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Politik

Krankenhäusern ging es 2017 wieder schlechter

Mittwoch, 22. Mai 2019

/dpa

Berlin – Nachdem es den deutschen Krankenhäusern im Jahr 2016 zwischenzeitlich wirtschaftlich besser ging, verschlechterte sich die Situation 2017 deutlich. So befan­den sich zwölf Prozent der Krankenhäuser in erhöhter Insolvenzgefahr – und damit fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Das geht aus dem Krankenhaus Rating Report 2019 hervor, der heute in Berlin auf dem Hauptstadtkongress vorgestellt wurde.

Die Zahl der Krankenhäuser mit einem geringen Insolvenzrisiko sank zudem von 84 auf 81 Prozent. Und der Anteil der Krankenhäuser, die im Jahr 2017 einen Jahresver­lust schrieben, stieg von 13 Prozent im Vorjahr auf 28 Prozent an. „Dabei hatten zu­nehmend auch freigemeinnützige und private Krankenhausträger Probleme“, erklärte Sebastian Krolop von der Healthcare Information and Management Systems Society (HIMSS), einer der Autoren der Studie. „Das kannten wir bislang so nicht.“
 
Die größten Probleme hatten dem Report zufolge jedoch nach wie vor kleine, nicht spezialisierte Krankenhäuser in kommunaler Trägerschaft, die in Westdeutschland liegen. Krankenhäuser in Ostdeutschland schnitten deutlich besser ab.

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Das Insolvenzrisiko wird im Krankenhaus Rating Report mit der Ausfallwahrschein­lichkeit gemessen. Diese gibt an, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Krankenhaus innerhalb eines Jahres seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen kann. Von einem hohen Insolvenzrisiko gehen die Autoren des Reports bei einer Ausfallwahrscheinlichkeit von mehr als 2,6 Prozent aus. Ein geringes Insolvenzrisiko haben Krankenhäuser mit einer Ausfallwahrscheinlichkeit von unter einem Prozent.

Krankenhausfälle gehen zurück

Als Hauptgrund für die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage der Krankenhäuser nannten die Autoren des Reports den Rückgang der Krankenhausfälle um 0,5 Prozent im Vergleich zu Vorjahr. Zuvor war die Fallzahl seit 2005 ununterbrochen angestiegen. „Wir gehen davon aus, dass der Rückgang der Fallzahlen auch in den kommenden Jahren anhalten wird – wie hoch er sein wird, ist jedoch schwer zu sagen“, erklärte Krolop.

Auch zu den Gründen könne man nur spekulieren. „Ein Grund ist aus unserer Sicht die zunehmende Ambulantisierung der Medizin, ein weiterer der große Fach­kräfte­mangel“, so der gelernte Arzt. Zudem gebe es bei Leistungen insbesondere im Bereich der Kardiologie und der Orthopädie einen gewissen Sättigungsgrad: Ent­sprechende Leistungen seien im Jahr 2017 rückläufig gewesen.

„Die Auswirkungen der politischen Maßnahmen zur Reduktion der Fallzahlsteigerun­gen, zum Beispiel die Einführung des Fixkostendegressionsabschlags, waren hinge­gen nicht so groß“, erklärte Boris Augurzky vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschafts­forschung, einer der Autoren des Reports. „Sie hatten zwar einen gewissen Effekt. Dieser war aber nicht so stark, wie wir erwartet hatten.“

Angesichts der sinkenden Fallzahlen müssten sich die Krankenhäuser in den kom­menden Jahren anders aufstellen, meinte Augurzky. Insbesondere müssten sie mehr Verbünde und regionale Schwerpunkte bilden, um die Strukturen zu optimieren. Vor allem müssten sie die ambulante Sparte ausbauen – und dabei die Zukunft im Blick haben. „Im Jahr 2025 werden gerade ländliche Krankenhäuser noch viel mehr ambu­lante Aufgaben wahrnehmen als heute“, sagte er.  

