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Medizin

Fertiggerichte lassen Menschen mehr essen

Montag, 20. Mai 2019

Fertigprodukte im Kühlregal /dpa
/dpa

Bethesda – Fertiggerichte veranlassen Menschen offenbar, mehr zu essen. Das berichten Wissenschaftler in einer kontrollierten Interventionsstudie, die in Cell Metabolism erschienen ist (2019; doi: 10.1016/j.cmet.2019.05.008). Probanden, die 4 Wochen stark prozessierte Mahlzeiten gegessen hatten, nahmen zu; solche, die frisch zubereitete Mahlzeiten gegessen hatten, nahmen im gleichen Maße ab.

Für die Cross-Over-Studie haben 20 normalgewichtige und gesunde Probanden 4 Wochen lang in einem Labor gelebt und gegessen. In den ersten 2 Wochen haben die Wissen­schaftler ihnen entweder 3-mal täglich ausschließlich stark prozessierte oder frisch zubereitete Mahlzeiten angeboten. Für die folgenden 2 Wochen wechselten die Probanden in die jeweils andere Gruppe. Das Frühstück bestand beispielsweise entweder aus Pancakes mit frittierten Kartoffeln und Würstchen oder aus Haferspeise mit Blaubeeren und Nüssen. Die Probanden durften jeweils so viel von den angebotenen Speisen essen, wie sie wollten.

Die Energiezufuhr war während der stark prozessierten Mahlzeiten größer. Im Schnitt 500 Kilokalorien mehr pro Tag haben Probanden zu sich genommen (508 ± 106 kcal/Tag). Darin entahlten war ein erhöhter Konsum von Kohlenhydraten (280 ± 54 kcal/Tag) und Fett (230 ± 53 kcal/Tag), aber nicht von Proteinen (-2 ± 12 kcal/Tag). Die Gewichtsveränderungen korrelierten mit der Energiezufuhr: Während der Ernährung mit Fertiggerichten nahmen die Teilnehmer um 0,9 ± 0,3 kg zu. Hingegen resultierte die Ernährung mit unprozessierten Mahlzeiten in einer Gewichtsreduktion um 0,9 ± 0,3 kg.

Unterschiedliches Essverhalten

Der Effekt auf das Gewicht ließe sich jedoch nicht auf die reine Zusammensetzung des Essens zurückführen, so die Forscher des National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases in den Vereinigten Staaten. Denn die Mahlzeiten waren in puncto Kaloriengehalt, Fett, Zucker, Salz, Ballaststoffe und Makronährstoffe gleich und lösten dennoch ein unterschiedliches Essverhalten der Studienteilnehmer aus.

Protein-leverage-Hypothese: Die Proteinmenge ist entscheidender für die Sättigung und Appetitregulation als die aufgenommene Kalorienmenge. Ein geringerer Proteinanteil der Nahrungsmittel verursacht daher eine erhöhte Adipositasprävalenz. Snacks, aber auch viele hochprozessierte Lebensmittel enthalten nur wenig Eiweiß und sättigen daher kaum.

Was genau für diesen Unterschied verantwortlich ist, können die Forscher nur vermuten: Sie erwägen einen Einfluss der Essgeschwindigkeit, der Menge an verzehrten Getränken und des leicht unterschiedlichen Proteingehalts (Protein-leverage-Hypothese, siehe Kasten).

Die Protein-leverage-Hypothese kann nach Ansicht von Marc Tittgemeyer vom Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung in Köln den Effekt nicht hinreichend erklären. Der Leiter der Arbeitsgruppe Translational Neurocircuitry sieht eher die sensorische Wahrnehmung als Ursache, mit der Menschen den Kaloriengehalt eines Essens zunächst messen. „Geschmack, Geruch und Aussehen geben uns einen ersten Eindruck über den Kaloriengehalt unserer Nahrung. Bei Fertigprodukten gibt es hier eine Diskrepanz, weil dabei mehr Kalorien im Essen sind als wir dem beimessen.“ Zudem ließe sich dieses Essen im Regelfall besser aufnehmen und sei sehr schmackhaft, so würde die rein homöostatische Regulation durch das Belohnungssystem überschrieben.

Die Autoren der Studie betonen den möglichen Einfluss von stark prozessierter Nahrung auf Übergewicht und Diabetes. Sie empfehlen, möglichst wenig solcher Mahlzeiten zu sich zu nehmen, weisen aber auch darauf hin, dass frische Mahlzeiten deutlich teuerer sind und deshalb sozioökonomische Faktoren bei Empfehlungen oder Regulationen beachtet werden müssten.

Für Tittgemeyer ist klar, dass die extreme Gewichtszunahme in der Bevölkerung nicht einfach an mehr Essen liegt. Im Vereinigten Königreich wäre die mittlere Kalorien­aufnahme 1970 etwa 2.500 Kilokalorien und liege heute bei circa 2.100 Kilokalorien. „An weniger Bewegung oder weniger körperlicher Arbeit liegt diese Gewichtszunahme nach derzeitigem Stand der Untersuchungen auch nicht.“ Sie müsse also etwas mit der Art des Essens zu tun haben, und Fertigprodukte seien hier ein heißer Kandidat, da diese bei kleinerem Volumen viel mehr Kalorien zur Verfügung stellen würden. © gie/aerzteblatt.de

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Dienstag, 21. Mai 2019, 08:51

Selbst gekocht oder nur konsumiert?

Unter
https://ars.els-cdn.com/content/image/1-s2.0-S1550413119302487-mmc1.pdf
können die Menüs der beiden Vergleichsgruppen im Detail betrachtet werden. Offensichtlich wurden von den Teilnehmer/-innen in der Gruppe ohne Fertiggerichte aber gar keine Frisch-Mahlzeiten selbst zubereitet.

Dass "der Effekt auf das Gewicht sich jedoch nicht auf die reine Zusammensetzung des Essens zurückführen [ließe]", so die Forscher des National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases in den Vereinigten Staaten, ist u.U. eine Fehlannahme.

"Denn die Mahlzeiten waren in puncto Kaloriengehalt, Fett, Zucker, Salz, Ballaststoffe und Makronährstoffe gleich und lösten dennoch ein unterschiedliches Essverhalten der Studienteilnehmer aus" bedeutet folgerichtig, dass in der Fertiggerichte-Gruppe deutlich m e h r Kalorien, Fett, Zucker, Salz, Ballaststoffe und Makronährstoffe aufgenommen wurden, als in der Vergleichsgruppe der mit Frischkost Ernährten, die signifikant weniger aßen bzw. an Gewicht abgenommen hatten.

Im realen Leben sind die "Selber-Kocher" wegen der meist eigenhändigen Zubereitung ihrer Nahrung wesentlich mobiler, aktiver und tätiger als die deutlich trägere Vergleichsgruppe, die sich überwiegend von Fertiggerichten ernährt.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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