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Vermischtes

Prozess um Haarwuchsmittel

Donnerstag, 23. Mai 2019

/Petrik, stockadobecom

Paderborn – Ein Mann hat nach Einnahme eines Haarwuchsmedikaments von einem Pharmahersteller 100.000 Euro Schmerzensgeld verlangt. Sein Prozess begann ges­tern vor dem Landgericht Paderborn.

In der Verhandlung gab der Mann aus Nordrhein-Westfalen an, er leide seit Jahren unter schweren Nebenwirkungen, einem „Post-Finasterid-Syndrom“. Der Fall sorgt für Aufsehen, denn der Wirkstoff Finasterid wird tausendfach in Deutschland verschrieben – und es gibt viele Problemmeldungen.

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Die Haarwuchspillen hätten beim Kläger gravierende Nebenwirkungen ausgelöst, sagt Stephan Bensalah von der Roland ProzessFinanz AG, einem Prozessfinanzierer, der den „Musterfall“ unterstützt. Der klagende Diplomkaufmann – seinen Namen wolle der Mittdreißiger möglichst nicht öffentlich machen – leide nach vier Jahren Pillenein­nah­me unter Depressionen mit Suizidgedanken, sexuellen Einschränkungen wie Erekti­ons­störungen, Erschöpfung, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen. Der Kläger könne nur begrenzt arbeiten, berichtet Bensalah.

Der Wirkstoff ist in mehreren verschreibungspflichtigen Arzneimitteln enthalten und wird zur Behandlung von veranlagungsbedingtem Haarausfall oder einer gutartigen Prostata­vergrößerung verordnet. Da die Krankenkassen die Kosten für das Medika­ment in der Regel nicht übernehmen, ist schwer zu beziffern, wie häufig es verkauft wird. Auf jeden Fall handelt es sich um einen gängigen Wirkstoff.

Experte Uwe Höller geht davon aus, dass Finasterid der am meisten verordnete Wirk­stoff in Deutschland gegen Haarausfall ist und jedes Jahr Tausende Male über die deutschen Apotheken abgegeben wird. Der Mediziner aus Bergisch Gladbach behan­delt Patienten mit „Post-Finasterid-Syndrom“ – Männer vor allem mit psychischen Stö­rungen. Höller ist der Meinung, dass Finasterid nicht mehr bei Haarausfall verschrie­ben werden sollte.

Dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zufolge ist die Wirk­samkeit bei veranlagungsbedingtem Hausaufall beim Mann belegt. „Das Nutzen-Risi­ko-Verhältnis von Finasterid wurde im Rahmen der Zulassung und auch weiterhin im Rahmen der fortlaufenden Überwachung auf europäischer Ebene als positiv bewer­tet“, erläuterte eine BfArM-Sprecherin.

Aber: Nebenwirkungen wie Depressionen und sexuelle Funktions­störungen seien in Studien nachgewiesen – und diese dauerten auch nach einem Stopp der Therapie „Monate bis Jahre“ weiter an. In einzelnen Fallberichten sogar länger als zehn Jahre.

Zulassungsinhaber und Vertreiber finasteridhaltiger Arzneimittel hatten Ärzte erst kürzlich – im Sommer 2018 – in Absprache mit dem BfArM über einen „Rote-Hand-Brief“ über Risiken informiert: Sexuelle Dysfunktionen, verminderte Libido könnten auf Finasterid­einnahme folgen, auch Depressionen mit Suizidgedanken.

Es gebe viele Geschädigte, unterstreicht das Unternehmen Roland ProzessFinanz. Eine weitere „Musterklage“ laufe in Berlin, eine dritte sei für Oktober in Stuttgart ge­plant. In Paderborn gab es schon am ersten Tag einen Teilerfolg: Das beklagte Phar­ma­­unternehmen muss dem Kläger ausführlich Auskunft geben zu Wirkungen, Wech­sel­wirkungen, Nebenwirkungen und bekanntgewordenen Verdachtsfällen, wie ein Ge­richtssprecher berichtete. © dpa/aerzteblatt.de

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