Der Markt entscheidet, welche Häuser ausbluten

Die Autoren des Rating Reports kritisierten, dass die Investitionsfördermittel der Bun­desländer im vergangenen Jahr erneut zurückgegangen seien. Zudem bemängelten sie, dass die Kran­ken­haus­struk­tu­ren in vielen Regionen Deutschland nach wie vor ungünstig seien: Die Standortdichte sei zu hoch, es gebe zu viele kleine Einheiten und eine zu geringe Spezialisierung. In der Folge sei die Schere zwischen den Kranken­häusern, die wirtschaftlich gut aufgestellt sind, und den Krankenhäusern, die sich am Existenzminimum befinden, immer weiter auseinandergegangen, wie Krolop erklärte.

Und die Bundesländer hätten die bereits existierenden Planungsmöglichkeiten zu we­nig genutzt, um die Krankenhäuser vom Markt zu nehmen, die nicht mehr gebraucht würden. „Stattdessen fällt der Markt die Entscheidung, welche Krankenhäuser aus­bluten“, so Krolop. „Das ist der falsche Weg. Denn Sie wollen als Patient nicht in einem Krankenhaus behandelt werden, dass sozusagen gerade im Sterben liegt.“

29 Standorte durch Strukturfonds geschlossen

Der von der vergangenen Bundesregierung aufgelegte Strukturfonds, mit dem Träger Strukturen konzentrieren oder Standorte schließen können, weise in die richtige Rich­tung, sagte Augurzky: „Der Fonds hatte anfangs eine mehr als zweifache Überzeich­nung. Das Interesse der Krankenhäuser war also da.“

Im Ergebnis sei die Schließung von 29 Standorten sowie der Abbau von 2.830 Betten beschlossen worden. Ein Abbau beziehungsweise eine Verschiebung eines Kranken­haus­bettes habe dabei 155.000 Euro gekostet. Augurzky wies darauf hin, dass die Anträge bislang nur bewilligt worden seien und es noch mindestens fünf Jahre dauern werde, bis die Vorhaben umgesetzt seien. Die geplante Fortsetzung des Strukturfonds sei aber in jedem Fall sinnvoll.

Das Bundesland mit der niedrigsten Krankenhausdichte in Deutschland ist Sachsen. „Wenn man Sachsen als Maßstab nimmt, müsste man noch 280 Krankenhäuser schließen“, sagte Augurzky. „Dafür bräuchte man in etwa elf Milliarden Euro.“ Diese Mittel könnten allerdings effizienter eingesetzt werden, wenn nicht die Bundesländer die Anträge auf Gelder aus dem Strukturfonds stellten, sondern die Krankenhäuser – und die Häuser den Zuschlag bekämen, die das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis vor­weisen können.  

Geschäftsmodelle müssen sich ändern

In jedem Fall werde sich das Geschäftsmodell von Krankenhäusern massiv ändern müssen. Denn trotz des demografischen Wandels würden immer weniger Patienten auf eine Überkapazität von Krankenhäusern treffen. „Es wäre fahrlässig, die alten Strukturen sich selbst zu überlassen und sie nicht aktiv zu transformieren“, so Au­gurzky. „Wir brauchen neue sektorenübergreifende Vergütungsmodelle.“

Er schlug die Einführung sogenannter Capitation Modelle vor. „Dabei erhält eine Re­gion ein festes Budget für die Krankenhäuser, über das sie dann eigenständig verfü­gen kann“, erklärte Augurzky. „Sie kann zum Beispiel entscheiden, ob die Patienten ambulant oder stationär behandelt werden.“ Dadurch würden Anreize gesetzt, das vor­handene Geld sinnvoll einzusetzen. Und damit könne man herauskommen aus den Detailregelungen aus Berlin, die nie auf den Einzelfall passten.

Der Krankenhaus Rating Report wurde gemeinsam vom RWI und der hcb GmbH in Kooperation mit der HIMSS und Deloitte erstellt. Datengrundlage des Reports sind 466 Jahresabschlüsse von Krankenhäusern aus dem Jahr 2016 und 84 aus dem Jahr 2017. Sie umfassen insgesamt 877 Krankenhäuser mit einem am Umsatz gemesse­nen Marktanteil von 70 Prozent. © fos/aerzteblatt.de

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