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Medizin

Wie sich Nipah-Viren in Bangladesh ausbreiten

Dienstag, 14. Mai 2019

Gewebeprobe mit einer Nipah-Virus-Infektion (Mikroskopaufnahme) /dpa

Paris – Das Nipah-Virus, das 1999 als Auslöser einer Epidemie unter Schweinehirten in Malaysia erstmals identifiziert wurde, gehört für die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) zu den 10 gefährlichsten humanen Krankheitserregern. Seit 2001 kommt es in Bangladesh, einem der am dichtesten bevölkerten Länder der Erde, immer wieder zu kleineren Ausbrüchen. Eine Untersuchung im New England Journal of Medicine (2019; 380: 1804-1814) erklärt, warum es bisher nicht zu einer schweren Epidemie gekommen ist.

Während der ersten bekannt gewordenen und bisher größten Epidemie erkrankten auf der Halbinsel Malaysia auf Schweinefarmen 257 Menschen, von denen 105 an den Folgen einer Enzephalitis starben. Gegen die Erkrankung gibt es weder eine wirksame Behandlung, noch wurde bisher ein Impfstoff entwickelt.

Dass weitere größere Epidemien ausgeblieben sind, ist einzig dem Umstand zu verdanken, dass die Infektiosität für Menschen gering ist. Denn sein natürliches Reservoir, Flughunde der Gattung Pteropus, ist in Süd- und Südostasien bis hin nach Australien und Madagaskar weit verbreitet. Die Menschen können über Ausscheidungen der Flughunde oder kontaminierte Palmfrüchte oder Brunnen mit dem Virus in Kontakt geraten. Am häufigsten erfolgt die Übertragung jedoch durch Schweine als Zwischenwirt.

Seit dem Jahr 2001 ist es in Bangladesch immer wieder zu kleineren Ausbrüchen gekommen, was angesichts der hohen Bevölkerungsdichte des Landes von Epide­miologen mit großer Besorgnis betrachtet wird, zumal Übertragungen von Mensch zu Mensch möglich sind. Ein internationales Team um Henrik Salje vom Institut Pasteur in Paris hat deshalb die Umstände der Erkrankung bei 248 Menschen erforscht, zu denen es zwischen April 2001 und April 2014 in Bangladesh gekommen war und die für 193 Patienten (73 %) tödlich endete.

In 82 Fällen konnte die Erkrankung auf eine Übertragung von Mensch zu Mensch zurückgeführt werden. Salje ermittelt eine Reproduktionszahl von 0,33 (95-%-Konfidenz­intervall 0,19 bis 0,59), die damit zu gering war, um einen größeren Ausbruch zu verursachen. Als Voraussetzung für eine Epidemie gilt eine Reproduktionszahl von mehr als 1. Eine Person muss mehr als eine andere Person infizieren, bevor sie stirbt.

Die Forscher konnten 17 „Übertragungsbäume“ ermitteln. In einem dieser Miniausbrüche waren über 5 Generationen 32 Erkrankungen aufgetreten. Bei den anderen hatte der Ausbruch früher geendet. Die meisten Infektionen ließen sich auf nur 12 Indexpersonen zurückführen. Darunter waren auffällig viele Männer, die 8-mal so viele Menschen infizierten wie weibliche Patienten. Ein weiterer Risikofaktor war das Alter: Fast alle Übertragungsereignisse stammten von Patienten, die älter als 45 Jahre waren. Alle „Super-Spreader“, die mehrere Menschen infizierten, waren ältere Männer.

Das Virus wird vermutlich über Atemwegssekrete übertragen. Voraussetzung für eine Ansteckung ist ein enger Kontakt. Das Infektionsrisiko war in der Familie am höchsten. 8 von 56 Ehegatten (14 %) erkrankten. Von den anderen engeren Familienmitglieder erkrankten 7 von 547 (1,3 %). Unter den übrigen Kontakten waren es nur 18 von 1.996 (0,9 %). Personen, die mehr als 48 Stunden engen Kontakt zu einem Infizierten hatten, erkrankten 13-mal häufiger. Unter Ärzten oder anderen Gesundheitsarbeitern gab es lediglich drei Erkrankungsfälle.

Keiner der 1.863 asymptomatischen Kontakte, bei denen serologische Tests durchgeführt wurden, war mit dem Nipah-Virus infiziert. Die Ansteckungen erfolgten nur während der aktiven Phase der Erkrankung und alle Patienten, die andere infizierten, starben an den Folgen der Infektion.

Das Risiko einer größeren Epidemie scheint damit insgesamt überschaubar – so lange sich die Infektiosität des Virus nicht erhöht. Dies ist nach Einschätzung der WHO nicht auszuschließen. Sie zählt Nipah-Viren zu den Krankheitserregern, die das Potenzial für eine bedrohliche Ausbreitung haben, die derzeit weder durch Medikamente noch durch Impfstoffe gestoppt werden könnte. Die anderen Erreger sind das Krim-Kongo-Fieber-Virus, das Ebola- und das Marburg-Virus, das Lassa-Virus, das MERS- und das SARS-Coronavirus, das Hendra-Virus, das Rifttalfieber-Virus, das Zita-Virus und den Erreger der „Krankheit X“. Die „Krankheit X“ steht für die Gefahr, das ein bisher nicht bekannter Erreger auftritt. © rme/aerzteblatt.de

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