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Mehr als 60 Prozent der Deutschen wären bei Widerspruchslösung Organspender

Mittwoch, 15. Mai 2019

/dpa

Berlin – Fast zwei Drittel der Deutschen wären Organspender, wenn sie diesen Status automatisch von Geburt an hätten. Aktuell besitzen gerade einmal 36 Prozent der Bundesbürger einen Organspenderausweis. Diese große Lücke ist der bestehenden Zustimmungs­lösung geschuldet. Das stößt bei vielen Menschen in Ländern mit Wider­spruchslösung auf Kritik, wie der Stada-Gesundheitsreport 2019 zeigt.

63 Prozent der deutschen Teilnehmer gaben demnach an, dass sie ihren Status als Donor beibehalten würden, wenn auch hierzulande ein passives System bestünde.
Unter den rund 18.000 Befragten waren jeweils rund 2.000 Befragte aus Deutschland, Belgien, Frankreich, Italien, Polen, Russland, Serbien, Spanien und dem Vereinigten Königreich. Die Befragung wurde vom Marktforschungsinstitut Kantar Health im Auftrag der Stada Arzneimittel AG durchgeführt.

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Bei einer Pressekonferenz in Berlin wurde deutlich, dass in Deutschland – wie auch in Großbritannien, das ebenfalls auf eine Zustimmungslösung setzt – ein großes unge­nutz­tes Potenzial an Organspendern existiert.

Die anderen sieben untersuchten Nationen haben eine Widerspruchslösung. Dort ist nicht nur die Zahl der Organspender höher als in der Bundesrepublik, die Bevölkerung der Länder kritisiert teilweise auch das Zustimmungssystem: Knapp die Hälfte der Befragten hält das Vorgehen von Deutschland und Großbritannien für wenig sinnvoll. 22 Prozent sind sich sicher, dass dadurch viele Organspender verloren gehen, weitere 24 Prozent halten die Organspende ohnehin für ihre Pflicht.

Gene sind Privatsache

Eine weitere Frage war, wie offen die verschie­denen Nationen gegenüber neuen Trends in der Medizin sind und wie sehr sie noch auf die klassische Medizin ver­trauen. Die Deutschen schnitten in beiden Punkten unterdurchschnittlich ab. Der Gesundheitsreport zeigt, dass die Deutschen offenbar am ehesten auf die eigenen Erfahrungen vertrauen und sowohl technischem als auch medizinischem Fortschritt skeptischer gegenüberstehen als der Rest Europas.

Würde der Arzt zum Beispiel einen Gentest empfehlen, um Gesundheitsrisiken besser abschätzen zu können und eine bessere Behandlung anzubieten, würden nur 42 Prozent vorbehaltlos zustimmen. In allen anderen befragten Ländern liegt der Wert bei über 60 Prozent.

Besonders skeptisch sind deutsche Frauen und die Befragten zwischen 35 und 49 Jahren, von ihnen würden nur 39 bzw. 37 Prozent vorbehaltlos zustimmen. Weitere 24 Prozent der Deutschen würden zwar zustimmen, sich dabei aber sehr unwohl fühlen. Jeder Dritte lehnt kategorisch ab. Warum? Fehlendes Vertrauen in die Richtigkeit des Tests (8 Prozent) oder Angst, dass die eigenen Ergebnisse in die „falschen Hände“ geraten (4 Prozent). Und jeder Fünfte sagt, er möchte gar nicht wissen, welche Risiken ihn erwarten.

In anderen Nationen steht man Gentests offener gegenüber, in Spanien etwa würden 90 Prozent der Befragten einen Test durchführen lassen, wenn der Hausarzt es em­pfehlen würde. Ein durchaus überraschendes Ergebnis, wenn man bedenkt, dass nur im Schnitt 24 Prozent der Befragungsteilnehmer in Europa überhaupt wissen, was bei einem Gentest untersucht wird und was damit entdeckt werden kann.

„Dieses Ergebnis zeigt zum einen den Einfluss, denn der Hausarzt auf seine Patienten hat, andererseits aber auch große Wissenslücken“, sagte Tim Irfan von Kantar Health, der die Ergebnisse der Befragung vorstellte.

Grundsätzlich zeigt der Report auf, dass es beim Gesundheitswissen der Europäer noch Nachholbedarf gibt. Von den rund 18.000 Teilnehmern beantworteten nur 51 alle sechs ge­stellt­en Wissensfragen – wie „Was ist ein Generikum?“, „Was ist ein Bio­si­milar?“ „Was sind Probiotika?“) korrekt. Spitzenreiter war Spanien (15 Teilnehmer, die alle Fragen beantworten konnten), Deutschland bewegte sich mit fünf „Alleswissern“ im unteren Mittelfeld.

OP vom Roboter stößt auf Ablehnung

Ein ähnlich kritisches Bild wie bei den Gentests zeigt sich in Deutschland auch bei anderen zukunftsrelevanten Fragen: 49 Prozent der Bundesbürger können sich vor­stellen, vom Arzt eine Diagnose via Webcam zu bekommen. Nur in Belgien sind noch weniger Menschen offen für die zeitsparende Art der Kommunikation mit dem Arzt. Biosensoren zur Überwachung von Gesundheitsdaten würden 29 Prozent der Deut­schen nutzen, im europäischen Durchschnitt sind es 38 Prozent, Spitzenreiter ist Spanien mit 49 Prozent.

Beim Blick in die fernere Zukunft lehnt jeder zweite Deutsche eine Operation von einem Roboter kategorisch ab. Nur in Serbien sind es noch mehr. In Italien beispiels­weise würden sich zwei Drittel der Bevölkerung vom Roboter operieren lassen. Beson­ders skeptisch in Deutschland sind in diesem Punkt wieder Frauen – von ihnen wür­den sich nur 42 Prozent von einem Roboter operieren lassen.

Angesichts dessen, dass roboterassistierte Operationen bereits gang und gäbe seien, bestehe hier offenbar dringen Aufklärungs- und Informationsbedarf, sagte Tim Irfan von Kantar Health.

Misstrauen gegenüber Schulmedizin

Aber auch der klassischen Schulmedizin stehen die Deutschen offenbar mit Skepsis gegenüber. Nur 23 Prozent der Bundesbürger vertrauen dieser völlig, 39 Prozent immer­hin im Großen und Ganzen. Besonders misstrauisch sind erneut Frauen und die Altersgruppe der 35- bis 49-Jährigen, also diejenigen, die auch den Gentest am häufigsten kategorisch ablehnen. Im Ländervergleich haben nur Russland, Polen und Serbien noch weniger Vertrauen in die Schulmedizin.

Worauf vertrauen die Deutschen dann? Auf sich selbst. Bei Anzeichen einer leichten Erkrankung, etwa Magen- oder Erkältungsbeschwerden, greifen 49 Prozent auf Hausmittel wie Hühnerbrühe oder Wärmflasche zurück, der mit Abstand höchste Wert in allen neun befragten Ländern. Im europäischen Durchschnitt setzen nur 27 Prozent zuerst auf Hausmittel, in Italien sogar nur 14 Prozent.

Zuerst zum Arzt gehen in Deutschland elf Prozent, noch ein Prozent mehr geht für eine Beratung zuerst in die Apotheke. Damit schlagen Arzt und Apotheke das Internet, hier suchen nur acht Prozent als Erstes nach einer Lösung. Das größte Vertrauen in Arzt und Apotheke haben die Spanier: 38 Prozent von ihnen gehen bei ersten Krankheitssymptomen zuerst zum Arzt, 20 Prozent zur Beratung in die Apotheke. © nec/aerzteblatt.de

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