislang keine Erklärung. Zunächst schienen nur Zuckerrohrarbeiter betroffen zu sein. Später wurde erkannt, dass auch Berufsgruppen der Agrarindustrie betroffen waren. Die Patienten waren jung, männlich und sie wiesen niemals Risikofaktoren für Nierenerkrankungen wie Diabetes, Hypertonie oder Glomerulonephri­tiden auf. Die Erkrankung ist häufig. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2012 macht sie für 20.000 Todesfälle in Mittelamerika verantwortlich. Die Sterberate an Nierenversagen ist in El Salvador zehnmal höher als in den USA.

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US-Mediziner hatten sich bisher kaum mit der Erkrankung beschäftigt. Dies könnte sich bald ändern, denn laut dem Nephrologen Richard Johnson vom Anschutz Medical Campus in Aurora bei Denver gibt es erste Erkrankungsfälle der mesoamerikanischen Nephropathie inzwischen auch in Kalifornien, Florida und sogar im San Luis Valley, einem lang gestreckten alpinen Tal mit trockenem Wüstenklima in Colorado.

Die Fälle im San Luis Valley wären ungewöhnlich, denn normalerweise tritt die Erkrankung nur in Küstenregionen auf, und zwar dort, wo es am heißesten ist. In größeren Höhen, etwa auf den Kaffeeplantagen, gibt es keine Erkrankungsfälle an der mesoamerikanischen Nephropathie.

Die Erkrankung beginnt mit Fieber und Gliederschmerzen. In den Laboruntersuchungen fällt dann ein starker Anstieg des Kreatinins auf, weshalb die Erkrankung in Nicaragua auch als „Creatinina“ bezeichnet wird. Eine Proteinurie wie bei vielen anderen Nephropathien fehlt. Elektrolytstörungen mit Hypokaliämie, Hyponatriämie und Hypomagnesiämie sind dagegen häufig. Auffällig ist auch ein Anstieg der Harnsäure.

Die Bezeichnung mesoamerikanische Nephropathie ist irreführend, weil die Erkrankung auch in Sri Lanka und in Indien beobachtet wurde. In Indien wird wo sie nach einem Dorf in Andhra Pradesh als Uddanam Nephropathie bezeichnet. Auch in Südasien sind vor allem Arbeiter betroffen. In Sri Lanka erkranken Reisbauern, in Andhra Pradesh auch Arbeiter auf Cashew- und Kokosnussfarmen. Die botanischen Unterschiede machen es unwahrscheinlich, dass die Erkrankung durch ein natürlich vorkommendes Toxin ausgelöst wird, wie dies bei der Balkannephropathie der Fall ist, die auf mit Aristolochiasäuren verunreinigtem Weizenmehl zurückgeführt wird.

Johnson hat eher chemische Toxine in Verdacht. Auf den Feldern in Mittelamerika, Indien und Sri Lanka werden – wie überall in der „industrialisierten“ Landwirtschaft – Pestizide eingesetzt. Der übliche Verdächtige ist hier mittlerweile Glyphosat, das weltweit am häufigsten eingesetzte Herbizid. Dieser Ansicht waren auch die Behörden in Sri Lanka, die 2015 die Verwendung von fünf als nephrotoxisch eingestuften Pestiziden verbot, darunter Glyphosat. Inzwischen darf Glyphosat wieder in begrenztem Umfang eingesetzt werden. Auch in El Salvador hat sich das Parlament im Jahr 2013 für ein Verbot von Glyphosat und 53 anderen Pestiziden ausgesprochen. Ein entsprechendes Gesetz wurde jedoch niemals verabschiedet. 

Einen Beweis für die Pestizidhypothese gibt es laut Johnson nicht. Der Nephrologe vermutet, dass die Chemikalien nur einer von 3 Faktoren ist. Der zweite Faktor könnten die infolge des Klimawandels steigenden Temperaturen sein, denen die Arbeiter auf den Feldern ausgesetzt sind und die regelmäßig zur Dehydration führen. Zuckerrohrarbeiter verlieren laut einer Studie täglich 2,8 kg an Gewicht, selbst wenn sie 5 bis 6 Liter Flüssigkeit zu sich nehmen. In Nicaragua wurden die Arbeiter deshalb angewiesen, täglich 10 Liter zu trinken. 

Der dritte Faktor sind Krankheitserreger. Verdächtigt werden Leptospiren (Erreger der Leptospirose) und Hantaviren. Beide können eine Nephropathie auslösen, doch auch hier ist die Beweislage laut Johnson dürftig. Sollte es zutreffen, dass die Erkrankung auch in den USA angekommen ist – wofür sich bei einer ersten Suche auf den Seiten der CDC keine Hinweise finden – dann dürfte die Suche nach den möglichen Ursachen der rätselhaften Erkrankungen in den nächsten Jahren intensiviert werden. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #92214
H.-D. Falkenberg
am Dienstag, 14. Mai 2019, 10:58

Ursachensuche für Nephropatien junger Agrararbeiter

Der nächste Bayer-Fall. Ein medizinscher Laie kommentiert.
Avatar #578653
Dr. Hartwig Raeder
am Dienstag, 14. Mai 2019, 08:58

Extrarenalsyndrome

Nierenkrankheiten (Nephropathien) sind selten. Sehr häufig beruht eine Niereninsuffizienz auf den Extrarenalsyndromen nach Wilhelm Nonnenbruch, also auf der Niereninsuffizienz ohne Nierenkrankheit. Tatsächliche Nierenkrankheiten hätte man histologisch nachweisen können. Also liegt die Ursache hier außerhalb der Nieren, und zwar praerenal. Jede Verkleinerung des Herzzeitvolumens verkleinert die renale Perfusion und damit die glomeruläre Filtration. GFR und HZV sind immer proportional. Exsikkosen, Dehydrierungen, Kardiorenalsyndrome, Hepatorenalsyndrome oder Pulmorenalsyndrome wären bei den Agrararbeitern wahrscheinlicher als tatsächliche Nierenkrankheiten.
LNS

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