NewsAuslandGericht ordnet Wiederaufnahme der Behandlung von Wachkomapatient an
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ausland

Gericht ordnet Wiederaufnahme der Behandlung von Wachkomapatient an

Dienstag, 21. Mai 2019

/dpa

Reims – Der Streit um die Frage nach Leben oder Tod im Fall des Wachkomapa­tien­ten Vincent Lambert geht überraschend weiter und spaltet Frankreich. Nachdem ein französisches Gericht gestern Abend die Wiederaufnahme der lebenserhaltenden Maßnahmen angeordnet hatte, trafen die Eltern heute im Universitätsklinikum von Reims ein. Nach Angaben des Anwalts der Familie wurde die Versorgung von Lam­bert wieder aufgenommen. Über den Fall wird in ganz Frankreich gestritten. Der Präsi­dent des Nationalen Ethikrats rief zur Ruhe auf.

Das Gericht hatte gestern am späten Abend angeordnet, dass die Ernährung und Flüssigkeitszufuhr von Lambert vorerst aufrecht erhalten werden müsse. Erst am Mor­gen war die Behandlung von Frankreichs bekanntestem Wachkomapatienten nach einem jahrelangen Rechtsstreit gestoppt worden. Er hätte dann nur noch wenige Tage zu leben gehabt. Die Eltern des 42-Jährigen wollten den Tod ihres Sohnes mit aller Macht verhindern und gingen gegen die Entscheidung vor.

Anzeige

Lambert war vor rund zehn Jahren bei einem Verkehrsunfall verunglückt und hatte sich schwer am Kopf verletzt. Die Familie hatte sich in Frankreich durch sämtliche Instanzen geklagt, um den Tod ihres Sohnes zu verhindern. Sie scheiterten dort immer wieder und auch vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR), der erst gestern Mittag einen erneuten Antrag der Eltern zurückwies. Das Gericht hatte festgestellt, dass keine neuen Beweise vorgelegt wurden.

Die französische Justiz folgte nun der Aufforderung des UN-Ausschusses zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderungen, an den sich die Eltern gewandt hatten. Dieser hatte zuvor darum gebeten, dass die Behandlung solange fortgesetzt werden solle, bis der Ausschuss sich ein ganzes Bild von der Lage gemacht habe.

Frankreich hatte daraufhin betont, rechtlich nicht an die Forderungen des Ausschus­ses gebunden zu sein. Die Anwälte von Lamberts Eltern argumentierten, dass Frank­reich gegen internationales Recht verstoße, wenn die Entscheidung des Gremiums nicht abgewartet werde.

Die Familie des früheren Krankenpflegers ist zutiefst zerstritten. Seine Eltern und seine Geschwister sind gegen die Einstellung der Pflege, Lamberts Ehefrau will ihn dagegen „in Würde gehen lassen“. Ihr Mann habe sich nie gewünscht, dass sein Leben künstlich verlängert werde, sagte sie vor einigen Jahren. Eine Patientenver­fügung von Lambert gibt es allerdings nicht.

Der tragische Fall hat nicht nur die Familie Lamberts auseinandergerissen, sondern spaltet auch das Land. Die Eltern von Lambert werden von zahlreichen Vertretern der katholischen Kirche unterstützt. Gestern Abend protestierten in Paris Menschen gegen den Behandlungsstopp. Auch zahlreiche Politiker meldeten sich zu Wort. Präsident Emmanuel Macron hatte zuvor betont, sich nicht in die Entscheidung einmischen zu wollen und auf das Urteil der Ärzte zu vertrauen.

Der Präsident des Nationalen Ethikrates rief gestern dazu auf, die neue gerichtliche Frist nun zu nutzen, um ein wenig Ruhe in die aufgeheizte Debatte zu bringen. Das Thema sei komplex, weil es die Menschen berühre, sagte Jean-François Delfraissy dem Sender France Inter. Die Entscheidung des Gerichts bewertete er nicht. © dpa/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

8. Juli 2020
Berlin – Nachdem im Februar das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) das 2015 beschlossene Verbot der geschäftsmäßigen, organisierten Suizidbeihilfe – den Paragrafen 217 Strafgesetzbuch (StGB) – für
Gesellschaftliche Debatte um Suizidbeihilfe kommt in Gang
7. Juli 2020
Berlin – Vor Ende August ist nicht mit einer Stellungnahme des Deutschen Ethikrats zur Debatte um einen Immunitätsausweis nach Infektionen mit SARS-CoV-2 zu rechnen. Die Pressestelle bestätigte heute
Ethikrat äußert sich nicht vor Ende August zum Immunitätsausweis
30. Juni 2020
Karlsruhe – Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) lässt die Frage weiter offen, ob Menschen einen Anspruch gegen den Staat auf die Herausgabe von Medikamenten haben, um sich selbst zu töten. Aus
Karlsruhe lässt Vergabe tödlicher Medikamente offen
24. Juni 2020
Berlin – Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) zur Sterbehilfe haben Patientenschützer eine Neuregelung vorgeschlagen, die organisierte Angebote nach den Kriterien des Richterspruchs
Patientenschützer schlagen Neuregelung zur Suizidhilfe vor
22. Juni 2020
München – Mediziner und Juristen haben heute in München einen ausformulierten, verfassungskonformen Gesetzesvorschlag zur Neuregelung des assistierten Suizids vorgelegt. Explizit Ärzte, aber auch
Wissenschaftler plädieren für ärztlich assistierten Suizid
12. Juni 2020
Berlin – Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) zur Suizidbeihilfe bereitet Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) eine gesetzliche Neuregelung vor. Er wolle die Möglichkeit eines
Spahn will neue Sterbehilferegelung erarbeiten
11. Juni 2020
Hamburg/Zürich – Der vom früheren Hamburger Justizsenator Roger Kusch gegründete „Verein Sterbehilfe“ hat nach eigenen Angaben erstmals einem Senior in einem deutschen Altenheim zum Suizid verholfen.
LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER