NewsPolitikOpfer von Colonia Dignidad in Chile sollen Entschädigung erhalten
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Opfer von Colonia Dignidad in Chile sollen Entschädigung erhalten

Freitag, 17. Mai 2019

Kartoffelkeller der „Villa Baviera“, ehemals Siedlung „Colonia Dignidad“ - dpa

Berlin – Es hat Jahrzehnte gedauert, doch nun soll es für die Opfer der Colonia Digni­dad Hilfe des deutschen Staates geben: Menschen, die von Colonia Digni­dad in Chile ge­fol­tert und miss­braucht wurden, sollen bis zu 10.000 Euro erhalten. Zudem soll ein Alters- und Pflege­fonds diejenigen unterstützen, die nicht im deutschen Sozialsystem sind. Dies sieht das Hilfskonzept einer gemeinsamen Kommission aus Bundesregie­rung und Bundes­tag vor.

In der 1961 gegründeten sektenartigen Siedlung Colonia Dignidad wurden zur Zeit der chilenischen Militärdiktatur von Augusto Pinochet in den Jahren 1973 bis 1990 zahl­rei­che Menschen vergewaltigt, gefoltert und getötet. Die Siedlung war von dem Deutschen Paul Schäfer gegründet worden.

Anzeige

Den Betroffenen soll zum einen über einen Hilfsfonds für individuelle Zahlungen ge­hol­fen werden, aus dem gesundheitliche Leistungen wie Psychotherapien, aber auch Leistungen in Pflege, Bildung und Arbeit in Höhe von bis zu 10.000 Euro erstattet wer­den sollen.

Zum anderen soll ein Fonds Pflege und Alter für Opfer aufgelegt werden, die nicht vom deutschen Sozialsystem profitieren. Viele Betroffene leben heute noch auf dem Gelände der früheren Siedlung – heute Villa Bavaria – oder anderswo in Chile, dut­zende andere sind nach Deutschland zurückgekehrt. Mit der Umsetzung des Hilfs­fonds sowie der Beratung der Opfer wird die Internationale Organisation für Migration (IOM) beauftragt.

Für die finanziellen Hilfen hat der Bundestag bereits eine Million Euro im Haushalt 2019 bewilligt. Das Gesamtvolumen der Zahlungen wird auf etwa 3,5 Millionen Euro geschätzt. Es gehe um „konkrete Hilfe“, aber auch um eine „Geste der Anerkennung des großen Leids“, sagte Außen-Staatssekretär Niels Annen (SPD) heute bei der Vorstellung des Hilfskonzepts in Berlin. Der im Oktober konstituierten Kommission sei bei ihrer Arbeit klar gewesen, dass viele Betroffene wegen ihres Alters oder gesund­heit­licher Probleme schnelle Hilfe benötigten.

Deutschland habe „Schuld“ auf sich geladen, weil die Behörden „weggesehen“ hätten, sagte die Grünen-Bundestagsabgeordnete Renate Künast. Schäfer habe 1961 nach Chile fliehen können, obwohl gegen ihn ein Haftbefehl vorlag.Trotzdem habe er Unter­stützung beim Aufbau seiner Siedlung bekommen. Spätestens 1966, als das erste Opfer aus der Siedlung geflohen sei und von den Verbrechen berichtet habe, hätte man es „wissen können und müssen“.

Künast sprach von einem „akzeptablen“ Ergebnis, damit die Opfer endlich und noch in diesem Jahr Hilfe erhalten könnten. Der Betrag von bis zu 10.000 Euro für jeden Betroffenen könne nur symbolisch sein, aber ihr Leid nicht wieder gut machen, sagte der CDU-Abgeordnete Michael Brand. Er nannte es einen „Skandal“, dass man sich erst heute um die Aufarbeitung der Verbrechen aus den 1970er-Jahren kümmere.

Konstantin Kuhle von der FDP betonte, das Hilfskonzept „steht und fällt damit“, dass die Leistungen „niedrigschwellig“ und ohne großen bürokratischen Aufwand ausge­zahlt würden. Der Linkspolitiker und Jurist Friedrich Straetmanns appellierte an die zuständigen Staatsanwaltschaften, bei der strafrechtlichen Aufarbeitung der Ver­brechen nicht locker zu lassen. © afp/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

26. Mai 2020
Berlin – Sechs Monate nach der tödlichen Messerattacke auf den Berliner Chefarzt Fritz von Weizsäcker hat der Angeklagte vor dem Landgericht der Hauptstadt gestanden. Er bereue die Tat nicht, erklärte
Prozess: Angeklagter gesteht Tötung Fritz von Weizsäckers
22. Mai 2020
La Paz – Boliviens Ge­sund­heits­mi­nis­ter Marcelo Navajas ist wegen Korruptionsvorwürfen in der COVID-19-Pandemie entlassen und festgenommen worden. Dies berichtete die staatliche bolivianische
Boliviens Ge­sund­heits­mi­nis­ter in Affäre um Beatmungsgeräte festgenommen
19. Mai 2020
Berlin – Ein halbes Jahr nach der tödlichen Messerattacke gegen den Arzt Fritz von Weizsäcker, den Sohn des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, hat heute der Prozess gegen einen
Mord an Fritz von Weizsäcker: Prozess in Berlin gestartet
14. Mai 2020
Karlsruhe – Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) hat den grundsätzlichen Kurs der deutschen Politik aus Lockerungen und zugleich weiterhin bestehenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens in der
Verfassungsbeschwerden gegen Coronaregeln gescheitert
4. Mai 2020
München – Im internationalen Blutdopingskandal soll der mutmaßliche Drahtzieher Mark S. zentrale Figuren seines Netzwerkes preisgegeben haben. Das geht angeblich aus Dokumenten eines rechtskräftig
„Operation Aderlass“: Erfurter Arzt Mark S. gibt Komplizen preis
27. April 2020
Leverkusen – Die Coronakrise verzögert die Suche nach einer Einigung im US-Glyphosat-Streit bei Bayer. Der Pharma- und Agrarchemiekonzern beteilige sich weiter konstruktiv an der Mediation und habe
Bayer: Corona-Ausbruch verlangsamt Glyphosat-Mediation in den USA
1. April 2020
Karlsruhe – Ein Mann aus Berlin ist mit einer Verfassungsbeschwerde gegen die dortigen Verbote und Beschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie gescheitert. Das Bundesverfassungsgericht nahm die
LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER