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Medizin

Neue Infektions­krankheiten bedrohen Blutsicherheit

Donnerstag, 16. Mai 2019

/auimeesri, stock.adobe.com

Berlin – Durch den Klimawandel, der den hiesigen Lebensraum auch für „wärme­liebende“ Mücken attraktiv macht, und ein erhöhtes Reiseaufkommen drängen ehe­mals nur in den Tropen verbreitete Krankheitserreger wie das West-Nil- oder das Zikavirus nach Europa. Für die Sicherheit von Bluttransfusionen und die Versorgung mit Blutpro­dukten stellt diese Entwicklung eine ernstzunehmende Bedrohung dar.

„Die klassischen Erreger wie HIV und HBV haben wir im Griff“, sagte Andreas Humpe, Direktor der Abteilung für Transfusionsmedizin, Zelltherapeutika und Hämostaseologie am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München, heute bei einer Pressekon­ferenz in Berlin. Die Wahrscheinlichkeit etwa, mit einer Transfusion HIV zu übertragen, liege heute bei etwa 1:40 Millionen. Damit sei erreicht, was sich mit verhältnismäßigen Sicherheits­maßnahmen erreichen lasse, so Humpe.

„Die nächste große Problemkrankheit bei uns wird die Infektion mit dem West-Nil-Virus sein“, prognostizierte Norbert Becker, Biologe und wissenschaftlicher Direktor der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage.

Im September 2007 wurden auf einer Autobahnraststätte der A5 in Baden-Württem­berg erstmals Eier der Asiatischen Tigermücke Aedes albopictus entdeckt. „Die Mücke kam mit Altreifen in den 1990ern aus den USA nach Italien und von dort über die Ver­kehrswege schließlich zu uns“, berichtet Becker weiter. Aedes albopictus überträgt unter anderem das West-Nil-, das Chikungunya- und das Denguevirus.

Mittlerweile gibt es in Südwestdeutschland stabile Populationen der Tigermücke. Es ist somit nur noch eine Frage der Zeit, bis es zur ersten Übertragung auf den Menschen kommt. Humpe: „Ich rechne mit dem ersten mückenassoziierten West-Nil-Virus-Fall in diesem oder nächsten Jahr.“

Mehr Testungen können nicht die Antwort sein

Es stellt sich die Frage, wie die Sicherheit von Bluttransfusionen auch vor dem Hinter­grund dieser neu auftretenden Krankheitserreger gewährleisten lässt. „Immer mehr Testungen können nicht die Antwort sein“, sagte Humpe, insbesondere, da es für viele Erreger – Malaria sei ein Beispiel – gar keine zuverlässigen Testverfahren gebe.“

In einigen anderen Ländern – unter anderem der Schweiz und Frankreich – geht man mittlerweile einen anderen Weg: Dort werden Blutplasma und Thrombozytenkonzen­trate mit einem Verfahren behandelt, welches Pathogene inaktiviert.

Dem Blut wird die photosensitive Substanz Amotosalen HCI zugesetzt, anschließend wird es mit langwelligem UVA-Licht bestrahlt. Diese photochemische Behandlung führt zu einer irreversiblen Vernetzung der Nukleinsäuren von Pathogenen, wodurch eine Replikation und Transkription nicht mehr möglich ist. Vor der Verabreichung an den Patienten wird die photosensitive Substanz wieder entfernt. Bislang lässt sich das Ver­fahren noch nicht für Erythrozytenkonzentrate anwenden, da das UVA-Licht durch das Hämoglobin in den Erythrozyten absorbiert wird. Allerdings befindet sich auch für die roten Blutzellen bereits ein Pathogeninaktivierungsverfahren im Zulassungsprozess.

Bislang gibt es auf dem europäischen Markt nur das auf Amotosalen HCI und UVA-Licht basierende Pathogeninaktivierungsverfahren. Es macht randomisierten klini­schen Studien zufolge unterschiedlichste Erreger unschädlich, darunter Viren wie HIV, HBV, HCV, West-Nil-Virus, Denguevirus, Zikavirus, Chikungunyavirus aber auch Bakterien und Protozoen (zum Beispiel die Erreger von Malaria, Chagaskrankheit und Babe­siose).

Andere Pathogeninaktivierungssysteme befinden sich in der Entwicklung und verwen­den unter anderem Riboflavin (Vitamin B2) und breitbandiges UV-Licht, um die Nukle­in­säuren der Krankheitserreger zu schädigen.

Humpe betonte, dass sich durch eine Pathogeninaktivierung auch die Versorgungs­sicherheit besser gewährleisten lasse. Aktuelle Beispiele zeigen, dass sich durch Testungen möglicherweise transfusionsbedingte Infektionen vermeiden lassen, es aber zu Engpässen bei der Blutversorgung kommen kann. Mitte 2017 verhängten etwa die Behörden in Rom einen Blutspendestopp, nachdem Fälle von Chikungunya-Fieber bekannt wurden. In der Folge kam es zu einem Mangel an Blutkonserven.

Zweck des bereits 1998 in Kraft getretenen Transfusionsgesetzes sei immer gewesen, die Sicherheit des Spenders, der Spende beziehungsweise der daraus hergestellten Arzneimittel aber auch die Versorgungssicherheit zu gewährleisten“, sagte der Mün­chner Transfusions­mediziner.

Laut des aktuellen Hämovigilanzbericht des Paul-Ehrlich-Institutes wurden im Jahr 2017 rund 4 Millionen Erythrozytenkonzentrate transfundiert. Um den Bedarf zu decken sind täglich 14.000 Blutspenden notwendig, „aber nur 2 bis 3 % der Deutschen spenden Blut“, sagte Humpe. Und die Zahl der Blutspender sinkt.

Spender dürfen nicht verschreckt werden

Eigentlich kann es sich das System nicht leisten, potenzielle Blutspenden zurückzu­stellen, etwa weil der Spender aufgrund von Reisen in Gebiete, in denen bestimmte Krankheitserreger verbreitet sind, zeitweise von der Spende ausgeschlossen werden muss. Laut Humpe seien dies regelhaft etwa 20 %. Und es bestehe immer die Gefahr, dass ein Spender, der einmal „abgewiesen“ worden sei, danach nicht mehr wieder­komme.

Die Einführung eines pathogeninaktivierenden Verfahrens gestaltet sich für deutsche Krankenhäuser derweil schwierig. Zwar ist die Erstattung pathogeninaktivierter Blut­kom­ponenten seit Beginn des Jahres 2018 gesichert. Doch die Blutspendezentren sind mit regulatorischen Hürden konfrontiert, die Zulassungsprozesse sind kompliziert und langwierig – und auch die Finanzierung bereitet Probleme.

Humpe zufolge „bekommt zwar jedes Haus, dass das Verfahren einführt, einen ‚Obo­lus‘, aber der deckt die Kosten nicht.“ Es müsse somit jedes Krankenhaus für sich ent­scheiden, ob ihm die zusätzliche Sicherheit die Mehrkosten wert sei.

Um die Versorgung der Patienten mit sicheren Blutprodukten zu gewährleisten, braucht es Humpe zufolge künftig „eine generelle Anordnung zur Pathogeninaktivie­rung, automatisierte Prozesse in den Krankenhäusern, um die Personalknappheit auszugleichen und eine Digitalisierung der Arbeitsabläufe um Fehltransfusionen zu verhindern“. © nec/aerzteblatt.de

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