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Medizin

Immer mehr junge Erwachsene erkranken an Darmkrebs

Montag, 20. Mai 2019

/Robert Przybysz, stockadobecom

Lyon und Rotterdam – Die Zahl der Erkrankungen am Kolon- oder Rektumkarzinom ist in einer Reihe von wohlhabenden westlichen Ländern im letzten Jahrzehnt unter den jüngeren Menschen stark gestiegen, während sich bei den über 50-Jährigen ein Rückgang abzeichnet, der vermutlich den Screeninganstrengungen zu verdanken ist. Dies kam in 2 Studien in Lancet Gastroenterology & Hepatology (2019; doi: 10.1016/S2468-1253(19)30147-5) und in Gut (2019; doi: 10.1136/gutjnl-2018-317592) heraus.

Dass Darmkrebspatienten immer jünger werden, ist zuerst in den USA aufgefallen. Dort hat sich die Zahl der Erkrankungen, die vor dem 50. Lebensjahr auftreten, in den letzten 25 Jahren verdoppelt. Im Jahr 2018 wurde in den USA jedes zehnte kolorektale Karzinom bei  Menschen unter 50 Jahren diagnostiziert. Die American Cancer Society hat bereits vorgeschlagen, das Alter für den Beginn des Screenings auf 45 Jahre zu senken. In den meisten anderen Ländern wird frühestens ab dem 50. Lebensjahr zu einer Darmkrebs­vorsorge geraten.

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Das Screening, das idealerweise durch eine Koloskopie erfolgt und das mit Entfernung von Adenomen auch eine präventive Wirkung erzielt, zeigt vermutlich erste Wirkungen, wie die Zahlen zeigen, die Marzieh Araghi von der Internationalen Agentur für Krebsforschung, IARC, und Mitarbeiter vorstellen, die Daten von 21 Krebsregistern aus 7 Ländern ausgewertet haben. Dies waren Australien (1983-2012), Dänemark (1978-2012), Großbritannien (1995-2014), Irland (1995-2013), Kanada (1995-2014), Neuseeland (1995-2014) und Norwegen (1953-2014).

In der Altersgruppe der 50- bis 74-Jährigen geht die Inzidenz des Kolonkarzinoms in Australien derzeit um 1,6 % pro Jahr zurück. In Kanada beträgt der Rückgang 1,9 und in Neuseeland sogar 3,4 pro Jahr. Beim Rektumkarzinom verzeichnet Australien einen jährlichen Rückgang um 2,4 %. In Kanada und in Großbritannien erkranken pro Jahr 1,2 weniger Menschen zwischen 50 und 74 Jahren am Rektumkarzinom. In den anderen Ländern stagnieren die Erkrankungszahlen oder nehmen (noch?) leicht zu.

Bei den jüngeren Menschen gibt es einen gegensätzlichen Trend. In der Altersgruppe unter 50 Jahren ist es laut den IARC-Zahlen in den Untersuchungszeiträumen zu einem Anstieg der Darmkrebserkrankungen gekommen. Die Inzidenz stieg in Dänemark jedes Jahr um 3,1 %, in Australien und Neuseeland um 2,9 und in Großbritannien um 1,8 %. Beim Rektumkarzinom gibt es bei den unter 50-Jährigen einen jährlichen Anstieg um 3,4 in Kanada, um 2,6 in Australien und um 1,4 in Großbritannien.

Die Inzidenz des Rektumkarzinoms steigt laut Araghi vor allem in der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen: In Norwegen beträgt die im letzten Jahrzehnt 10,6 %, in Dänemark sogar 18,1 %.

Trotz dieses Anstiegs sind die absoluten Erkrankungszahlen bei jüngeren Menschen noch gering. Araghi vermutet, dass ein allgemeines Screening derzeit noch nicht kosteneffektiv ist. Bei Hinweisen auf ein genetisches Risiko, etwa eine positive Familienanamnese, könnte ein frühes Screening jedoch sinnvoll sein.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt ein Team um Manon Spaander vom Erasmus MC in Rotterdam, das ebenfalls die Daten von Krebsregistern ausgewertet hat. Die Analyse ist auf Europa beschränkt, umfasst aber den im Vergleich zur IARC-Analyse längeren Zeitraum von 1990 bis 2016.

Spaander entdeckte ebenfalls den deutlichsten Anstieg der Inzidenz in der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen. Das Kolorektalkarzinom hat hier von 0,8 auf 2,3 pro 100.000 Menschen zugenommen. Den stärksten Anstieg gab es zwischen 2004 und 2016 mit 7,9 Prozent pro Jahr. Er war in den meisten Ländern nachweisbar, darunter in Deutschland. Nur in Italien kam es zu einem leichten Rückgang.

In der Gruppe der 30- bis 39-Jährigen stieg die Inzidenz von 2005 bis 2016 um durch­schnitt­lich 4,9 pro Jahr und damit weniger stark als in der jüngeren Altersgruppe. Bei den 40- bis 49-Jährigen sank die Darmkrebsinzidenz zwischen 1990 und 2004 um 0,8 %, danach etwas stärker um 1,6 pro Jahr.

Die Zahl der durch Darmkrebs verursachten Todesfälle hat sich laut der Untersuchung in der jüngsten Altersgruppe (20 bis 29 Jahre) nicht verändert. In der Altersgruppe der 30- bis 39-Jährigen kam es jedoch zu einem Rückgang um 1,1 und bei den 40 bis 49-Jährigen um 2,4 pro Jahr (im Zeitraum 1990 bis 2009).

Warum Darmkrebs bei jüngeren Menschen immer häufiger wird, konnten die Studien nicht klären. Es liegt jedoch nahe, die Ursachen in den Ernährungsgewohnheiten der Bevölkerung zu suchen, etwa im Alkoholkonsum und im Verzehr von verarbeitetem Fleisch, dem die IARC als „vermutlich krebserregend“ einstuft. Aber auch die zunehmende Adipositas und der Bewegungsmangel werden als Risikofaktoren diskutiert. © rme/aerzteblatt.de

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