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Politik

Neue Arzneimittel werden immer teurer

Dienstag, 21. Mai 2019

/Geza Farkas, stockadobecom

Berlin – Jedes vierte neu auf den Markt gekommene Arzneimittel kostete im vergange­nen Jahr mehr als 100.000 Euro pro Jahr und Patient. Damit hat sich der Anteil der hoch­preisigen Medikamente in den vergangenen vier Jahren verdoppelt. Das geht aus dem aktuellen AMNOG-Report hervor, den Wolfgang Greiner von der Universität Bie­le­feld zusammen mit seinen Mitarbeitern für die DAK-Gesundheit erstellt hat.

In der Folge sind auch die Ausgaben der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) für Arzneimittel angestiegen: Im Jahr 2017 lagen sie bei 41,5 Milliarden Euro. Das sind 3,5 Prozent mehr als noch im Jahr davor.

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„Viele neue Medikamente knacken die 100.000-Euro-Marke. Deshalb brauchen wir neue Vertragsmodelle mit den Herstellern“, meinte der Vorstandsvorsitzende der DAK, Andreas Storm. „Das Solidarsystem darf nicht überfordert werden, gleichzeitig müssen medizinische Innovationen auch beim Patienten ankommen.“

Vor diesem Hintergrund sei es enorm wichtig, nicht nur streng nach den Überlebens­chancen zu urteilen. Auch die Lebensqualität nach der Arzneigabe müsse stärker berücksichtigt werden.

Lebensqualität wird zunehmend zum Therapieziel

Dem AMNOG-Report zufolge ist die Entwicklung der Daten zur gesundheitsbezoge­nen Lebensqualität im Allgemeinen positiv: Während diese zur Einführung des AMNOG-Prozesses in vielen Dossiers der Pharmaunternehmen noch fehlten, bein­halteten im Jahr 2018 über drei Viertel solche Erhebungen.

„Nur durch Daten zur Lebensqualität kann ein vollständiges Bild des Nutzens und des Schadens von neuen Arzneimitteln dargestellt werden“, erklärte Greiner. „Die Lebens­qualität selbst wird immer öfter zum bedeutenden Therapieziel, nicht mehr nur das Überleben des Patienten an sich.“ Das sei eine begrüßenswerte Entwicklung. Den­noch lasse die Datenqualität oft noch zu wünschen übrig. „Wir müssen gemeinsam daran arbeiten, bessere Daten zu erheben und gleichzeitig die verfügbaren Informa­tionen besser nutzbar zu machen“, so Greiner.

Auch der unparteiische Vorsitzende des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA), Josef Hecken, forderte von den pharmazeutischen Unternehmen, mehr und bessere Daten über die Lebensqualität in den klinischen Studien zu erheben. „Leider haben Daten zur Lebensqualität der Patienten noch immer nicht die Bedeutung, die ich mir wünschen würde“, sagte Hecken heute auf dem Hauptstadtkongress in Berlin.

Zwar enthielten die Dossiers zu den neuen Arzneimitteln immer häufiger Daten zur Lebensqualität. Dennoch sei die methodische Erhebung der Daten oft problematisch, sodass diese allein häufig nicht dazu führten, einen bestehenden Zusatznutzen eines neuen Medikaments zu vergrößern beziehungsweise überhaupt einen Zusatznutzen zu generieren.

Hecken fordert mehr Daten zur Lebensqualität

Bislang hätten 254 (77 Prozent) der 332 Dossiers, die der G-BA bis Ende 2018 geprüft hat, Daten zur Lebensqualität der Patienten enthalten, erklärte Hecken. In 121 (48 Pro­­zent) dieser 254 Dossiers habe der Hersteller selbst angegeben, dass das be­treffende Medikament die Lebensqualität erhöhe. Der G-BA sei jedoch nur in 45 Fällen zu derselben Ansicht gekommen.

Hecken kritisierte, dass die Hersteller in den Dossiers noch immer versuchten, einen Zusatznutzen über eine Verlängerung des medianen Überlebens der Patienten zu ge­nerieren. Dabei könne ein neues Arzneimittel auch einen höheren Zusatznutzen als die Standardtherapie erhalten, wenn es die Lebensqualität der Patienten erhöhe. Hecken nannte das Beispiel des Arzneimittels Crizotinib, das einen beträchtlichen Zu­satznutzen im Vergleich zur Standardtherapie erhalten habe, weil es die Lebensqua­lität der Patienten verbessert habe.

Kein reines Instrument für die Preisfindung mehr

Aus dem AMNOG-Report geht hervor, dass die eingereichten Daten zur Lebensqua­lität erheblich zwischen den Erkrankungsgruppen variieren: Während Informationen zur Lebensqualitätssteigerung bei Hauterkrankungen sowie Krankheiten des Nerven- oder des Atmungssystems bei allen eingereichten Wirkstoffen erfasst war, fehlte diese Bewertung bei Stoffwechsel- und Infektionskrankheiten noch häufig.

Generell sei zu beobachten, dass im Hinblick auf die Daten zur Lebensqualität das AMNOG-Verfahren von einem reinen Instrument für die Preisfindung immer weiter abrücke. Es regle vermehrt auch, auf welcher Basis die Versichertengemeinschaft bereit ist, Höchstpreise für Arzneimittel zu bezahlen.

Kritik vom BAH

Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) kritisierte den Report. Die finanzielle Lage der Krankenkassen sei gut, die Arzneimittelausgaben würden nur mo­de­rat steigen, hieß es. „Statt darüber zu spekulieren, ob man sich therapeutische In­no­vationen leisten kann, sollten sich die Kassen überlegen, wie sehr sie den Genera­tio­nenvertrag bei Arzneimitteln noch überreizen wollen“, sagte Martin Zentgraf, BPI-Vorstandsvorsitzender.

Er betonte, die Kassenersparnisse aus Rabattverträgen habe 2018 bei über vier Milli­arden Euro gelegen. Fast 2,3 Milliarden Euro seien zusätzlich durch AMNOG-Er­stattungsbeträge eingespart worden. Aus seiner Sicht werde es die von Kassenseite immer wieder postulierte Überforderung des GKV-Systems nicht geben. © fos/EB/aerzteblatt.de

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